Zeit der Kannibalen von Johannes Naber

Wie rutscht man eigentlich in seiner eigenen Sch**** aus? Indem man eine Welt erschafft, die die Künstlichkeit vor die Wirklichkeit stellt, indem man Champagner vor Spott und Verhöhnung nur so knallen lässt, indem man… Bullshit! Gar nicht! Es ist die Zeit der Kannibalen.

Ort: unbekannt, aber höchst zweifelhaft.

Durchkomponierte Manierismen werden ins Hotel getragen und auch der Dreck vor dem Fenster knallt ein Lied. Es ist das Lied der Straße, es ist ein Lied von Widerstand und freier Sicht, welches man innen nicht mehr sehen, aber hören kann. Innen zählt nämlich nur das Team! Gemeinsam suhlt es sich eben doch viel besser. Und nur wer bereit ist, sich schmutzig zu machen, darf hier rein. Consulting. Globalisiert. Uniformiert. Willkommen zu unserer heutigen Sitzung: Kapitalismus at its best.

„India was Yesterday“and „Pakistan is on special offer now.” So move along.

Der Pöbel bleibt aber gefälligst draußen, während ich deren Frauen befriedige. Mein Kundenstamm dankt es ihnen. Dankbar dürfen aber auch sie sein. Optimierung! Hier geht es nicht nur um Geld und Sex, sondern um Verbesserung! Ja, meine Damen und Herren! Das scheinen sie noch nicht verstanden zu haben. Ein wacher Geist ist bestrebt, sich selbst zu optimieren und, wenn er das geschafft hat, andere zu befriedigen, pardon: zu optimieren. Entwicklungshilfe nennt man das. Und dieser Weg führt über die proaktive Routine! Gleiches Ambiente, gleiches Aussehen, gleiche Standards, gleiche Krawatte! Routine, meine Damen und Herren, die Routine! Globaler Funktionalitäts-Konsens.

Gut, dass der Kollege endlich abgetreten ist, nun kann ich was verändern in der Welt. Routiniert und ambitioniert, aber vor allem geradeaus. Und beim Powerpoint-Karaoke lassen wir später unseren lösungsorientierten Dunst ab. Partner sein, heißt hier nämlich nicht nur, endlich aufzusteigen. Partner sein, heißt was zu bewirken. Präsentiert das Humankapital! Endlich keine Bescheidenheit mehr.

“Have you ever asked yourself, what we are doing here?”

Was? Nee? Warum auch? Läuft doch, nicht? Die draußen haben was dagegen, meinen sie? Frauen? Unterdrückt, sagen sie? Bürgerkriege??? Nun machen sie mal einen Punkt, ich kann mich schließlich nicht um alles hier kümmern. Und die entscheiden doch selbst, wem sie ihre Titten vor die Nase hängen. First things first. Uneffiziente Afghanen, musikverschmähende Nigerianerinnen, befindlichkeitsfixierte Spitzmaulnashörner und Moskitos im Hotelzimmer. Ich, ja ich, werde die Welt verändern! Hoch die Tassen!

„See you at the top“

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4 Gedanken zu “Zeit der Kannibalen von Johannes Naber

  1. Wunderbarer Text!
    Wer wissen möchte, um was es überhaupt in dem Film geht: Drei widerwärtige Ärsche (= globale Unternehmensberater) sitzen in einem Hotelzimmer in einer Krisengebiet und werden am Ende (hoffentlich) bestialisch abgeschlachtet!

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