Casablanca (1942) von Michael Curtiz /Reframed #2

Hallo zum zweiten Reframed-Special. In diesen Specials werden wegweisende und bahnbrechende Filme neu „gerahmt“, sprich ausführlich vorgestellt. Eigentlich ist das aber nur eine Ausrede, um sie mir noch mal oder zum hundertsten Mal anzuschauen… Heute mit Casablanca, einem Meilenstein der Filmgeschichte. Warum das so ist, erfahrt ihr hier.

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© Warner Bros.

Der zweite Weltkrieg. Emigranten und politische Flüchtlinge versuchen in den Süden zu kommen. Frankreich ist durch die Deutschen besetzt. Das in Nordafrika gelegene französische Marokko zählt jedoch nicht dazu und wird vom Régime de Vichy regiert. Von dort aus hoffen die Geflüchteten ins neutrale Lissabon zu gelangen und sich mittels Transit-Visa nach Amerika abzusetzen. Jedoch stellt sich dies schwieriger dar, als geplant, da Bestechung und Abzocke die Straßen von Casablanca füllen und das ersehnte Ziel in weite Ferne rücken lassen.

Ein Intro für die Ewigkeit

Der 3D-Globus ist nur eine Attraktion der originalen Einführung. Auch die Vermischung aus Bildern der Flucht, Fortbewegung und dem Nachskizzieren des Weges lässt diese unvergessen bleiben.

Die innovative Introduktion Casablancas hat viele dazu animiert, sich dessen anzunehmen und eigens ikonisch zu interpretieren. Nachfolgend ein gelungenes Beispiel einer solchen Interpretation.

Casablanca from Majo Balko on Vimeo.

Willkommen in Casablanca!

Mitten in Casablanca lernen wir Rick Blaine (Humphrey Bogart) kennen, der das Café Américain betreibt. Der ehemalige Widerstandskämpfer ist im Laufe der Jahre zynisch und bitter geworden. Italiener Ugarte (Peter Lorre), der auf dem Schwarzmarkt tätig ist, drückt ihm zwei Transit-Visa in die Hand und bittet ihn, diese zu verstecken. Polizeichef Capitaine Louis Renault (Claude Rains) und seine Leute, selbst auf der Suche nach den Visa, wollen den verdächtigen Ugarte in Ricks Café festnehmen. Blaine versteckt die Dokumente im Klavier seines Pianisten Sam (Dooley Wilson), sodass sie nicht gefunden werden können. Auch die Konkurrenz schläft nicht. Der Blue Parrot-Besitzer Signor Ferrari (Sydney Greenstreet) ist ebenfalls an den Visa interessiert. Plötzlich aber, taucht Ilsa Lund (Ingrid Bergman) auf, eine Bekannte Blaines und Sams, und bittet Rick Blaine um Hilfe. Auch sie benötigt die Visa für sich und den tschechischen Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid), welcher vom deutschen Major Strasser (Conrad Veidt) verfolgt wird. Es stellt sich schnell heraus, dass sie Blaines ehemalige Geliebte ist. Dieser kann mit dem erneuten Auftauchen seiner großen Liebe nicht umgehen und stürzt sich in seine Bitterkeit und den Alkohol. Eine Geschichte, die immer zwischen Sehnsucht, Liebe und Kriegsschrecken hin und her pendelt, nimmt so ihren Lauf.

Politische Starthilfe und Vollendung

Der stark politisierte Film greift hier die Einmischung Amerikas in das Weltkriegsgeschehen auf, welche sich noch von dem Angriff auf Pearl Habor erholten. Das französische Nordafrika wurde durch den alliierten Gegenstoß in dem Jahr befreit, als Casablanca erschien. Ein Jahr später gab es die sogenannte „Casablanca-Konferenz“ mit Churchill und Roosevelt, woraufhin der Ort Casablanca in aller Munde war. Das Timing stimmte und dürfte maßgeblich zum Erfolg des Films beigetragen haben, denn bis dahin fielen die Reaktionen auf den Film eher gemäßigt aus. In der Liste 100 Greatest American Films of All Time des American Film Institute steht das mit drei Oscars (Beste Regie, bestes Drehbuch, bester Film) prämierte Casablanca aktuell auf dem 3. Platz.

Das Theaterstück Everybody Comes to Rick’s (Jeder geht in Ricks Bar) von Murray Burnett und Joan Alison, welches nie aufgeführt wurde, diente als Skript für den Film und steht bis heute auf Platz 1 der Writers Guild of America. Allerdings war das darauf aufbauende Drehbuch von den Brüdern Epstein und Howard Koch bis zum Schluss unvollständig, sodass viele am Drehtag noch nicht wussten, was am nächsten Tag gespielt wird, geschweige denn, wie der Film enden wird. Ein unfreiwilliger Kunstgriff, denn die Unsicherheit der Darsteller dürfte sich gut in das Geschehen eingefügt haben. Die lebhafte Atmosphäre des Films entstand fast vollständig in den Warner Brother Studios und war ein riesiges und umfangreiches Projekt, indem viele Mitarbeiter, auch aufgrund des offenen Skripts, den Überblick verloren haben. Dies könnte auch die vielen Flüchtigkeitsfehler im Film erklären. In den deutschen Kinos hat man sich gleich gar nicht um eine korrekte Wiedergabe bemüht und verwandelte den Nazi Major Strasser kurzerhand in einen anrüchigen Erfinder. Erst Jahre später, sah man den unverfälschten Film im deutschen Fernsehen.

Licht im Dunkel

Casablanca ist Melodram, Komödie, Kriegsfilm, Kriminalfilm, Liebesfilm und Abenteuerfilm zugleich. Die Genres vermischen sich und sorgen für die emotional aufgeladene Geschichte. Beleuchtet durch Fenstergitter, Aussparungen von Türen oder Pflanzen und Möbelstücke, verwandelt sich die Welt von Casablanca visuell zu einem stets wandelbaren Gefängnis. Intimität findet einzig in dunklen Tönen ihren Ausdruck, welches das Gefühl von Nähe und Zweisamkeit in diesen Szenen verstärkt, während Ingrid Bergmann beim Betreten eines Raum von einem aufleuchtenden Weiß begleitet wird, das sich in Humphrey Bogarts oder Paul Henreids Jackett wiederfindet. Die Kostüme sind dabei klassisch und gerade geschnitten, was den Figuren eine gewisse Uniformität und Respektabilität verleiht. Die Menschen von Casablanca tragen ihr Hab und Gut zur Gänze am Leib und repräsentieren damit damit das Zusammenwirken von Abenteuer und Flucht.

Unterstrichen wird dieser Eindruck durch die einzelnen Szenen. In fast allen Bildern ist Bewegung, sei es direkt vor der Kamera oder im Schatten an der Wand. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass ganz Casablanca mit Leben und Energie gefüllt ist. Die Kamera ist dabei zu jeder Zeit pointiert, nimmt die Bewegungen der Figuren auf, spiegelt ihre Stimmungen wieder oder setzt sie schlicht in Szene, während die Umgebung in Schatten- und Lichtspielen erstrahlt. Sie umgarnt förmlich den Zuschauer, indem sie manchmal das Geschehen aufnimmt, ein anderes Mal davon abweicht, in eine Szene zoomt, in einem kurzen Zögern verharrt, nur um das Geschehen dann in Gänze weiterzuverfolgen. Sie hat ihren eigenen Ausdruck und erzeugt eine Atmosphäre, die der Situation der Ausweglosigkeit und Sehnsucht nicht nur angemessen, sondern würdig ist. In Casablanca herrscht Aufbruchsstimmung, was in wunderschönen Bildern mehr als deutlich wird. 

Music by Max Steiner 

Musikalisch hält in Casablanca der Vater der Filmmusik fast alle Zügel in der Hand. Der aus einer Wiener Familie stammende Max Steiner vereint in seinem Score all diese Stimmungen und verbindet sie zu einem kohärenten Ganzen. As Time Goes By, als nicht von Steiner komponierter und geschriebener Song, war ihm allerdings ein Dorn im Auge. Er fand ihn unpassend und wollte ihn gern ersetzen, was allerdings nicht mehr gelang, da Ingrid Bergmann nicht mehr für weitere Aufnahmen zur Verfügung stand. Stattdessen nutzte Steiner die Melodie daraufhin als Leitmotiv, um bestimmte Szenen zu unterstreichen. Es ist nur eines von vielen Beispielen, dass von einem unfassbaren Gefühl des Timings Steiners begleitet wird. Aber auch der Inhalt des Refrains steht für den gesamten Film.

„You must remember this
A kiss is still a kiss,
A sigh is just a sigh.
The fundamental things apply
As time goes by.“

 

Von Bogart bis Lorre

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© Warner Bros.

Die meisten Schauspieler in Casablanca waren selbst Emigranten und mussten deshalb ihre Stimme nicht verstellen. Nur drei der Hauptdarsteller kamen aus den USA, darunter Bogart und Dooley Wilson. Die Nazis im Film wurden beispielsweise größtenteils von geflüchteten deutschen Juden gespielt. Bei einer der bekanntesten Szenen im Film, sollte man dies im Hinterkopf behalten, denn man kann den Darstellern deutlich ansehen, dass es hier nicht nur um eine schauspielerische Leistung geht: 

Der Krieg der Hymnen, der Krieg der Werte

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© Warner Bros.

Humphrey Bogart als Rick Blaine: Es ist der Bogart-Film, darüber ist man sich wohl einig. Ein Zyniker, wie er im Buche steht, der bis zum Ende des Films eine unglaubliche Wandlung erlebt. Bogart mimt den verletzten Stolz Blaines, als sei es sein eigener. Besonnen, demütig und angeschlagen bis hin zu aufrichtig, moralisch und stolz.

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© Warner Bros.

Ingrid Bergmann als Ilsa Lund: Produzent Hal Wallis verlieh die Schauspielerin Olivia de Havilland von David O. Selznick, um Ingrid Bergmann für den Film zu bekommen. Es ist vor allem diese Anziehung Ilsas zu Rick, die ihre Rolle so hin und her gerissen wirken lässt. Bergmann vereint Kraft und Zerbrechlichkeit gleichermaßen.

© Warner Bros.

Paul Henreid als Victor László: Henreid war selbst ein vor den Nazis Geflüchteter. Er verstand sich nicht gerade blendend mit Bogart. Die Rolle des László war ihm vielleicht auch gerade deshalb wie auf den Leib geschneidert. Er verkörpert Moral und Treue, sowohl gegenüber seinen Werten, als auch gegenüber seinen Freunden und Feinden.

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© Warner Bros.

Claude Rains als Captain Louis Renault: Der gebürtige Brite arbeitete bereits vorher mit Curtiz zusammen (“The Adventures of Robin Hood“). Seine Rolle verkörpert die Ambivalenz und das Opportune. Rains weiß dies auch immer mit einem Lächeln rüberzubringen.

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© Warner Bros.

Conrad Veidt als Major Heinrich Strasser: Veidt gibt seinen Strasser kühl und herzlos und mit nationalistischem Habitus. Veidt selbst war ein geflüchteter deutscher Schauspieler. Es sollte nicht seine letzte Rolle als Nazi sein. Einen weiteren Auftritt hatte er in “The Cabinet of Dr. Caligari“ von Robert Wiene.

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© Warner Bros.

Peter Lorre als Signor Ugarte: Über Peter Lorre kann man ganze Bücher füllen. Bekannt und berühmt wurde er in Fritz Langs Film “M“. Er spielt in Casablanca den windigen und kleinganovigen Italiener Ugarte, der die Not der Festsitzenden für sich ausnutzt. Wie fast alle Auftritte Lorres, verbleibt auch diese verhältnismäßig kurze Erscheinung im Gedächtnis.

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© Warner Bros.

Dooley Wilson als Sam: Wilson war einer der wenigen Amerikaner am Set. Mit dem Piano scheint er nicht so warm geworden zu sein, da er es, wenn man genau hinsieht,  nie richtig spielt. Ella Fitzgerald wurde ebenfalls als Pianistin für die Rolle gecastet.

Sams Rolle steht stellvertretend für uns Zuschauer. So ist er das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen dem alten und dem neuen Rick.

 

Casablanca in Zitaten

Jeder kennt sie oder hat sie in anderen Zusammenhängen bereits gehört. Casablanca ist wohl einer der zitatlastigsten Filme aller Zeiten. Ein Grund mehr, diesem Umstand etwas Platz einzuräumen. Das American Film Institute listet gleich sechs Zitate von Casablanca in ihrer AFI’S 100 Greatest Movie Quotes of All Time-Liste.

Die Konfrontation

Casablanca ist unbestreitbar ein Klassiker. Es gibt keine filmische Literatur, die ohne dessen Erwähnung auskommt und nicht etwas dazu zu sagen hat. Verständlich wird das vielleicht nicht jedem beim Sichten des Films, denn die Figuren wirken teils eindimensional, steif und ohne glaubhafte Tiefe. Sie funktionieren so jedoch als universaler Zeitspiegel des Krieges und als Ausstellungsobjekte einer Geschichte, die erzählt werden will, und an der alle Bewohner dort kranken. Die Kriegsschrecken sind weit entfernt in Casablanca, werden aber in den ausdrucksvollen, aber unbewegten Gesichtern seiner Bewohner deutlich. Ein Flugzeug als Metapher des entfernten Ziels und sämtliche Blicke, die darauf ruhen und es verfolgen, stehen für das große Ganze und machen in einem Blinzeln die ganze Tragik dieser Situation deutlich. Im gesamten Film wird nicht zu wenig und nicht zu viel erzählt, sondern alles auf einen Punkt gebracht. Selbst die Liebesgeschichte trägt rationale Züge und gibt sich wenig seiner Leidenschaft hin. Es ist sogar mehr Anziehung und Nähe im Film, wenn die Marseillaise über die deutsche Hymne die Oberhand gewinnt, um nicht zu sagen: An diesem Punkt war wohl jeder Zuschauer kurz Franzose. Denn es geht hier um mehr, als um zwischenmenschliche Liebe. Es geht um eine Liebe, die geopfert werden muss.

Rick Blaine ist gebrochen. In einer Liebe fand er einst Frieden und Glück. Zurückgelassen hat ihn das zynisch und bitter, aber durch die Konfrontation mit dieser Vergangenheit findet er wieder zu Stärke und Mitgefühl. Vom Zyniker zum Widerstandskämpfer, muss er erst durch ein Tal von Trauer und Zerstörung gehen, bevor er wieder aufstehen und neue Kraft sammeln kann. Man muss nicht besonders hellsichtig sein, um die Analogie zu Pearl Habour zu ziehen und dessen Stimmung mit der im Film zusammenzubringen. Unabhängig von dessen Veröffentlichung spiegelt Casablanca (Rick Blaine im Speziellen) eine wiedererstarkende Nation wider, die sich mit ihrer Angst konfrontiert und nicht unterkriegen lässt. Ilsa Lund als nicht zögernde Liebesbotschafterin erweckt diese vergangene Kraft wieder, indem sie um Hilfe bittet und an bessere und glückliche Zeiten erinnert. Renault als die personifizierte Ambivalenz zwischen diesen Szenarien, muss am Ende ebenso Stellung beziehen. Der Krieg wird in Casablanca als Verhinderung von Glück, Freiheit und Liebe dargestellt, indem er auf kriegerische Handlungen verzichtet und nur deren emotionale Folgen abbildet. Gefühle, die dem Zuschauer viel näher sein dürften. In vielerlei Einzelschicksalen, die sich durch den Film ziehen, kann man diese Folgen sehen. Casablanca gibt am Ende jedoch auch Hoffnung. Es ist nicht die Erfüllung unserer Sehnsüchte, sondern die Kraft, die jedem innewohnt, die hier geweckt wird. Die Kraft, sich gegen Unterdrückung und für die Freiheit einzusetzen. Denn ohne Freiheit, keine Liebe. Casablanca verbleibt als ein wahres Meisterwerk mit ausgesprochen gutem Timing, einem unschlagbaren Cast, einfangenden Bildern sowie einen zeitlosen Score.

Wer immer noch nicht genug von Casablanca hat oder wem er zu lang ist, dem sei das nachfolgende Video empfohlen:

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6 Gedanken zu “Casablanca (1942) von Michael Curtiz /Reframed #2

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