L.A. Crash (2004) von Paul Haggis

Der Mensch kommt auf die Welt durch einen Zufall der Natur. Er wird in diese Welt geboren, ohne gefragt zu werden. Er wird in einer Umgebung groß, die er sich nicht ausgesucht hat. Überhaupt sagt ihm ständig jemand, was er zu tun hat, wie er sich zu verhalten hat, und oft auch, wie er zu denken hat. Wenn Kinder ihre Umwelt erforschen, lernen sie in Kategorien zu denken. Das ist wichtig, damit sie schneller potenzielle Gefahren erfassen, besser lernen können und auch, um sich zu identifizieren. Ihr Gehirn ist darauf ausgelegt. Vielfalt kennt es so erst mal nicht. Hat das Kind seine Kategorien gebildet, lernt es diese weiter auszudifferenzieren. Passt die Schablone nicht mehr, wird eine neue angefertigt. So differenziert sich der Mensch weiter aus, bis er sich und seine Umwelt vollends einordnen kann.

Wie das Kind, so entdeckt auch der Zuschauer Los Angeles. Mit großen Augen und vor Staunen aufgerissenen Mündern lernen wir, was es bedeutet schwarz zu sein, warum die Latinos keine Türschlösser reparieren sollten, die Japaner lächeln (während sie dir das Messer in den Rücken rammen) und die Araber sowieso nix verstehen. Plakativ, übertrieben und selten provokant wird uns jede Identifizierung mit einer Ethnie untersagt, wenn wir das Aufeinandertreffen aller Beteiligten beobachten. Fühlen wir uns sicher und zugehörig, werden wir wieder umgeworfen. Empathie ist hier absolut fehl am Platz. Wir sollen kein Teil von etwas sein. Hilflos, planlos und angreifbar in unserer Identität (und Rasse) können wir nur von einem Ort zum anderen gehen, aber nie wirklich ankommen. Nur Kategorien bleiben uns zum Festhalten.

Im Film sind alle aufeinander angewiesen. Sie gehen Kompromisse ein und dulden den anderen, weil sie ihn brauchen. Hin und wieder gibt es Anknüpfungspunkte, jedoch nie Berührungen. Es wird viel geredet, aber selten miteinander. Niemand fragt nach der Meinung des anderen. Es werden Schicksale geteilt, aber isoliert voneinander bearbeitet. Aus Missverständnissen werden Konflikte und aus Argwohn wird Angst. In der Hilflosigkeit ihres Seins werden wieder Hierarchien aufgebaut und Kategorien neu abgesteckt. Toleranz reduziert sich auf Duldsamkeit, Familiensinn mündet in Rassenwahn, Hilfsbereitschaft in Verachtung.

Alle haben ihre Wahrheit gepachtet, alle wissen, wie die Welt richtig funktioniert. Stellenweise will man sie schütteln, damit sie endlich mit diesem Wahnsinn aufhören. Eine Schlüsselszene ist dabei die des Ladenbesitzers Farhad mit seinem kaputten Schloss. Wenn einem dieses geballte Missverständnis entgegen schlägt, man nur hilflos von einem zum anderen gucken kann, und denkt, dass die Welt verrückt geworden ist, aber genau so Tag für Tag funktioniert, dann fällt einem auch nicht viel mehr ein. Diese ständige Ohnmacht, man fühlt sie deutlich. Schlimmer noch: Man erkennt sie wieder.

—Spoiler—

“It’s the sense of touch. In any real city, you walk, you know? You brush past people, people bump into you. In L.A., nobody touches you. We’re always behind this metal and glass. I think we miss that touch so much, that we crash into each other, just so we can feel something.”

So ist die Massenkarambolage nur folgerichtig und aussagekräftig. Der Zufall, sich zu begegnen und etwas miteinander zu teilen ist kostbar und zutiefst menschlich. Die Rückbesinnung auf das, was wir eigentlich sind, kann es nur gemeinsam geben, wie auch die Freiheit, sich zu integrieren. Letztendlich, kann es somit auch nur eine Kategorie geben und nur den Zufall, der sie zusammenführt.

Erscheinungsjahr: 2004

Regisseur: Paul Haggis

Drehbuch: Paul Haggis, Robert Moresco

Schauspieler: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Jennifer Esposito, William Fichtner, Brendan Fraser, Terrence Howard, Chris Bridges, Thandie Newton, Ryan Phillippe

Bildquelle: © Universum/Central

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