1896- Großbritannien, der erste Filmkuss und das Genie George Méliès

Bevor wir uns dem großen George Méliès widmen, seien hier ein paar allgemeine Meilensteine des Jahres 1896 genannt:

Das französische Film-Unternehmen von Léon Gaumont brachte 1896 den Chronophotographe Demeny-Gaumont heraus, welcher gleichzeitig für die Aufnahme und zum Abspielen benutzt werden konnte. Der Filmkonzern Gaumont ist bis heute aktiv und für viele, viele gute Filme bekannt, darunter „Léon“ (dtsch. Titel „Leon, der Profi“), was in Anbetracht des wegweisenden Gründers Léon Gaumont auch mit einem Augenzwinkern bedacht werden kann.

Im Folgendem eine kleine und sehr feine Übersicht des filmischen Schaffens dieses Unternehmens:

Edison beginnt damit, Filme produzieren, die zum projizieren geeignet sind, da er einsehen musste, dass er mit seinem Kinematoskop nicht vorankommen würde. In Black Maria, einem der ersten kommerziellen Filmstudios, und mit dem neuen Vitaskop produziert er nun bis 1901 Filme, für diese Art von Vorführung. Das gesamte Studio stand auf einer drehbaren Scheibe und das Dach ließ sich öffnen, um für gute Lichtverhältnisse zu sorgen. Viele KünstlerInnen und TänzerInnen traten in der Black Maria auf.

Birt Acres, Ludwig Stollwerck und Lumiére

Großbritannien schickt Birt Acres (1854-1918) ins Rennen, welcher das bereits 1895 entwickelte Kineopticon erstmals vorstellte. Acres lernte den Ingenieur Paul kennen und für kurze Zeit entwickelte sich eine Partnerschaft zwischen den beiden, welche aber schnell zerbricht, als Acres, das von beiden entwickelte Kineopticon, hinter seinem Rücken zum Patent anmeldet. Paul hatte festgestellt, dass Edison sein Kinetoskop noch nicht zum Patent angemeldet hat, woraufhin er eigene baute (einen davon verkauft er an George Méliès). Acres geht daraufhin zum Stollwerck-Unternehmen, wo er für die erste Aufnahme einer historischen Figur, nämlich die von Wilhelm II. bekannt wurde. Das Stollwerck-Unternehmen war ein Unternehmen für Schokolade und Automaten, deren Besitzer Ludwig Stollwerck, mit Edison befreundet war. Später präsentierte er, den von ihm entwickelten Filmprojektor, vor der Royal Photographic Society. Dies geschieht am 14. Januar 1896, was ihn zum führenden britischen Filmpionier macht. Acres verschwindet aber ziemlich schnell wieder von der filmischen Bildfläche und überlässt anderen das Feld.

Auch die Lumière-Brüder begegnen uns hier wieder, die ihre Filme mittlerweile weitläufig vertreiben. So kommt es zu ersten Aufführungen in Wien und Köln. Für Deutschland hatte auch hier das Stollwerck-Unternehmen seine Finger im Spiel und erwarb dafür die Rechte von den Lumière-Brüdern. Schokolade und Film gehen eben immer gut zusammen.

„Ich habe nie in meinem Leben eine Erfindung gesehen, mit welcher ohne Risiko und fast ohne Arbeit so viel Geld verdient wurde. Die Leut schleppen ja das Geld rein ins Haus! … Hier geht man mit einem kleinen Apparat … hin, dreht daran und nimmt überall auf Filmstreifen die Photographien auf. Dann macht man es umgekehrt, setzt das Licht anstatt nach vorn, nach hinten und wirft die Bilder auf die Wand. Das ist die ganze Hexerei.“

(Ludwig Stollwerck in einem Brief an John Volkmann in New York, 16.4.1896, gelesen hier)

Einer der gezeigten Filme von Louis Lumiére ist „La Voltige“ („Horse Trick Riders“), wo ein Mann nach 6 Versuchen auf ein Pferd zu steigen, letztendlich im Damensattel reiten muss, und…

…ein weiterer ist die Beobachtung von Kindern, die im Meer baden gehen  „Baignade en mer“ (Sea Bathing).

 

Die Schule von Brighton und Amerikas erster Filmkuss

Wieder nach Großbritannien. Die Schule von Brighton wird in Großbritannien gegründet (1896-2010). Diese Gruppierung britischer Filmemacher, beginnend mit Paul und Acres, schafft im Laufe der Zeit bedeutende Kurzfilme und kann als Anfang des Erzählkinos gelten. Filmmontagen und das Seebad Brighton machen diese Richtung bekannt. Ein Name, der innerhalb dieser Schule als vertraut gilt, ist James Williamson (1855-1933), der Begründer des Szenenwechsels. Erstmals setzte er dieses Mittel in seiner Aufnahme der Henley Regatta ein. Diese hatte einen Prolog, eine Aufnahme des Schauplatzes und ein Ende. Die Regatta wird uns ausführlicher erst 1899 wieder begegnen.

skandal

Amerika: Der Kurzfilm „The Kiss“ von William Heise zeigt den ersten Kuss der Filmgeschichte zwischen May Irwin und John C. Rice. Andere Titel sind auch „The May Irwin Kiss“, „The Rice-Irwin Kiss“. Dieser spielt die Schlussszene des Broadway-Musicals „The Widow Jones“ nach und löst, wer hätte es gedacht, den ersten handfesten Skandal aus. In nur einer Einstellung sieht man die zögerliche Annäherung der beiden Schauspieler, die sich beide im Arm halten. Nach dem John C. Rice seinen Bart in Form gebracht hat, drückt der der entzückten May Irwin mehrere Küsse auf. Das ganze dauert 20 Sekunden. William Heise arbeitete für Edison und schuf damit das Aushängeschild für den Vitascope-Film. Der kurze Streifen spaltete die Zuschauer, welche entweder völlig begeistert waren oder die Moral gefährdet sahen. The Kiss ist somit der wohl prominenteste amerikanische Film bis zu diesem Jahr.

Einen drauf setzen (natürlich!) die Franzosen. Da ging es schon anders her…
Der Film „Le Coucher de la Mariée“ (Die Verheiratete geht zu Bett) von Albert Kirchner (Alias: Léar) zeigt gleich den ersten Striptease der Filmgeschichte und geht somit auch als erster Erotikfilm durch.

Und wo sind die Frauen? Hier: „La fée aux choux“ (The Cabbage Fairy) ist ein Film von und mit Alice Guy und zeigt sie als Fee, die Babys aus Kohlköpfen holt. Es ist somit auch der erste Fantasy-Film. Freud hätte daran seine wahre Freude gehabt…

George Méliès, der Visionär

Kommen wir nun aber zur, wohl filmgeschichtlich wichtigsten Person des Jahres, nämlich George Méliès (1861-1938), einem Mitbegründer vom Kino der Attraktionen. Dieser kommt aus einer reichen Familie von Schuhfabrikanten, deren erblichen Anteil er mit zwei Brüdern teilte. Diesen Anteil verkaufte er an die beiden und gründete mit dem Geld 1888 das Théâtre Robert-Houdin. Méliès war dem Unternehmertum nämlich gänzlich abgeneigt und hatte eher Sinn für die Künste, darunter das Theater. In seinem Theater traten viele Künstler auf, darunter die Schauspielerin Jeanne d’Alcy.

Am 28. Dezember 1895 sah er die Vorstellung der Lumiére-Brüder und war sofort Feuer und Flamme. Da er, wie bereits erwähnt, kein Glück bei diesen hatte, unternahm er eine Reise nach England und besuchte dort Robert William Paul, dem er eine seiner Kameras abkaufte. Zurück in Frankreich eröffnete er sein Theater neu als Kino und zeigte vorerst Filme Edisons. Noch im selben Jahr ließ er den Méliès-Reulos-Kinétographen zusammen mit seinen Partnern patentieren. Heraus kamen drei Filme, die auch einen sehr schönen Einstieg in Méliès Filmographie darstellen. Zeigte er am Anfang noch, wie bei den Lumiére-Brüdern, dokumentarisch anmutende Filme, wie hier die „Partie de cartes“ (Ein Kartenspiel),…

…gibt sein nächster Film bereits einen Eindruck davon, was er für ein Mensch war und wo er mit dem Medium Film hin wollte. „Escamotage d’une dame au théâtre Robert Houdin“ zeigt einen einfachen Zaubertrick, der eine Frau auf einem Stuhl verschwinden lässt, ein Kunsstück, das auf der Bühne, wie im Film funktioniert und wohl niemanden mehr überrascht hätte, wenn Melies dann aber nicht ihrer statt, ein Skelett auf diesem Stuhl Platz nehmen ließ. Hinter und vor dem Stuhl war ein Drahtgestell, das man nicht sehen konnte und welches das Tuch hielt, während die Frau vom Stuhl verschwand.

Was hier zur Anwendung kommt ist auf der einen Seite das klassische Kunststück, dass die Frau unter dem Fußboden durch eine Klappe verschwindet, aber auch die Stop-Motion-Technik und damit der erste filmische Stop-Trick. Und auch über dessen Entstehung hält sich hartnäckig ein Gerücht, welches von Méliès selbst stammt und besagt, dass er auf der Straße gefilmt haben soll, als die Kurbel für die Kamera plötzlich klemmte, woraufhin er von einer Szene zur nächsten sprang. So wurde dort aus einer gewöhnlichen Pferdekutsche plötzlich ein Trauerzug auf der anderen Straßenseite, was er selbst erheiternd fand.

Überhaupt findet man in seine Filmen oft eine eher düster, melancholische, aber auch absurd komische Stimmung. So geht der erste Horror-Film auch auf sein Konto: „Le Manoir du Diable“ (auch „The Haunted Castle“). Dieser ging ganze 3 Minuten lang, was zu der damaligen Zeit als Sensation galt. Außer den düsteren enthält er auch komödiantische Aspekte. Eine große Fledermaus fliegt durchs den Gang eines Schlosses und verwandelt sich plötzlich in den Teufel, welcher einen Kessel und einen Assistenten hervorbringt. Dieser hilft ihm wiederum eine Frau aus dem Kessel zu beschwören. Als zwei Männer eintreten, lässt er schnell alles verschwinden und sein Assistent ärgert die beiden, indem er sie solange mit einer Heugabel in den Allerwertesten sticht, bis einer der beiden flieht. Als nächstes wird ein Skelett beschworen, mit dem der zweite Mann kämpft, welches sich daraufhin in die Fledermaus, und dann in den Teufel verwandelt. Dieser beschwört 4 Geister, die den Mann bedrohen oder ihm Angst machen. Daraufhin wird ihm die Frau präsentiert, welche ihn mit ihrer Schönheit beeindruckt, sich daraufhin aber durch den Teufel in eine alte Frau verwandelt und dann wieder in die 4 Geister. Der geflohene erste Mann taucht kurz wieder auf, um dann erneut über einen Balkon zu fliehen. Es kommt zum Kampf zwischen Teufel und zweitem Mann, der sich ein Kreuz von der Wand schnappt und den Teufel zum Verschwinden zwingt. Die Frau, die aus dem Kessel kommt, wird von Jehanne d’Alcy gespielt, die später auch Méliès zweite Frau wird.

Brian Selznick brachte 2007 „The Invention of Hugo Cabret“ heraus, einen Roman, der eine Hommage an George Méliès darstellt und auch von Selznick selbst illustriert wurde und dessen Verfilmung Ben Kingsley in der Rolle von Méliès zeigt. Ich kann beides nur schwer empfehlen. Außerdem gibt es seit 2012 die wunderbare Arthaus-Box: George Méliès. Die Magie des Kinos, welche ebenfalls sehr sehenswert ist.

Dieser Mann wird uns noch einige Jahre begleiten und für viel Verwunderung sowie Begeisterung sorgen. Müsste ich den einen Helden der Filmgeschichte nennen, würde meine Wahl ohne Zweifel sofort auf ihn fallen.  Ein großer, und zugleich tragischer Künstler. George Méliès war ein Phantast und Visionär. Er wollte nicht nur filmen, sondern den Zuschauer auf eine Reise entführen und begeistern. Sein kindlich, naiver Stil ist bis heute unvergessen und die früh entworfenen Tricks Méliès, von denen uns später noch welche begegnen, werden bis heute angewandt und teils ikonisch verwendet. Er war der erste Mensch, der Fiktion und Spannung auf die Leinwand brachte und damit weltweit begeisterte. George Méliès war und ist Film.

Folgende Quellen wurden hier gesichtet:

Ich beziehe meine Informationen aus mehreren Büchern, enzyklopädischen Seiten im Internet (zwecks Einordnung) sowie Filmen an sich, zitiere aber nie wörtlich, sondern gebe vielmehr eine persönliche Zusammenfassung des Ganzen wieder. Dementsprechend kann ich auch keine Garantie für die Richtigkeit der wiedergegebenen Informationen geben, jedoch bemühe ich mich um selbige.

Bücher:

Bergan, R. (Ed.). (2007). Film. (K. Borchardt, Trans.). München: Dorling Kindersley.

Gregor, U. (1989). Geschichte des Films. 1. 1895 – 1939 (42. – 44. Tsd). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Klant, M. (Ed.). (n.d.). Grundkurs Film: Materialien für die Sek I und II. Braunschweig: Schroedel.

Bergfeld, U. (Ed.). (n.d.). Taschen’s 100 Filmklassiker: [1915 – 2000]. Köln: Taschen.

Elektronische Quellen:

The Haunted Castle (1896 film). (2016, January 20). In Wikipedia, the free encyclopedia. Retrieved from https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=The_Haunted_Castle_(1896_film)&oldid=700734826
 
Birt Acres. (2016, January 25). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Birt_Acres&oldid=150674084
 
Black Maria. (2015, December 13). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Black_Maria&oldid=149031251
 
Filmjahr 1896. (2016, March 12). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Filmjahr_1896&oldid=152431999
 
Gaumont. (2016, January 20). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Gaumont&oldid=150467875
 
Georges Méliès. (2016, March 7). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Georges_M%C3%A9li%C3%A8s&oldid=152271646
 
Liste der Filmjahre. (2014, December 10). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_der_Filmjahre&oldid=136633078
 
Ludwig Stollwerck. (2016, January 28). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ludwig_Stollwerck&oldid=150769525
 
Schule von Brighton. (2015, March 8). In Wikipedia. Retrieved from https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Schule_von_Brighton&oldid=139591624
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