Tatort: Hamburg (2016) Zorn Gottes von Özgür Yildirim

Tatort Hamburg, Folge 980

Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) tingelt durch die Flughäfen Deutschlands, um auf mögliche Sicherheitslücken, die Terroristen ins Land bringen könnten, hinzuweisen. Während einer seine Undercover-Einsätze ist der Bundespolizist am Flughafen Hannover, wo er von der Polizeioberkommissarin Julia Grosz (Franziska Weisz) gekonnt niedergestreckt wird. Prompt gibt es auch die erste Leiche, welche sich für den Fall als unwichtig rausstellen sollte. Diese ist nämlich tragisches Opfer einer Verwechslung, denn eigentlich wollte der, am Flughafen arbeitende Rocky Kovac (Christoph Letkowski), einen anderen Mann von der Passkontrolle wegschleusen, nämlich Enis Günday (Cem-Ali Gültekin), welcher vor einigen Jahren Deutschland verlassen und sich dem IS angeschlossen hat und nun in „heiliger Mission“ zurück nach Deutschland gekommen ist. Faber und Grosz ermitteln konsequent und versuchen das Schlimmste abzuwenden, während Rocky erfährt, wen er da eigentlich rausgeschmuggelt hat.

Da Falke nun ohne seine Partnerin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) auskommen muss, verpasst ihm Drehbuchautor Florian Oeller die wortkarge, aber smarte Julia Grosz. Unter dem Mantel des Terroristen-Krimi wird ihre Vergangenheit und damit ihre Figur als künftige Partnerin nachvollziehbar eingebettet und auch sonst scheint die Kombination aufzugehen, sodass man sich auf mehr freuen darf. Enis Günday als IS-Rückkehrer bietet einiges an Diskussionsgrundlage, da er nicht einseitig und flach daherkommt, sondern von seiner Schwester genau als das hingestellt wird, was er ist. Denn Enis „war schon immer so“. Wusste nicht wo er hin wollte. Hat sich von anderen leiten lassen. Hatte keine eigene Persönlichkeit. Ein Blatt im Wind, das sich Anerkennung und Halt erhofft. Und genau das ist es, was junge Menschen in Terrorismus, Rechtsradikalität und sonstige Extreme abtreiben lässt, nicht etwa göttliche Überzeugungen oder Rachegedanken, was Florian Oeller hier ganz richtig herausstellt.

Göttlicher Sinn wird hier nur systematisch von den „Brüdern“ eingeimpft, um Rechtfertigung beim Auslösen des Mechanismus oder des Abzugs zu erfahren. Folglich wackeln diese Überzeugungen Enis auch bei jeder Konfrontation. Vor allem die Dialoge zusammen mit Rocky sind hier sehr menschlich und berührend geraten. Sie weisen darauf hin, was mit einem Menschen geschehen kann, der gesellschaftlich nicht aufgefangen wird, wenn es ihm schlecht geht. So kommt es auch nicht von ungefähr, dass Enis verboten wird, seine Familie vor dem Attentat anzurufen.

Özgür Yildirim zeigt uns visuell einnehmende Bilder und hinterlegt diesen Tatort mit Klängen von Mousse T., was eine durchaus interessante Atmosphäre schafft. Auch erzählerisch und thematisch macht dieser Tatort eine gute Figur, von kleinen logischen Problemen mal abgesehen. So müsste dem Zuschauer erst mal erklärt werden, wie man heimlich einen Gang auf einem Flughafengelände einbaut, ohne dass es jemand mitbekommt und warum der tote Winkel der Kamera nicht ausgereicht hätte. Nichtsdestotrotz wird die real existierende Terror-Gefahr durchaus ernst genommen und spannend sowie kritisch bearbeitet.

Wen hier letztlich nun der Zorn Gottes trifft, bleibt aber dennoch fraglich. Sind es die potentiellen Opfers eines fehlgeleiteten Attentäters? Trifft es jene, die sich ihm in den Weg stellen oder am Ende den Attentäter selbst? Zornig sind in diesem Tatort nämlich nur Menschen. Menschen mit ihren natürlichen Bedürfnissen und Wünschen, deren Missachtung sie in Positionen treiben, in die sie gar nicht wollen.

Regie: Özgür Yildirim
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Franziska Weisz, Christoph Letkowski, Alexander Wüst, Ali Gültekin, Claudia Eisinger, Marie-Lou Sellem, Ava Celik, Nazmi Kirik, Hendrik von Bültzingslöwen, Elvis Clausen, Maureen Havlena, Kais Setti

Drehbuch: Florian Oeller
Kamera: Matthias Bolliger
Schnitt: Sebastian Thümler
Musik: Mousse T.

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