Room (2015) von Lenny Abrahamson

—Spoiler ahead—

Wenn der kleine Jack (Jacob Tremblay) morgens seine Augen aufschlägt, blickt er neugierig umher, als sehe er zum ersten Mal seine Umgebung außerhalb des alten Bettes, auf dem er liegt. Durch Raum gehend, begrüßt er die Einrichtungsgegenstände und schnell wird dem Zuschauenden klar, dass die Verhältnisse in denen Jack lebt, alles andere als ideal sind. Außer dem Bett, gibt es noch eine Küchenzeile, ein winziges Waschbecken, eine alte Badewanne sowie einen Schrank. Aufgeregt über den bevorstehenden Tag, weckt Jack seine Mutter Joy „Ma“ Newsome (Brie Larson), denn er wird an diesem Tag fünf Jahre alt…

Once upon a time?

Jack und seine Mutter leben in „Raum“, einem 9 qm² großen Zimmer, in dem sie gefangen gehalten werden mit einem winzigem Dachfenster als Lichtquelle. Doch Joy bemüht sich, eine Art von Normalität aufrechtzuerhalten. So machen beide jeden Tag Sport, basteln, kochen oder schauen fern. Die einzige Gesellschaft, die sie in der abgeschotteten Gartenlaube bekommen, ist die von „Old Nick“ (wie er von Joy genannt wird), dessen nächtliche Besuche Jack zum Zählen veranlassen bis er wieder weg ist, während er sich im Schrank versteckt hält.

“One, two, three… There’s room, then outer space, with all the TV planets, then heaven. Plant is real, but not trees. Spiders are real, and one time the mosquito that was sucking my blood. But squirrels and dogs are just TV, except lucky. He’s my dog who might come someday. Monsters are too big to be real, and the sea. TV persons are flat and made of colors. But me and you are real.”

Aber Jack ist im Gegensatz zu seiner Mutter glücklich und zufrieden, denn als Zeugnis der Gefangenschaft und damit einhergehenden Missbrauchs, kennt er keine andere Umgebung außer Raum. Für seine Unbeschwertheit hat Joy gesorgt. Als Old Nick jedoch beginnt die Versorgung der beiden zu beschränken und anfängt, sich für den Jungen zu interessieren, beginnt sie langsam zu verzweifeln. An Unterernährung und Depressionen leidend, sieht sie für sich und Jack keine Zukunft, woraufhin sie ihm von der Welt außerhalb von Raum erzählt. Daraufhin fasst sie einen waghalsigen Plan, der beide befreien soll.

Liebe zum Detail

Regisseur Lenny Abrahamson (What Richard Did, Frank) bemüht sich, die von Joy empfundenen Schrecken und die gleichzeitige Leichtigkeit Jacks visuell zu zusammenzuführen, setzt diese und andere Stilmittel aber angenehm sparsam ein. In Gefangenschaft ist es der Einsatz der Kamera und das ausdrucksvolle Spiel der beiden, das den Zuschauer in Raum leben und gleichzeitig kaum atmen lässt. Außerhalb dessen ist es eine gewisse Sterilität, die die Kälte und Frische einer unbekannten Welt verfolgt. Raum ist immer das, was sein soll. Einengend und leblos für Joy und eine weite, schier endlose Landschaft für Jack. Alle Gegenstände sind verlebt oder multifunktional und erzählen kleine Geschichten vom Zusammenleben der Beiden. Steckdosen haben Gesichter, das Wasser vom Spülkasten dient als Fluss für ein Boot und das Bett als Spielwiese und Versteck. Jeder Abschnitt in Raum ist für Jack ein kleines Universum, welches dem aufgeklärten Auge zeigt, was wirklich vor sich geht. Kratzspuren auf dem Fußboden geben Hinweise auf die Häufigkeit mit der Old Nick zu Besuch kommt, das Quietschen des Bettes deutet auf die stillen Vergewaltigungen. Den gesundheitlichen Lebensumständen wird mit Vitaminpillen und stärkenden Selbstverbalisierungen begegnet, sodass man einen Eindruck davon bekommt, wie lange sich diese Disziplin bereits eingeprägt hat. Bücher in Raum kennt Joy bereits auswendig und die aus Eierschalen gefertigte und scheinbar stets erweiterte Schlange sind Ausdruck von tiefer Zuneigung zu ihrem Sohn und gleichzeitigem Überlebenswillen, der nach Freiheit schreit.

Die Menschen außerhalb von Raum

Das Drehbuch des kanadisch-irischen Filmdramas stammt von der Irin Emma Donoghue, auf deren gleichnamigem Bestseller-Roman es basiert. Anstoß für das Buch gab die wahre Begebenheit um den Fall Josef Fritzl, der seine leibliche Tochter 24 Jahre in einem Keller einsperrte und mit ihr 7 Kinder zeugte. Die Rolle der Joy und deren Umstände basieren jedoch nicht darauf und sind rein fiktiv.

Unter einer Vielzahl von Auszeichnungen wurde Brie Larson für ihre Rolle mit einem Oscar und dem Golden Globe ausgezeichnet. Ihre Verkörperung der innerlich zerrissenen Joy und ihrer Verbindung zu Jack ist das Fundament und die Seele dieses Dramas. Brie Larson nahm für ihre Rolle stark ab, legte viel Muskelmasse zu und zog sich gesellschaftlich zurück, um ein Gespür für Ma zu bekommen. Sie meistert die Aufgabe, eine Frau zu spielen, die gleichseitig Kind und Erwachsene ist, nicht nur mit Bravour, sondern lebt dies über die Rolle hinaus. Jacob Tremblay steht ihr in nichts nach und lässt einen nach weiteren Rollen sehnen! Joan Allen als Joys Mutter wirkt herzerweichend gegen den allumspinnenden Schrecken, der durch Tom McCamus als ihr Partner Leo auch eine wunderbar kindgerechte Seite bekommt. William H. Macy als Opa Robert zeigt eindringlich, was nach den ersten 10 Minuten des Films bereits vergessen wurde und vergessen werden wollte, die Qualen in seinem Gesicht sind Ausdruck des emotionalen Gewichts, welches dem Zuschauer schon die ganze Zeit auf der Brust lag. Alle Beteiligten spielen sich in diesem Film in darstellerische Höhen. Bravo.

Das entlarvte Märchen

Würde man Raum mit körperlichen Symptomen beschreiben, käme man auf Magendrücken, Atemnot, Herzstolpern, tief empfundene Traurigkeit bis hin zu emotionalen Einbrüchen und Erschöpfung. Alles gleichzeitig und andauernd. Dabei erzählt der Film eigentlich von Liebe, kindlicher Phantasie und Bindung. Ginge man etwas weiter von der eigentlichen Geschichte weg, könnte man hier die Entwicklung der Kindheit und die Ablösung von den Eltern bestaunen. Und dass so beiläufig, dass man selbst ein Stück erwachsener nach diesem Film ist. Auch die Einrichtung in Raum zeigt diese Entfaltung und hält alles auf Zeichnungen, Wänden und Fußböden fest. Der Titel steht dabei nicht nur für diesen Raum, sondern für Lebensräume, denen man begegnet. Lebensräume, die wir für uns entdecken, die begrenzt, aber passierbar sind und die uns einladen, uns selbst und unserer Umwelt ein bisschen näher zu kommen. Manchmal ist die Tür verschlossen, weil wir noch nicht so weit sind oder uns Umstände dazu anhalten zu bleiben, manchmal können wir sie mutig öffnen und einen neuen Raum betreten. Joy musste einen Raum betreten, für den sie noch nicht bereit war, nachdem sie draus entrissen wurde. Erst nachdem sie alte Tür geschlossen hatte, konnte sie den Schritt zu dieser wieder machen.

Raum wirkt stellenweise wie ein poetisches, entrücktes und ernstes Märchen, ergibt sich dem aber nicht, sondern spielt mit diesem Wechsel. Gottseidank muss man wohl sagen, denn es sind genau diese Unterbrechungen zwischen Verklärung und harter Realität, die das Unfassbare so spürbar und real machen. Der Zuschauer ist immer ganz nah bei Jack, der als Stimme aus dem Off für diese Verklärung der Umstände sorgt, oder Joy, die durch ihre Fürsorge immer neue Geschichten für Jack erfindet. Was ist nun real? Jack muss dies Stück für Stück erfragen und letztendlich auch eigene Erfahrungen sammeln, um diese Frage zu beantworten. Der Zuschauer darf dabei durch seine großen leuchtenden Augen mit auf diese Reise gehen. Raum lässt hier nicht nur seine Figuren reifer und stärker zurück. Ganz, ganz großes Kino.

Regie: Lenny Abrahamson

Drehbuch: Emma Donoghue

Musik: Stephen Rennicks

Kamera: Danny Cohen

Darsteller: Brie Larson, Jacob Tremblay, Joan Allen, William H. Macy, Sean Bridgers, Megan Park, Cas Anvar, Amanda Brugel, Joe Pingue, Tom McCamus, Wendy Crewson

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4 Gedanken zu “Room (2015) von Lenny Abrahamson

  1. Sehr schön geschriebene Kritik. Gut, bei diesem Film ist es einfach viel zu schreiben, weil ROOM einfach in mehrfacher Hinsicht großartig ist. Ich hoffe sehr, dass Brie Larson und Jacob Tremblay noch mehrere Filme miteinander machen, den man spürt das Band zwischen den Beiden.

    Schleichwerbung lasse ich an dieser Stelle weg, du findest ja sicherlich auch ohne den Weg zu meinem Blog. 😉

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    • Danke. Und ja, du hast vollkommen Recht. Manche Filme springen einem förmlich von der Tastatur. Ich habe doch nicht ernsthaft deinen Beitrag zu Room verpasst? Eigentlich habe ich alles dazu verschlungen 😀 Ich husche gleich mal rüber zu dir. See you there

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