Wiener Dog (2016) von Todd Solondz – Die Weltanschauung eines wachsenden Geschwürs

Verwirrung nach dem Film: Ist Gelb die richtige Farbe für einen Dackel? Gehört hier wirklich der Dackel an die Leine? Wie viel Dackel für jeden? Was sich existenziell anhört, ist es auch: Wiener Dog fühlt sich an, wie die  leibhaftige Beerdigung im Kinosessel. Mit einem Dackel, der freundlich die Schaufel hält.

© Prokino / 24 Bilder
© Prokino / 24 Bilder

Der Dackelbeine sind es vier,

und so hats auch vier Episoden: Der Junge an Krebs erkrankte Remi (Keaton Nigel Cooke) bekommt von seinem Vater (Tracy Letts) einen Dackel, um Verantwortung zu lernen-sehr zum Missfallen seiner Mutter (Julie Delpy). Tagsüber wird der Dackel vom Vater diszipliniert, während er nachts in einem Käfig schlafen muss. Nach einem Tierarztbesuch, wird er von der Tierarzthelferin Dawn Wiener (Greta Gerwig) entführt und mit nach Hause genommen. Kurze Zeit später befindet sich Wiener-Dog mehr oder weniger auf auf einem Road Trip mit Dawns früherem Schulfreund Brandon (Kieran Culkin), um dann bei Brandons Bruder Tommy (Connor Long) und seiner Frau April (Bridget Brown) ein Zuhause zu finden. Für diesen Dackel endet die Reise hier, doch lernt man im Verlauf noch die Wurstrolle des gescheiterten Drehbuch-Professors David Schmerz (Danny DeVito) kennen. Auch Tumor (im Original: Cancer), Dackel der miesepetrigen älteren Dame Nana (Ellen Burstyn), bekommt seinen Auftritt. 

Die kastrierte Version von Boyhood

Wiener Dog entspringt der Filmproduktionsgesellschaft Annapurna Pictures von Megan Ellison, die den Independentfilm wie keine zweite belebt. Und so kann sich auch Filmemacher Todd Solondz nach über 10 Jahren Funkstille wieder im deutschen Kino zurückmelden. Bekannt wurde Solondz vor allem für die Filme Willkommen im Tollhaus (1995) sowie dessen Nachfolger Happiness (1998), welche selbst auf dem Indie-Markt für kontroverse Debatten sorgten. Mit Wiener Dog verfolgt Solondz seinen Weg konsequent weiter. So taucht die spleenige Dawn Wiener hier auch nicht zum ersten Mal auf, sondern beginnt ihre Karriere als zwölfjährige Figur in Solondz Willkommen im Tollhaus, in der sie einem Rockstar verfällt, um dann einige Jahre später in Palindrome (2004) zu sterben. Wieners erwachsene Verkörperung Greta Gerwig (Frances Ha, Mistress America, Maggie’s Plan), die jüngst erst als Königin der Exzentrik betitelt wurde, macht ihrer Auszeichnung alle Ehre und fügt ihre nun wieder auferstandene Figur in den Rest der allgegenwärtigen Absurditäten. Danny DeVito gibt den belächelten Professor Schmerz mit Bluthochdruck und Übergewicht, der des Lebens überdrüssig ist und Ellen Burstyns desillusionierte Nana kann ihren Blick auf Vergangenes durch ihre dicke schwarze Brille auch nicht mehr schönen. Da helfen nur Bomben und Krebs. Bereuet.

Todd Solondz Filmographie

© Von Festival Internacional de Cine en Guadalajara - originally posted to Flickr as [1], CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6875228
© Von Festival Internacional de Cine en Guadalajara – originally posted to Flickr as [1], CC BY 2.0, Wikipedia

1985: Schatt’s Last Shot

1989: Fear, Anxiety & Depression

1995: Welcome to the Dollhouse

1998: Happiness

2001: Storytelling

2004: Palindrome

2009: Life During Wartime

2011: Dark Horse

2016: Wiener-Dog

Solondz stellt seine Figuren mit all ihrer Tragik in den Mittelpunkt. Neutral bis vollkommen objektiv bewegen sich auch die Bilder (Ed Lachman: Paradies-Trilogie, Carol) durch die Geschichte – ihre Objekte stets im Mittelpunkt des Erzählens. Dieses fast schon klinische Bild macht Wiener Dog zu einer Studie über das Leben, dessen Zyklus und das Sterben. Die wachsende Farbgebung, die an die Flüchtigkeit von Jahreszeiten erinnert, unterstützt diesen ewigen Kreislauf. Und das ohne jegliche Sentimentalität. Man kann sogar sagen, mit nüchterner Abscheu. Mittendrin: Der Dackel als Annäherung. Dessen Fäkalienspur: Vergänglichkeit. 

„This dog is more a filter through which I explore things like mortality.“

Todd Solondz im Guardian

Dackel, Dünkel und Tod

Hier tut sich auch ein grundlegender Unterschied zwischen Katzen- und Hundeliebhabern auf: Erziehung ist wichtig; schließlich gilt es den Willen zu brechen, und dieser Wille nennt sich Charakter. Aus. Bei Fuß. Kindheit vorbei. Der nachfolgende Weg führt über weitere Stationen des Erwachsenwerdens – Fehlern, die man im Leben macht, widerfahrende Unglücke und unausweichliche Abschiede. Ab und an ein bisschen Fantasy fürs Auge, aber immer über jeden Zweifel erhaben. Das Resümee am Ende ist eine Bilanz des Scheiterns menschlichen Handelns. Und das alles ist in hohem Maße nicht sehenswert.

 Also: Den Dackel ins Gepäck und ab ins Kino, wer noch die Gelegenheit dazu hat.

Hand aufs Herz: Erziehung oder Freiheit? Hund oder Katze? Dackel oder Mops?

 

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17 Gedanken zu “Wiener Dog (2016) von Todd Solondz – Die Weltanschauung eines wachsenden Geschwürs

  1. Hab den Film vor 6 Tagen gesehen. Und stimme dir zu: gelb ist unpassend für den Dackel und gar so wurstig-dick hätt er auch nicht sein müssen. Und schon gar nicht dauernd angeleint (das Gezerre!). Und dann noch dieses Ende – das war zu viel für mich (ich hab selbst einen Wiener Dog, da packt man sowas gar nicht).

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