High Rise (2016) von Ben Wheatley ist der konsequentere Snowpiercer

High-Rise zu sehen, war ein Erlebnis der im besten Fall liederlichen Art. Oft wurde in den letzten Wochen der Film Snowpiercer (2013) von Bong Joon-ho zum Vergleich herangezogen. Zugegeben, es bietet sich an, denn allein als gekippte Bezugsfläche funktioniert diese Vorstellung sehr gut. Nichtsdestotrotz unterscheiden sich beide Filme in wichtigen Punkten. Während Snowpiercer die Notwendigkeit verkörpert, verbleibt High-Rise im Opportunen. Am Ende ist man sich jedoch einig: Der Mensch als soziales Wesen, darf dabei nicht gut wegkommen.

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High-Rise Filmplakat: © DCM Film Distribution; Snowpiercer Filmplakat: ©MFA

Eiszeitlicher Ritt gegen 70er Apokalypse

Der wesentliche Unterschied in der Handlung der beiden Filme liegt im Aufenthaltsort. Ist es in Snowpiercer der gleichnamige Zug, der im Jahre 2031 unfreiwillig bewohnt wird, beziehen die High-Rise-Bewohner im London der 70er Jahre ein mehrstöckiges Gebäude. Der gesamte Komplex ist konzipiert wie eine nach oben geöffnete Hand, in der die Handfläche ein See darstellen soll und die fünf Finger durch Türme abgebildet werden. Der Snowpiercer hingegen, stellt einen äußerst langen, von einem Perpetuum Mobile angetriebenen Schnellzug dar, der gebaut wurde, um einige Bewohner der Erde aus der selbstverursachten Eiszeit zu retten. Entgegen dem charismatischen Curtis (Chris Evans), der sich versucht mit Mitinsassen von einem Ende des Zuges zum anderen durchzuschlagen, ist in High-Rise der pragmatische Dr. Robert Laing zwischen den Fronten (Tom Hiddleston). Der Psychologie-Interessierte Laing, der auf halber Höhe wohnt und lose Kontakte mit dem unteren und oberen Teil des Hauses pflegt, will nach einer Trennung ganz neu beginnen und verspricht sich dies in einem geordneten Umfeld. Im Gegensatz zur Zugbesatzung, die hierarchisch ernährt wird, stehen den Bewohnern des Hochhauses alle Ressourcen gleichberechtigt zur Verfügung. Dennoch zeichnet sich eine Hierarchie der Klassen ab. Robert Laing muss die Erfahrung machen, dass er sich unten sowie oben nicht einfügen kann und wird somit zum Neutrum in einer wertigen Gesellschaft.

You shall not pass

Snowpiercer ist kein eindimensionaler Film. Hollywood-Tycoon Harvey Weinstein ging sogar soweit, den damaligen amerikanischen Kinostart vorerst zu stoppen, da er der Meinung war, die Tiefe der Figuren wäre zu „intelligent“ für den amerikanischen Markt. Man darf sich ruhig fragen, wie intelligent Herr Weinstein ist, sowas öffentlich zu kommentieren. Dem Film hat es jedenfalls nicht geschadet. Der konnte gute Erfolge verzeichnen und wurde als neuer dystopischer Klassenkampf gefeiert. War Snowpiercer bereits sperrig im Zugang, darf man High-Rise als beinahe unzugänglich bezeichnen. Dessen Kritik fällt vielmehr durchwachsen bis unbeteiligt aus. Aber woran liegt das?

„Alles, was mit einer gewissen Konsequenz durchgeführt ist, kann aus sich selbst nicht widerlegt werden.“

August Wilhelm von Schlegel

Die Romane von James Graham Ballard gelten allgemein als schwierig zu verfilmen -hört man. Seine Figuren ergehen sich in ihrer Asozialität und feiern den von Ballard ausgelegten anarchistischen Handlungsstrang. Für unsere abzüglich optimistische, aber strukturierte Lebensart sicherlich nicht einfach zu verdauen. Dabei passt diese mögliche Lösung gerade gut in unsere Zeit. Yarn Bombing und Guerilla Gardening als zärtliche Vorboten einer enthebelten Gesellschaft, die sich wieder freistrampelt. Volk im Aufwind. Oder so. Beispiele wie Flüchtlingskrise und Brexit muss man gar nicht nicht bedienen, sie kommen auch so. Warum nur feiert das Volk dann nicht?

Wieviel Ordnung braucht das Chaos?

Beiden Filmen ist das Aufbegehren gegen die bestehende Ordnung gemein. Eine unfreiwillige auf der einen und eine selbst erwählte Ordnung auf der anderen Seite. Altes in Frage gestellt, kommt die Suche nach dem Neuen, dem Unbestimmten und Unbekannten auf. Das Aufbegehren als Notwendigkeit und Möglichkeit, seine Position im Raum zu verbessern. Musikalisch lässt sich das ebenfalls ablesen. Die Bedrohung erwächst in Snowpiercer (Marco Beltrami) dramatisch und angespannt und in High-Rise (Clint Mansell) neugierig und abenteuerlustig. 

Die resultierende Unordnung und Orientierungslosigkeit verbleibt in Snowpiercer linear und durchgezogen-Waggon um Waggon bis zur heiligen Maschine an der Zugspitze. Im Hochhaus gestaltet sich das ein wenig anders. Zum einen ist die Ordnung dort gänzlich aufgehoben, da es um den Zugang zu Allgemeingütern geht. Zum anderen ist das Bedingungsgefüge vielschichtiger. Das Haus selbst leidet an „Kinderkrankheiten“. Strom fällt stellenweise aus und die Müllabfuhr kann nicht mehr gewährleistet werden. Viel wichtiger jedoch: Die Menschen verlassen das Gebäude einfach nicht. Immer mehr bekommt man als Zuschauer einen Eindruck vom Hochhaus und nicht von seinen Bewohnern. Architekt Anthony Royal (Jeremy Irons) als Konstrukteur eines alles konsumierenden Organismus, der an Verstopfung leidet-Gesellschaft eben. 

Der Wahnsinn als Ausweg

Die Psyche des Gebäudes verhält und entwickelt sich folgerichtig. Die nach oben geöffnete Hand als Einladung zur vermeintlich besseren Welt und das Laingsche Ich als einzig vermittelnde Position an der gezogen wird. Aus der Unsicherheit heraus wird reglementiert, was in der Konsequenz in Anarchie und Wahnsinn, als ein Art von doppeltem Ausweg mündet. Dann wird gefeiert. Mehr. Noch mehr. Konsequent. Während High-Rise langsam in Anarchie und entgrenzter Menschlichkeit versinkt, darf der Zuschauer seine Fragen stellen: Warum wehren die sich nicht? Wo soll das alles hinführen? Warum gehen sie nicht einfach? 

Am Morgen danach…

Beide Filme kommen zu einem ähnlichen, aber gleichzeitig auch so unterschiedlichen Ergebnis. Stellt Snowpiercer eher die Frage, wie lange eine notwendige Ordnung aufrechterhalten werden kann oder benötigt wird, geht High-Rise der Frage nach, woher dieser Ordnungszwang eigentlich kommt. Snowpiercer liefert ohne Frage ab, und die Maschine dreht sich zuverlässig. Ein tieferes und nachvollziehbares Verständnis über dessen Mechanismus zieht man jedoch aus High-Rise, der durchgehend zielstrebiger vorgeht und aus dem man mit einem ausgewachsenem Kater erwacht. Ob man die jeweilige Herangehensweise mag oder nicht, bleibt Geschmackssache. Ob man feiert oder nicht, bleibt zu beantworten. Fragen aus diesen Antworten ergeben sich in beiden Filmen. 

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