Barbara (2012) von Christian Petzold

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By Malte Tychsen (Gurkentee at de.wikipedia), CC BY-SA 2.0 de

Kurzinhalt

Barbara Wolff (Nina Hoss) wird 1980 in ein Provinzkrankenhaus versetzt, nachdem sie einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hat. Das an der Ostsee gelegene Krankenhaus und dessen Mitarbeiter empfangen sie freundlich und wohlgesonnen, was sie allerdings nicht weiter interessiert. André Reiser (Ronald Zehrfeld), der leitende Kinderchirurg interessiert sich für die Ärztin aus Ost-Berlin und versucht ihr näher zu kommen. Stasi-Offizier Klaus Schütz (Rainer Bock) setzt ihn auf Barbara an und ist selbst ständig dabei, sie zu kontrollieren. Als die junge Stella (Jasna Fritzi Bauer) eingeliefert wird, finden beide Ärzte eine gemeinsame Ebene miteinander und arbeiten fortan besser zusammen. Trotzdem gestalten sich die Bedingungen als schwierig, weil Vertrauen und Freiheit für beiden keinen Platz zu haben scheinen. Barbaras Geliebter Jörg (Mark Waschke), plant unterdessen ihre Flucht und hofft auf ein gemeinsames Leben mit ihr.

Der Ausnahme-Regisseur und die Ausnahme-Schauspielerin

Das Skript stammt von Christian Petzold und Harun Farocki, basierend auf der Novelle Barbara des Österreichers Hermann Broch (1889–1951). Christian Petzold und Nina Hoss arbeiteten bereits an mehreren Filmen gemeinsam.  Als Christian Petzold das Buch in einem Schaufenster sah, wusste er gleich, dass Nina Hoss die Rolle spielen sollte, wie er in einem Interview sagte. Die Rolle der Barbara legte er fast schon nüchtern und unnachgiebig an, was die Stimmung in der damaligen Zeit gut widerspiegeln dürfte. Vielmehr lebt man aber durch die Blicke und das Atmen von Nina Hoss, welche eine emotionale Ausdruckskraft in ihre Rollen legt, die Seinesgleichen sucht. Ronald Zehrfeld, der hier erstmals einen Gebildeten spielen darf, harmoniert, wie auch in „Phoenix“ (2014, ebenfalls Christian Petzold), wunderbar mit seiner Kollegin. Er fügt seiner Rolle eine eher nach außen gerichtete Emotionalität hinzu, die immer darauf abzielt, dieselbe auch bei Barbara zu wecken. Einzelne Worte, die beide miteinander austauschen, sprechen im wahrsten Sinne des Wortes Bände. Diese Sinnlichkeit schlägt sich auch beim Hören nieder. Man möchte zwischendurch am liebsten die Augen schließen und alle den kleinen Geräuschen lauschen, die aber auch dafür sorgen, dass sich die Spannung gleichbleibend durch den Film zieht. Dazu fügen sich die schönen Landschaftsaufnahmen als Verkörperung von Barbaras Sehnsucht wunderbar in die Szenerie ein.

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Der Wert der Vergangenheit

Barbara entfaltet mittels Musik und natürlicher Schönheit eine große Kraft und Attraktivität, die sich zum Sog entwickelt, vor allem sobald Nina Hoss im Bild ist. Barbaras distanzierte Art weicht manchmal einem leichten Zögern. Diese zaghaften leisen Emotionen ziehen sich durch den ganzen Film und durch die Geräuschkulisse und dem weitestgehenden Fehlen von Musik, kann man sich dem ganz hingeben. Die Stimmung in der DDR fängt sich in dieser zögerlichen Anziehung zwischen André und Barbara, die als Stabilisator zwischen Misstrauen und Angst dient. So sagt Christian Petzold uns eigentlich: Egal in welchem „Gefängnis“ man sich wähnt, wenn man es verlassen möchte, fallen einem die schönen Dinge ein, die man vielleicht erlebt hat und die Beziehungen, die man gepflegt hat. Das Gefängnis bekommt auf einmal einen anderen Wert. Es kann einem diese Erinnerungen nicht nehmen, nicht verleiden, denn sie stehen für sich selbst. Darin auch etwas Schönes zu sehen, versöhnt uns letztlich mit uns selbst und ist der größte Widerstand, den wir aufbringen können.

Barbara ist ein sinnlicher und leiser Film, von dem man sich wünscht, dass er nie laut wird.

 

 

Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold und Harun Farocki

Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke, Claudia Geisler, Peter Weiss, Carolin Haupt, Deniz Petzold, Rosa Enskat, Jasna Fritzi Bauer, Mark Waschke

Musik: Stefan Will

Kamera Hans Fromm

Schnitt: Bettina Böhler

 

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3 Gedanken zu “Barbara (2012) von Christian Petzold

  1. Danke für diese Rezension. Christian Petzold hatte ich eigentlich für mich schon abgehakt, nachdem ich diesen grauenhaften Film ‚Yella‘ (auch mit Nina Hoss) gesehen habe. Nun ziehe ich zumindest in Erwägung, diesen Film mal zu gucken…

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