Tatort (2016) Die Geschichte vom bösen Friederich von Hermine Huntgeburth

Frankfurt, Folge 983

„Der Friederich, der Friederich

Das war ein arger Wüsterich

Er fing die Fliegen in dem Haus

Und riß ihnen die Flügel aus.

Er schlug die Stühl‘ und Vögel tot,

Die Katzen litten große Not.

Und höre nur, wie bös er war:

Er peitschte, ach, sein Gretchen gar!“

Alexander Nolte (Nicholas Ofczarek) wird resozialisiert aus der Haft entlassen und sehnt sich danach, eine alte Bekannte wiederzutreffen, Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich). Diese ist semi-begeistert über dessen Entlassung, bescheinigte sie ihm (noch als Psychologin tätig) doch die Fähigkeit zu einem Mord in einem Gutachten, welches für die zurückliegende Inhaftierung sorgte. Immer noch dieser Überzeugung stellt Broich eigenmächtig kleinere Umfragen zu Nolte, was für sehr viel Wirbel sorgt. Kollege Paul Brix (Wolfram Koch) und Kommissariatsleiter Henning Riefenstahl (Roeland Wiesnekker) stehen dem ganzen bald mehr als skeptisch gegenüber, nur um dann selbst Spielball dieser gestörten Persönlichkeit zu werden. Diese immer wieder durchbrechende  Persönlichkeit wird von der Noltes behandelnden Psychologin Helene Kaufmann (Ursina Lardi) weitestgehend abgeschirmt, da diese auch persönliche Gefühle für ihren Klienten hegt.

„Am Wasser stand ein großer Hund,

Trank Wasser dort mit seinem Mund.

Da mit der Peitsch‘ herzu sich schlich

Der bitterböse Friederich;

Und schlug den Hund, der heulte sehr,

Und trat und schlug ihn immer mehr.“

 

Abgründe der Psyche

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch die Unfähigkeit Regeln einzuhalten, nicht vorhandener Empathiefähigkeit und einer weitestgehenden Änderungsresistenz. Begnügen sich manche mit kleineren kontrollierten Machtspielchen, sind andere mit ihren Emotionen nicht so firm. Oftmals wird eine unwiderstehliche Eloquenz und Intelligenz bei diesen Personen beschrieben. Sollte man ein visuelles Beispiel für diese Störung heranziehen wollen, ist man bei Nicholas Ofczarek als Alexander Nolte mehr als gut aufgehoben. Widerwärtig, ekelhaft, mit einem schelmischen oder teilnahmslosen Lächeln auf den Lippen, manipuliert er mit Freude seine Umgebung und verschafft sich so ein Gefühl von Macht und Befriedigung. Dabei unterliegt er der zweifelsfreien Annahme, dass er allen immer einen Schritt voraus ist, womit er nicht ganz unrecht hat, da diese mit Unwissenheit gestraft sind. Nichtsdestotrotz ist seine Befriedigung damit nicht vollständig und wartet auf Erweiterung.

Die Wurzel allen Übels

Ofczarek spielt den Antisozialen mehr als brillant, vor allem wenn die Kamera ganz bei ihm ist. Seine Figur ist mehrschichtig angelegt, was sicherlich ein gewisses Fingerspitzengefühl voraussetzt, da jede kleine Abweichung zu einem Missverhältnis der wahrgenommenen Persönlichkeitsstrukturen führen würde. Nicht mehr als eine Fingerübung für den Bühnendarsteller vom Wiener Burgtheater, so scheint es. Dem gegenüber steht Margarita Broich als die sprunghafte Hauptkommissarin Anna Janneke, welche anfänglich noch der Situation gewachsen zu sein scheint, aber nach und nach vom manipulativen Karussell Noltes kippt. Getrieben und emotional ermittelt sie meist, in die von Nolte vorgegebene Richtung. Hermine Huntgeburth hat ein feines Gespür für die emotionalen Wechsel der beiden Hauptfiguren und stellt diese in den Vordergrund. Noltes Psychologin spielt allerdings auch eine wichtige Rolle. Ursina Lardi gibt die naive und verständnisvolle verkappte Blonde, die dem Täter schon längst verfallen ist und nicht mehr von ihm loskommt. Die Dialoge Volker Einrauchs tragen nicht zum Vorankommen einer Handlung X bei, sondern geben dem Ensemble eine hervorragende Basis, das Böse begreiflicher zu machen oder es komplett in eigene Welten zu verbannen. Unterfüttert wird dieser Tatort von dem Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, die an Dramatik nicht spart, sich aber prima in die spannende Atmosphäre einfügt.

„Am Brunnen stand ein großer Hund,

Trank Wasser dort mit seinem Mund.

Da mit der Peitsch‘ herzu sich schlich

Der bitterböse Friederich;

Und schlug den Hund, der heulte sehr,

Und trat und schlug ihn immer mehr.“

 

Vertrauen und Widerstände

Kann man sich in einem Menschen gänzlich täuschen fragt Paul Brix sinngemäß seine Vermieterin Fanny (Zazie de Paris). Diese antwortet bejahend, gibt aber gleichzeitig an, sich davon frei machen zu können. Dieser Tatort spielt mit Vertrauen auf allen Ebenen. Vertrauen in Resozialisierung, Professionalität, Kollegen und Partnern. Und er widmet sich der verneinenden Antwort. Aber was dann tun? Sollte man Menschen generell misstrauisch gegenübertreten? Eine wage Antwort auf diese Frage hält die Psychologin am Ende bereit.

„Da biß der Hund ihn in das Bein,

Recht tief bis in das Blut hinein.

Der bitterböse Friederich,

Der schrie und weinte bitterlich. –

Jedoch nach Hause lief der Hund

Und trug die Peitsche in dem Mund.“

 

Die Geschichte vom bösen Friederich lebt von seinem Schurken und dessen Kompromisslosigkeit. Kritikpunkte fährt die Darstellung des Psychologenberufs ein, die dramaturgisch nachvollziehbar aber ansonsten, pardon, ein Griff ins Klo ist. Ein Beruf, der seit eh und je mit Vorurteilen kämpft, parallel aber immer notwendiger wird, braucht nicht noch eine hinterwäldlerischere und klischeebehaftete Darstellung. Dies gilt sowohl für die Figur der Helene Kaufmann, als auch die der Margarita Broich.

Abseits dessen ist dieser Tatort hochgradig sehenswert und mit einer ordentlichen Portion düsterer Stimmung und Spannung beladen.

„Der Hund an Friedrichs Tischchen saß,

Wo er den großen Kuchen aß;

Aß auch die gute Leberwurst

Und trank den Wein für seinen Durst.

Die Peitsche hat er mitgebracht

Und nimmt sie sorglich sehr in acht.“

 

Regie: Hermine Huntgeburth

Drehbuch: Volker Einrauch

Darsteller: Margarita Broich, Wolfram Koch, Roeland Wiesnekker

Sascha Nathan, Zazie de Paris, Nicholas Ofczarek, Ursina Lardi, Manuel Harder

Lina Hoppe, Sabin Tambrea, Katja Danowski, Isaak Dentler

Musik: Christine Aufderhaarm, hr-Sinfonieorchester

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2 Gedanken zu “Tatort (2016) Die Geschichte vom bösen Friederich von Hermine Huntgeburth

  1. Moin Jana, ich kann die Windstärke bei diesem Artikel nicht finden…

    Dafür 2 Fragen zum Tatort:

    1. Wozu hat man den noch extra auf Breitwand gekascht?
    2. Konnte sich der Produzent keine Stative leisten? Die ewige Wackelkamera bei Innen- und Großaufnahmen nervt.

    Ansonsten: Kompliment, Frau Huntgeburth!

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