Der MacGuffin

“It might be a Scottish name, taken from a story about two men in a train. One man says ‘What’s that package up there in the baggage rack?’, and the other answers ‘Oh, that’s a McGuffin’. The first one asks ‘What’s a McGuffin?’. ‘Well’, the other man says, ‘It’s an apparatus for trapping lions in the Scottish Highlands’. The first man says ‘But there are no lions in the Scottish Highlands’, and the other one answers ‘Well, then that’s no McGuffin!’. So you see, a McGuffin is nothing at all.”

aus Gottlieb und Brookhouse (2002)

Verfasser Alfred Hitchcock meint es hier (wie eigentlich immer) kryptisch mit uns. Aber ausnahmsweise ist dies eine gute Erklärung, weil sie dem Lesenden ein Gefühl dafür gibt, um was es sich handelt. Jede Geschichte wird durch markante Punkte im Plot vorangetrieben, meist ein Konflikt oder ein Problem, das es zu lösen gilt. Legt man die Beschreibung eines MacGuffin großzügig aus, beinhaltet fast jeder Film einen, und wird auch durch ihn erst spannend oder dramatisch. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Objekt klein a

Es können ordinäre Gegenstände sein, wie ein Brief oder Koffer oder vielleicht wichtige Papiere, aber auch ein Gerücht ist ein schönes Beispiel für einen MacGuffin. Es ist etwas, worum der Protagonist sich bemühen muss, etwas, das er erreichen oder haben möchte. Die Besonderheit daran ist, dass er oder es keiner weiteren Erklärung bedarf. Meist ist er einfach nur belanglos für die Geschichte, taucht am Anfang kurz auf und wird manchmal am Ende oder Höhepunkt der Geschichte wieder kurz erwähnt. Manchmal wird er sogar gar nicht gezeigt oder erklärt. Alfred Hitchcock war nicht der erste, der dies für sich entdeckte. Die Schauspielerin Pearl White nannte solche Objekte bereits „weenie“. Es sei noch erwähnt, dass es viel Diskussionen um die nachfolgenden Punkte gibt und manche Filmschaffende der Meinung sind, ein MacGuffin kann und sollte eine Handlung vorantreiben. Somit wäre es allerdings eher ein Plot Device oder würde mit dessen Definition in Konflikt stehen.

Es kommt also auf die Sichtweise und Definition an. Die weiter unten stehenden Beispiele verdeutlichen meinen eher konventionellen Blick.

Wie erkennt man aber nun einen MacGuffin?

 

Mit Geld kann man vieles kaufen…

Nehmen wir beispielsweise einen Caper. Der MacGuffin in Form der Beute der Räuber.

  1. Der MacGuffin muss austauschbar sein, ohne dass die Handlung des Films darunter leidet.
  2. Er ist eigentlich nebensächlich oder taucht nur kurz auf.
  3. Der MacGuffin darf den Plot nicht vorantreiben.
  4. Ein MacGuffin wird in einer Geschichte nicht benutzt beziehungsweise nicht benutzt, um etwas innerhalb der Geschichte zu erreichen.
  5. Ein MacGuffin kann eine Rechtfertigung für etwas sein.

Bekannte MacGuffins

Einer der bekanntesten MacGuffins ist wohl Charles Foster Kanes “rosebud” aus Citizen Kane von Orson Welles. Er ist absolut austauschbar, taucht zuerst nur namentlich, und dann ganz kurz am Ende auf.

Die vermeintliche Spionage-CD aus Burn after Reading ist nicht nur ein wirklich schönes Beispiel, sondern lässt auch die ganze Handlung eines Films zu einer Farce werden.

Die Transit-Visa aus Casablanca von Michael Curtiz. Sie werden zwar am Ende des Films eingesetzt, aber nicht, um die Handlung voranzutreiben.

Die 40.000 Dollar aus Psycho von Alfred Hitchcock sind lediglich Stein des Anstoßes.

Der Koffer in Pulp Fiction hat keinerlei Bedeutung für die Handlung, bindet aber alle Beteiligten daran.

Der Teppich aus The Big Lebowski von den Coen-Brüdern. Der Dude stolpert quasi über seinen eigenen Teppich in eine verhängnisvolle Affäre.

„I sympathize with people who didn’t like the MacGuffin because I never liked the MacGuffin“.

Interview mit Steven Spielberg

 

Ich hoffe, euch hat der kleine Exkurs gefallen. Was sind eure Lieblings-MacGuffins? Oder haltet ihr es lieber mit Spielberg?

 

Quellen:

Gottlieb, S., & Brookhouse, C. (2002). Framing Hitchcock: Selected Essays from the Hitchcock Annual. Wayne State University Press.

Monaco, J. (2011). Film verstehen – das Lexikon: die wichtigsten Fachbegriffe zu Film und neuen Medien. (H.-M. Bock, Übers.) (Überarb. Neuausg.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl.

Steven Spielberg: “Indiana Jones 4” George Lucas’ idea, not his. (n.d.). Retrieved April 23, 2016, from http://www.ew.com/article/2011/10/26/steven-spielberg-indiana-jones-crystal-skull

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2 Gedanken zu “Der MacGuffin

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