Her (2013) von Spike Jonze und die „Retterin Hollywoods“

© Warner Bros. Ent.
© Warner Bros. Ent.

Überbleibsel Melancholie

Her ist einer der besten Filme, die in jüngster Zeit über den großen Teich waberten. Will man in einen tiefen melancholischen See abtauchen und trotzdem atmen, ist man bei Her bestens aufgehoben. Theodore Twombly (Joaquín Phoenix) ist emotional noch mitten in der Scheidung von seiner früheren Jugendliebe. Während er beruflich gefühlvolle Texte verfasst, um anderen Menschen den Zugang zu ihren Gefühlen zu erleichtern, ist seit der Trennung kein Platz mehr für eigene. Diesen Platz räumt Theodore nach einem weiteren missglückten Date dann einer ganz besonderen Person ein. Seiner zukünftigen Gefährtin Samantha (Stimme: Scarlett Johansson) – einem Betriebssystem. Auch Theodores Real-Life Freundschaft Amy (Amy Adams) kann der digitalen Liebe nicht widerstehen und so geben sich beide einer künstlichen Beziehung hin.

Vernetzung ohne Verbindung

Her spielt in einer nicht näher bezeichneten Zukunft in der die Digitalisierung weiter fortgeschritten ist. Headsets weichen intelligenten In Ear-Komponenten, Neuentwicklungen dem Update, Individualität der Konformität. Die Weiterentwicklung ist nicht mehr erkennbar, sie ist angekommen. In Her sehen wir keine Dystopie im herkömmlichen Sinne, sondern eine nachvollziehbare, mögliche Ausbildung unserer heutigen Welt – traumwandlerische Gebilde unserer Entfremdung. Die spezielle Farbgebung im Film unterstreicht die Entfernung zueinander, die wir heute bereits deutlich spüren. Theodore, welcher die warmen Rottöne seiner Empfindungen durch seine Welt trägt, trifft dort auf kühles Gelb und fades Khaki. Ausdrücke seiner Empfindungen werden von Samantha abgespeichert, verwaltet und weiterentwickelt. Das Betriebssystem als Schnittstelle zwischen Körper und Gefühl des Benutzers.

Her – Red (Between Frames) from Between Frames on Vimeo.

In mehreren Ebenen nähert sich Her der Frage, wie Gefühle in voneinander abgekapselten Welten überleben. Die angestimmte, ruhige und fast einlullende Atmosphäre, passt zur gleichgültigen Akzeptanz einer von Technik beherrschten Welt. Während die Technik sich immer weiter und höher entwickelt, bleibt der Mensch nur ein Mensch. Das ist es auch was Her neben so vielen anderen Dingen zu einem wichtigen Film macht. Er stellt die kritisierte Künstlichkeit her, lässt sie aber gleichzeitig zu einem Erlebnis werden.

Möglich gemacht hat ihn Megan Ellison, Tochter des Oracle-Gründers und Multimilliardärs Larry Ellison. Ohne sie wäre der Film von Regisseur Spike Jonze wahrscheinlich nie realisiert worden.

Too risky for good old Hollywood?

Megan Ellison hat sich nach einem abgebrochenen Filmstudium aufs Filme produzieren verlegt. Mit ihrem Studio Annapurna Pictures bereichert sie einen in die Jahre gekommenen amerikanischen Filmmarkt. Die Filmografie ihres Studios liest sich wie das letzte Stück Kuchen auf dem Teller und wird auch genauso gern verschlungen. Eine Auswahl:

2012 

Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless)
Killing Them Softly
The Master
Spring Breakers
Zero Dark Thirty

2013 

Her
American Hustle

2014

Foxcatcher

2015

Terminator Genisys

Joy

2016

Everybody Wants Some!

Sausage Party

Wiener Dog

Annapurna Pictures : 2012 – Present from APPICS on Vimeo.

Und genauso will sich Ellison wohl auch verstanden wissen. Innovative und mutige Filme stehen auf ihrer Agenda. Independent-Kino im Großformat. Kritische Stimmen hingegen machen sie mitverantwortlich für den drohenden Hollywood-Kollaps. Da der Großkonzern es sich nicht erlaubt, Filme zu produzieren, deren Einspielergebnis unklar ist, werden Filme wie Her von vornherein abgelehnt. Qualität hin oder her. Raise the stakes ist der Grundton in Hollywood. Warum? Weil es von den meisten Zuschauern erwartet wird. Das Problem daran sind die immer höher werdenden Kosten von Großprojekten, welche refinanziert werden müssen.

Annapurna ist die hinduistische Muttergöttin für Nahrung und Reichtum. Unter ihrem Wohlwollen soll niemand mehr Hunger und Elend erleiden und die Kochkunst beherrschen. Klarer könnte Ellison es nicht ausdrücken: Ihr pathetischer Unterbau für die Ziele ihres Studios lassen keinen Zweifel daran, was diese Dame kann und auch will.

Was sagt ihr zu einer solchen Entwicklung? Verderben mehre Köche den Brei (um bei der Nahrungsmittelmetapher zu bleiben…)? Begrüßenswert oder abstoßend?

 

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13 Gedanken zu “Her (2013) von Spike Jonze und die „Retterin Hollywoods“

  1. Amerikanische Filme langweilen mich mehr und mehr. Spike Jonze ist ein unglaublich interessanter Filmemacher, wie er nicht nur mir ‚Her‘ bewiesen hat, sondern für mich auch mit ‚Beeing John Malkovitch‘ und ‚Wo die wilden Kerle wohnen‘ – beides ganz tolle Filme, zuerst genannter zudem unglaublich originell.
    Von Megan Ellison hatte ich zuvor nichts gehört, aber ja, das ist, was wir Zuschauer brauchen: Qualität! Nicht noch mehr Unterhaltungsschrott!!!

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    • Ja, ich mochte die auch sehr! Aktuell scheint kein Film von ihm geplant zu sein, aber ich hoffe auch, dass man noch viel mehr von ihm zu sehen bekommt. Charlie Kaufman mag ich auch ganz gern, wobei das nicht das richtige Wort ist. Mit Interesse verfolgend vielleicht^^

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      • Charlie Kaufman hat wirklich gute Drehbücher geschrieben (wobei ich eigentlich nur Vergissmeinnicht und Beeing John Malkovitch kenne, aber beides sind Filme, die im Gedächtnis bleiben)! Ja, den werde ich auch weiter beobachten!

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  2. Stimme dir zu, aber ich kann auch die Studios verstehen.Ein bisschen wie im Sport. Wer das Geld hat, gewinnt. Allerdings gehört das zur heutigen Entwicklung vielleicht auch mit dazu. Und vielleicht gilt es auch andere zu kritisieren, wenn Mut sich nicht mehr lohnt und dafür nicht mehr eingeplant wird…

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    • Lohnen tut es sich ja auch, anspruchsvollere Filme zu produzieren, weil es dafür auch Oskar-Nominierungen gibt. Ansonsten finde ich schlimm, dass der Mainstream so sehr bedient wird, das gefällt mir nicht. Und auch nicht, dass in unsere Kinos viele interessante Filme nur ganz kurz laufen (kommt es nur mir so vor, dass das immer schlimmer wird?), während manche amerikanischen Filme ewig laufen… Ich wünschte mir viel mehr Kino aus anderen Ländern, andere Perspektiven und andere Geschichten… aber, klar, wenn ich, wie vorgestern in einem UCI-Kino im Film ‚Whiskey Tango Foxtrott‘ (und das ist schon ein amerikanischer Film) mit ca. 10 Leutchen sitze, sehe ich natürlich auch ein, dass so etwas für einen Kinobetreiber nicht lange durchzuhalten ist… Es ist ein Dilemma!

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      • Ganz genau. Ein Dilemma… Man müsste beim „Durchschnitts-Zuschauer“ ansetzen. Aber wie will man das machen, wenn Unterhaltung vor Inhalt steht. Man sieht es auch schon in den Printmedien. Der Text darf nicht mehr zu lang und zu schwierig sein, weil es sonst keiner liest. Auf der einen Seite kann ich verstehen, weil arg schwülstige Ausdrücke nur das Lesen behindern, aber es ist schon schade, dass alles zu Konsumgütern verkommt…

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  3. „Her“ ist auch für mich einer der besten Filme der letzten Jahre. Megan Ellison ist auch für mich eine der größten Heldinnen des amerikanischen Indie-Kinos. Die von ihr produzierten Filmen „Her“, „The Master“, „Zero Dark Thirty“, „American Hustle“ und „Foxcatcher“ waren nicht nur Kritiker-Lieblinge, sondern haben sogar einige Oscar-Nominierungen erhalten. Ihren sehr mutigen Weg soll sie weiter verfolgen und uns weiter mit sehr guten U.S.-amerikanischen Filmen verwöhnen. 🙂 Ohne sie hätte der letzte Linklater-Film „Everybody Wants Some!“ auch nie ein Kino gesehen.

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