real time = mean time

clock-359984_960_720
© by geralt

Schön, dass gerade jetzt wieder ein Video-Essay zum Thema Geschwindigkeit kommt, wo doch gerade so viel darüber diskutiert wird. Die genaue Rede ist von der variablen Geschwindigkeit im Sehen. Schon einmal Serien auf 1.60 geguckt? Jeff Guo, ein Autor des Wonkblogs der Washington Post, hält es nämlich so. Sein Argument, neben einigen anderen: Es gäbe mittlerweile soviel Content, dass man nicht hinterherkommen würde. Mit 160% Geschwindigkeit geht da schon einiges mehr. 

Schneller, noch schneller, besser?

Viel wurde darüber diskutiert, sich empört und stellenweise auch erörtert. Können wir denn überhaupt noch langsam? Hochdrehen kann man bei Youtube standardmäßig schon lange, aber wer gewisse Videokanäle abonniert hat, dem dürfte schon mal aufgefallen sein, dass einige bereits in schnell geliefert werden. Kleines Beispiel? 

Erstaunlicherweise gewöhnt man sich jedoch schnell an Geschwindigkeit. Regelmäßigen Konsumenten dürfte das gar nicht mehr auffallen. Was aber auffällt, ist Langsamkeit. Sie strengt an, ist unbequem und ein Feind unserer Zeit. Unserem Erinnerungsvermögen bzw. der Merkfähigkeit dürfte dieser Rausch auch nicht gut tun. Es ist durchaus fraglich, ob unser Gehirn noch in der Lage ist, neben den ganzen Aufmerksamkeitsprozessen, die es dabei anwirft, noch Reserven für etwas anderes aufzubringen. Oder kann sich tatsächlich noch jemand an den genauen Inhalt erinnern? Aber was macht das schon. Heute ist eben nichts mehr für die Ewigkeit. Dafür gibt es das Aufmerksamkeitsdefizit gratis zum Erlebnis dazu. Auch daran ist man heute gewöhnt. Methylphenidat gibts ja auch schon an jeder Ecke. Klingt bitter und spießig? Ist es das? Ich weiß es wirklich nicht und überlasse deshalb Kevin B. Lee das Wort, beziehungsweise das visuelle Feld.

Wie sich die Kampf-Szenen in lediglich 5 Jahren verändert haben, am Beispiel der Bourne-Reihe.

How the Bourne Movies Changed Film Fights from Fandor Keyframe on Vimeo.

Um seine Frage zu klauen und der oberen Ausführung anzustellen: Geht das zu weit? Gehen Filmemacher zu weit? Oder müssen wir aufholen? Ist ein schnellerer Genuss (paradox!) ein Zeichen der Zeit?

Advertisements

14 Gedanken zu “real time = mean time

  1. Harhar, kaum ein Kinozuschauer weiß, dass man viele 35 mm-Projektoren von 24 Bilder/Sek auf 25 Bilder/sek umstellen konnte!
    Nur ganz wenige Zuschauer merkten den Unterschied am minimal höheren Ton, aber man sparte sich auf einen Tage mehrere Minuten ein (evtl. eine Vorstellung mehr am Tag!) und der Vorführer konnte nachts früher heimgehen 😉

    Gefällt 1 Person

  2. Ich genieße ja eher Filme und Serien (u.a. „Mad Men“ oder „The Newsroom“), die bewusst langsam inszeniert sind und sich Zeit für ihre Erzählung lassen. Auch höre ich viele Podcasts und da ist es ja gang und gäbe, dass man sie mit 1,5-facher Geschwindigkeit hört. Ich nicht. Das verändert die Stimmen und es geht ja nicht nur um Effizienz, sondern auch Stimmung und Genießen. Mir geht das zuweit. Kein Wunder, dass der Mensch keine Aufmerksamkeitsspanne größer als 8 Sekunden mehr hat…

    Gefällt 1 Person

  3. Ein sehr schönes Thema, mit dem du dich da befasst hast. Ich finde den „Geschwindigkeitswahn“ mittlerweile ziemlich nervig. Ich versuche mich nicht mehr hetzen zu lassen. Ich gehe lieber den anderen Weg und versuche ganz bewusst etwas zu schauen. Bei Filmen und Serien bekomme ich das schon deswegen ganz gut hin, da ich sie meistens im Originalton mit Untertiteln schaue. Da muss man sich einfach mehr konzentrieren. Sieht den Film oder die Serie dann aber auch bewusster. Finde ich. Ich muss ja auch nicht alles auf einmal sehen. Dann bin ich halt immer noch in der Mitte der fünften Staffel von Game of Thrones. Warum das so ist, kann vielleicht auch daran liegen, dass ich die Serie im Moment einfach nicht spannend finde und ich nicht Lust habe mich da durch zu quälen. Sollte man vom „Geschwindigskeitswahn“ nicht runter kommen und man ständig das Gefühl hat, wann man das alles noch gucken soll, kann er sich ja mal mit meditieren beschäftigen. Eine schöne Sache um sich wieder zu Erden und wieder zu sich zu finden.

    Gefällt 1 Person

  4. Sehr schönes Video!
    Ich finde ja alle gezeigten Herangehensweisen auf ihre Weise gut, weil konsequent eingesetzt. Ist ja auch immer vom Gegenstand abhängig – will man Gewalt als etwas Formvollendetes, Klares zeigen oder eher als etwas, das sich dem Verarbeitungs- bzw. Verstehensprozess entzieht? Haneke z.B. zeigt Gewalt auch gern außerhalb des Einstellungsraumes (Das Weiße Band, Funny Games), dafür ohne Schnitt. Resultat: Schwer erträglich, weil der Imagination offen und ohne jede filmisch klar vorgegebene Verarbeitungsmöglichkeit. (Argument Haneke: Gewalt ist schwer- oder gar unkonsumierbar). Der Schnitt gibt ja auch den Verarbeitungstakt vor, kann damit beim Konsum helfen, aber auch überfordern bzw verstören. Verstörend ist ein schneller Schnitt etwa im Horrorfilm mit seinen Jump-Effekten oder in Filmen wie „Amer“ oder „Strange Color of Your Body’s Tears“, in denen jeder Filmschnitt einem Messerschnitt gleichgesetzt wird, die Gewalt also enorm physisch wirkt.
    So, war jetzt weniger zeitlich/filmhistorisch argumentiert als von dir wahrscheinlich gewollt, aber irgendwie hat dein Artikel das bei mir freigesetzt. 😉

    Gefällt 2 Personen

    • Im Gegenteil, finde es höchst interessant. Bei Haneke ist mir das auch schon aufgefallen. Rein filmtechnisch ist das super spannend, wie auch im Video. Es ist, wie du sagst, die Frage nach den Mitteln zum Zweck. Selbstzweck oder Stilmittel. Beide Filme bereits vorgemerkt, aber noch nicht gesehen. Kommen in Amer tatsächlich Träume vor? Ich hab da nämlich was in Planung 😉

      Gefällt mir

      • Ohhh, jetzt machst du mich aber neugierig!
        „Amer“ ist ziemlich experimentell und assoziativ angelegt. D.h., dass du, falls es sich bei einzelnen Szenen um Traumszenen handelt, das nicht leicht erkennen kannst. Ergibt sich dann eher aus dem Gesamtkontext des Films und auch dann kannst du eher mutmaßen. „Strange Color“ ist noch deutlich schlimmer. Müsste mir „Amer“ bzgl. deiner Frage aber auch nochmal angucken. Mache ich demnächst aber sowieso. 🙂

        Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.