45 Years (2015) von Andrew Haigh

45 Years betitelt den Stand der glücklichen Ehe von Kate Mercer (Charlotte Rampling; Oscar-Nominierung und silberner Bär) und ihrem Ehemann Geoff (Tom Courtenay; silberner Bär). Für die Feier zu Ehren dieses Tages laufen Vorbereitungen in alle Richtungen. Freunde helfen und prophezeien viele Tränen, der Festsaal wird ausgesucht und es verspricht ein netter und schöner Abend zu werden, als Geoff plötzlich einen Brief erhält. In diesem erfährt er, dass die Leiche seiner damaligen Freundin Katya aufgefunden wurde, die durch einen Sturz in den Bergen ums Leben gekommen ist. Vor 50 Jahren waren Geoff und sie mit einem Freund auf einer Wanderung, als sie unvermittelt in eine Felsspalte stürzte. Als er diesen Brief in den Händen hält und später überlegt, in die Schweiz zu fahren, geht ein einschneidender Ruck durch die Ehe der beiden.

Andrew Haigh („Weekend“) adaptierte für das Drehbuch eine Kurzgeschichte  von David Constantine. Der Hauptfokus liegt auf Geoff und Kate und deren Umgang mit der Erinnerung an Katya (namentlich ähnlich angelegt) sowie den daraus emporsteigenden Emotionen. Ganz leise und sacht entfaltet sich das Miteinander der beiden Partner, die routiniert und herzlich miteinander wirken. Sätze, die nicht richtig ausgesprochen werden müssen, weil der andere weiß, was man denkt oder sagen möchte, gemeinsame Erinnerungen, die sich in der Zeit erst zu einer gemeinsamen geformt haben sowie die selbstverständlichen Berührungen bei den alltäglichen Verrichtungen sind Anzeichen für diese Herzlichkeit. Dabei lebt dieses Zusammenspiel von der Virtuosität der beiden Hauptdarsteller, denen man zu jedem Zeitpunkt ihre jahrelange Intimität abnimmt. Eine Intimität und Verbundenheit, die scheinbar schon viel Tiefen überwunden hat und daran gewachsen ist. Charlotte Rampling spielt diese Rolle nicht einfach nur, sie lebt sie, reduktionistisch, auf den Punkt und jeden Grundton bestimmend. So vermögen es auch nur die leisen Zwischentöne, am Gerüst dieser starken Verbundenheit zu rütteln und sie auf die Probe zu stellen. 45 Years ist dabei einer dieser wenigen Filme, in denen man ab und an das Gefühl hat, man stört als Zuschauer, denn das Leiden Kates durchdringt einfach alles und auch die immer stärker werdende Abwesenheit Geoffs ist zu jeder Zeit spürbar.

Als Kate etwas mehr über die Vergangenheit ihres Mannes herausfindet, bröckelt ihre Ehe. Auf dem Dachboden sitzend kann man ihr in einer Abfolge von Dia-Bildern die Zerrüttung ansehen, die sie nach außen hin zu verbergen versucht. Dieser Versuch, sich davon nichts anmerken zu lassen, zwingt auch beide in eine verfahrene Situation hinein, die zum Ende hin bis zum Bersten gespannt ist. Beide hören auf, miteinander zu reden. Kate sagt dann auch sinngemäß an einer Stelle, dass sie sich noch nicht kannten, aber in dem Jahr des Unfalls, beide mit einem Verlust umgehen mussten (ihre Mutter starb auch in diesem Jahr). Sie befindet es daraufhin als sonderbar, dass sie erst jetzt darüber sprechen würden, da es für beide ein besonderes Jahr war. Es ist letztlich ihr verzweifelter Versuch, an etwas anzuknüpfen, an das man nicht anknüpfen kann und eine Verbindung zu schaffen, wo keine sein kann.

„Wenn wir älter werden, hören wir auf, Entscheidungen zu treffen. Darum sind die, die wir treffen, wenn wir jung sind, so verdammt wichtig.“

Es ist etwas, dass wir alle kennen, wenn wir neue Beziehungen mit Menschen eingehen und versuchen, unsere Vergangenheiten und Gefühle mit einzubringen. Der jeweils andere wird immer wissen, dass es andere vor ihm gegeben hat. Es wird immer die große erste Liebe geben, die der andere nicht ist. Geoff allerdings, hat diese Vergangenheit in der Felsspalte neben Katya begraben und nun holt die Erinnerung an diese Liebe nicht nur ihn, sondern auch sein Leben ein. Die Erinnerung an eine Liebe, gegen die man nicht kämpfen und schon gar nicht ankommen kann. In der Rede Geoffs auf ihrer Hochzeitsfeier kann man nur raten, wem seine Tränen letztlich galten. Kates Ausdruck am Ende lässt daran wenig Zweifel, denn er vereint die Bitterkeit aller enttäuschten Lieben, die an diesem Kampf scheitern mussten.

45 Years ist ein zutiefst ruhiger und besonnener Film, der aber im Inneren für starke Unruhe zu sorgen vermag.

Regie: Andrew Haigh

Drehbuch: Andrew Haigh

Darsteller: Charlotte Rampling, Tom Cortenay, Dolly Wells, Geraldine James, Richard Cunningham, David Sibley

Beitragsbild: © Piffl Medien GmbH

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4 Gedanken zu “45 Years (2015) von Andrew Haigh

  1. Mir hat der Film am meisten wegen der Schauspielerischen leistung gefallen. Sie bringen sehr gut rüber was ein Mensch in solchen Momenten fühlt. Gut finde ich das der Film schafft einem das Gefühl zu geben, dass man gerade bei was sehr Privaten zu schaut. Der Satz von dir, dass man denkt man hat manchmal das Gefühl, dass man als Zuschauer stört bringt es da auf den Punkt.

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