The Revenant von Alejandro González Iñárritu

Vorweg vielleicht: Alejandro González Iñárritus Filme sind sicherlich in vielen Hitlisten von Filmliebhabern sehr weit oben. Und mit „Birdman- Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit“ fand dies letztes Jahr seinen Höhepunkt. Sämtliche Preise überschütteten die vor sich hinstampfende Hollywood-Kritik und Iñárritu kam endlich zu der Aufmerksamkeit, die er schon mit seinen ersten Filmen verdient hatte. In Birdman selbst dreht sich viel um die Kritik an Hollywood oder an der Branche an sich:  Wie sie die Macht hat, Leben zu zerstören oder jemanden in die Höhe zu heben und davon, dass das Inszenieren immer zwischen Angst und Erfolgswahn pendelt und nach ewigem Ruhm strebt, weil sonst nur leere Hülle bleibt.

„The Revenant“ ist nun der Film nach Birdman. Und er ist etwas komplett Anderes. Eingeleitet mit der wohl atemberaubensten Jagd, die eine Kinoleinwand jemals zeigen durfte, sitzt der Zuschauer schon mal schwankend im Sattel. Von Kameraarbeit kann keine Rede mehr sein, nachdem was Emmanuel Lubezki dort betreibt. Kamera-Macht, Kamera-Stunts oder visuelles Kunstgefüge, so oder anders sollte man das bezeichnen. Emmanuel Lubezki erfindet sich nicht neu, er schafft ein neues Genre des Visuellen. Wenn er Ende Februar seinen dritten Oscar in den Händen hält, wird man nicht umhin kommen, zu denken, dass es für ihn eine ganz neue Kategorie geben müsste. Denn besagtes Schwanken im Sattel, es ist real, genau wie alles andere. Die überall zitierte und berühmte Grizzly-Szene, sie wird in die Filmgeschichte eingehen. Noch nie war einem die Natur näher, noch nie entfernter, noch nie hat man sich mit ihr so klein gefühlt. An dieser Stelle müsste man mit Superlativen um sich werfen, denn der ganze Film weiß dies zu bewirken.

Diese Superlative sind es nun, die einen zwischenzeitlich aufmerken lassen. Was gucke ich mir da eigentlich an? Dies fragt man sich ab der zweiten Hälfte, aber dazu später.

Sprechen muss man hier nämlich auch von Iñárritu. Ja, er gerät bei aller Virtuosität von Lubezki in Vergessenheit. Interessanterweise kann man dieses Phänomen auch bei anderen Filmen beobachten, für die sich der Kameramann verantwortlich zeigt. Children of Men und Birdman sind hiervon wohltuende Ausnahmen. In diesen Beispielen zeigt sich, wie sich Genies verbinden und etwas Großes, etwas Neues schaffen. The Revenant fällt nicht darunter. Iñárritu, auch verantwortlich für das Script, fügt einen simplen Racheplot in das Geschehen, was dramaturgisch durchaus nachvollziehbar ist, aber unter Lubezki eben total verblasst. Es ist der Film eines Kameramanns und nicht eines Regisseurs. Lubezki, er lässt uns die Natur spüren, Iñárritu, er stellt sie lediglich zur Schau. Die Ausgewogenheit, wie sie sich in Birdman präsentierte, existiert hier nicht. Diese Meta-Ebenen, die Iñárritu durch den Trapper Hugh Glass oder die Natur anspricht, sie existieren nicht logisch. Was wäre das für ein mutiger und überragender Film gewesen, hätte man diesen Plot nicht so ausgereizt. Ganz simpel: Der Trapper Hugh Glass versucht wieder nach Hause zu kommen, nicht mehr, aber in dieser visuellen Wucht eben auch nicht weniger. Verleiht man eben dieser Wucht einen so minimalistischen Denkansatz, dann folgt daraus konsequenterweise ein wahrgenommenes Missverhältnis. Es fügt sich nicht ineinander und daran krankt auch der letzte Teil des Films. Im Kino konnte man an den Stellen, an denen Hugh Glass sich gleichzeitig als Mensch und Übermensch präsentiert, die Zuschauer lachen hören, was dafür spricht, aber auch durchaus beruhigend ist, vor allem, wenn man sich den letzten Kritikpunkt ansieht.

Was sehe ich mir da eigentlich an?

Wenn man aus diesem Film rausgeht, beschleicht einen ein merkwürdiges Gefühl, beinahe ein schlechtes Gewissen. Wie im Rausch versucht man nach diesem Erlebnis die Orientierung wiederzufinden. Geht es nicht aber genau darum? Geht es nicht um das visuelle Berauschen im Kino. Ja. Aber wie auch bei anderen konsumierbaren Drogen sind die Grenzen fließend. The Revenant sei „Pain Porn“ schreibt Carole Cadwalladr im Guardian. Und sie hat bedingt Recht. Sie vergleicht diesen Film unter anderem mit IS-Videos, was zu weit gegriffen ist und vom Thema wegführt, die Diskussion aber im Kern trifft. Der Zuschauer berauscht sich an Totschlag, Vergewaltigung und Siechtum und das rein visuell. Es existiert keine Erklärung für diese hemmungslose Gewalt. Bei Pornos ist es der schnell zugängliche Sex, der einem körperliche Befriedigung verschafft, aber nichts darüber hinaus. Sollen wir uns also durch Gewalt befriedigen? Diese Frage birgt schon einen Widerspruch in sich.

Iñárritu ist hier meiner Meinung nach seiner eigenen vorjährigen Kritik erlegen oder vielleicht einem selbst auferlegten Zwang, etwas noch Größeres schaffen zu müssen. Es muss jeder für sich selbst beantworten, wie real Film sein kann und sein sollte. Sehenswürdigkeit kann man dem Film nicht absprechen, dennoch sollte man diese Fragen nicht außer Acht lassen.

Es begab sich im Jahre 1895, dass in einem der ersten Filme („L’Arrivée d’un train à la Ciotat“) „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“ besichtigt werden konnte. Der Zug fuhr entfernt aus dem rechten Bildrand, näherkommend, auf den linken Bildrand zu.

Heute lachen wir darüber, damals sind die Menschen panikartig aus dem Kino gerannt.

Quellenangaben:

Cadwalladr, C. (2016). The Revenant is meaningless porn pain. Zugriff am 09.02.2016 unter http://www.theguardian.com/commentisfree/2016/jan/17/revenant-leonardo-dicaprio-violent-meaningless-glorification-pain

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9 Gedanken zu “The Revenant von Alejandro González Iñárritu

  1. war einer der schlechtesten filme die ich mir jemals angesehen habe. fand den so derartig langweilig des todes.viel zu lang,viel zu viele funnötige füller,der trailer verheizt mal die komplette story,musikuntermalung war meines erachtens nach auch failgewählt. ABER

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  2. Schöne Kritik! Ich fand The Revenant eigentlich ziemlich gut, teilweise hab ich mich aber auch gefragt, ob man das denn jetzt zeigen muss. Naja, aber es mit IS Videos zu vergleichen, finde ich schon ziemlich übertrieben. Da kenn ich schlimmeres als The Revenant.
    Aber sehr cooler Artikel, man merkt, dass du Ahnung hast 😉

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    • Danke. Ja, den Vergleich mit den IS-Videos fand ich nicht nur grenzwertig, sondern auch fehl am Platz. Sie wollte aber eigentlich sagen, dass es diesen Effekt hat…wie nennt man das gleich… dass man von Unfällen kennt, man da auch nicht wegsehen kann. Bei den Amerikaner ja dann noch betitelt mit: „Die folgenden Szenen könnten verstörend auf sie wirken…“.

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  3. Das ist die erste Kritik, wo Leonardo nicht gelobt, geschweigedenn erwähnt wird. Der wird Ende Februar nämlich auch einen Oscar in Händen halten. 😉 Natürlich hat der Film keine Metaebene und ich weiß nicht, ob man ihn auch so stark mit BIRDMAN vergleichen sollte. Er ist nunmal ein Western, ein Kampf zwischen Gut und Böse. Da bedarf es keiner ausschweifenden Hintergrundgeschichte.

    Hier nochmal alles ausführlich: https://filmkompass.wordpress.com/2016/01/07/the-revenant-2015/

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    • Nein, in diesem speziellen Fall interessiert es mich tatsächlich nicht. Er hat für viele Filme einen Oscar verdient, und wenn er ihn für diesen bekommt, gern. Der Vergleich mit Birdman diente nur dem Vergleich von der Zusammenarbeit zwischen den beiden Männern. Und ja, ich stimme dir vollkommen zu, es braucht keine ausschweifende Geschichte. Ich verstehe nur nicht, warum diese dann überhaupt angedeutet wird. Man gibt vor, die großen Fragen zu stellen, aber lässt sie dann unbeantwortet oder man stellt sie nicht, deutet aber an, sie zu beantworten? Das hat sich für einfach nicht erschlossen, aber vielmehr war es auch ein Gefühl ab der zweiten Hälfte. Für mich war es ab der zweiten Hälfte nicht mehr stimmig.

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  4. Hallo 🙂
    eine sehr schöne Kritik und fasst das im Kino erlebte gut zusammen. Ich finde deinen Ansatz sehr interessant, dass es der Film eines Kameramannes ist und daher die Handlung nicht harmoniert.

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