The Look of Silence (2014) von Joshua Oppenheimer

The Look of Silence ist der Nachfolger von „The Act of Killing“, welcher ebenso von Joshua Oppenheimer stammt. Hintergrund beider Filme ist die, in den 1960er von der indonesischen Regierung genehmigten, Hinrichtungen vermeintlicher Kommunisten. Behandelte der erste Teil vornehmlich die Perspektive der Täter, widmet sich der zweite Film nun der Perspektive der Opfer, genauer der Familie von Adi Rukun, dessen Bruder Ramli Rukun nicht einfach nur hingerichtet, sondern auf bestialische Weise ermordet wurde. Dass Adi nun gerade ein Vermesser für Brillen ist, mutet hier gleichzeitig absonderlich und doch auch passend an. So wird der Film damit umrahmt, dass er Brillen für die Täter anfertigen lässt und bei dieser Gelegenheit mit ihnen über die gemeinsame Vergangenheit spricht.

1965 wird Ramli von paramilitärischen Milizen ins Gefängnis geworfen, woraus er kurze Zeit später abgeholt und zum Schlangenfluss gebracht wird. Dort sticht man ihm einmal mit dem Messer in die Schulter und einmal in den Bauch. Ramli, kaum lebensfähig, kann flüchten und schleppt sich zu seiner Familie, wo er die Nacht verbringt. Am nächsten Morgen tauchen die Paramilitärs unter dem Vorwand, ihn ins Krankenhaus bringen zu wollen, bei seiner Familie auf. Seine Mutter bittet die Anführer, ihren Sohn begleiten zu dürfen, was ihr verwehrt wird. Es ist ein angehaltener Atemzug von vielen, der innerlich ein ganzes Land teilen wird. Nicht die Hinrichtungen selbst, sondern die Konsequenz und die Härte, mit der sie durchgesetzt wurden, rütteln bis heute an Indonesien und dank Joshua Oppenheimer haben sie nun eine Stimme.

Diese führt uns in seine verdrehte Wirklichkeit, die am Stück schwer auszuhalten ist. Die Familie Rukuns, gezeichnet. Sein Vater, ausgemergelt, blind, taub und laut eigener Angabe 16-17 Jahre alt, ist der Spiegel einer Gesellschaft, die vergessen möchte, aber weiterhin in Angst lebt. Die stoische Ruhe seiner Mutter, Resultat des aussichtslosen Kampfes, der niemals Ruhe gibt. Beide leben Tür an Tür mit den Mördern ihres Sohnes, vor denen sie warnen.

In kurzen Interviews mit diesen Männern, agiert Adi vor allem deshalb auch bedacht und höflich. Die dadurch zustande kommende Spannung ist zu jeder Zeit spürbar und findet ihren Höhepunkt immer in der Konfrontation mit der Ermordung des Bruders, was die Situation für ein paar Minuten entblößt und uns einen Blick in das Gewissen von Massenmördern und ihren Angehörigen gewährt. Wie selbstsicher sich die Angeklagten teilweise dabei fühlen, kann man in Haltung, Auftreten und kaum zu verhehlenden Drohgebärden sehen. Kein Bedauern, kein Einfühlungsvermögen, keine Einsicht. Unterdessen stellen die Mörder Ramlis, den Mord an selbigen nach. Stolz agieren sie vor der Kamera. Ramli haben sie einfach wieder zum Schlangenfluss verschleppt, wo ihm der Penis abgeschnitten wurde, bis er verblutete. Mit einem Tritt beförderte sie ihn dann in den Fluss. Die ganze Prozedur kann man in einem bebilderten Buch von einem der Täter detailliert nachlesen. Es soll am Ende dessen Ehefrau sein, die als einzige eine Entschuldigung gegenüber seinem Bruder hervorbringt. Gewusst habe sie von den Taten ihres Mannes aber nie etwas.

Joshua Oppenheimer arrangiert den ganzen Film als Begegnungen auf Augenhöhe. Nur, wenn Adi die Brillen vermisst hält er für einen kurzen Moment die Oberhand, um seine Fragen zu stellen und das Schweigen zu brechen. Dass er sein Gegenüber als Mörder betitelt, wirkt dabei zunehmend natürlicher.

Mörder genannt zu werden bedeutet hier stolz auf etwas, und angesehen zu sein. Dabei entsteht im Verlauf jedoch durchaus ein differenziertes Bild. Wie auch schon im vorigen Film, präsentieren sich diese Männer stellenweise feingeistig. Sie sind musikalisch, künstlerisch und naturverbunden und im Umgang mit ihren Enkeln und Tieren zeigen sie sich liebe- und verständnisvoll. Es bleibt somit bei der Frage, ob diese aufgeladene Schuld allein durch Organisierung dieser, ihre Rechtfertigung findet und finden kann. Im Ausdruck der Beteiligten kann man die Antwort erahnen. Am Ende dürfen wir verpuppte Raupen sehen, die aus ihrem Kokon wollen. Sie werden von Adis Mutter gehalten.

Erscheinungsjahr: 2014

Regie: Joshua Oppenheimer

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