Mark My Mood – Schäumende Träume

Letztens hatte ich einen Traum. Ich wachte mitten in der Nacht auf und sah mich in meinem dunklen Schlafzimmer um, während ich versuchte die Orientierung wiederzuerlangen. Noch benommen von den vielen Farben und Formen, musste ich ernüchtert feststellen, dass die Realität anders aussah. Dunkel, irgendwie kälter. Hatte ich eben auch schon gefroren?

Wie bereits angekündigt, folgt hier der erste Beitrag zum Thema „Mark My Mood“! Und wie die Überschrift erkennen lässt, geht es um Träume.

DREAMS in Film (an essay film) from Annalena Oe on Vimeo.

Annalena Oestreich und Pedro Milo präsentieren in ihrem Essay die Welt der Träume (oder des Unbewussten) und setzen diese Clips in einen philosophischen Kontext. Ihre nennenswerte Sammlung umfasst: 1408, Enter the Void, Kaboom, Laurence Anyways, Hannibal (Serie), Rosemary’s Baby, The Goodnight, White Bird in a Blizzard, Inception, Eraserhead, Matrix, Mysterious Skin, The Goodnight, The Cell, Vanilla Sky und Waking Life.

Einmal Vernunft abgeben, bitte!

Es ist mit dem Schlaf schon so eine Sache. Da wird man nicht nur jeden Abend aufs neue bewusstlos, sondern auch ratlos. Wer sich ein Stück Kindheit bewahrt, träumt vielleicht von Monstern, Kobolden oder Superhelden, andere treffen Verwandte und Freunde an den ungewöhnlichsten Orten wieder. Oder beides. Schranken gibt es im Unbewussten nicht. Im besten Fall kennt man den beschrittenen Ort, ansonsten ist man auch noch damit beschäftigt herauszufinden, wo man eigentlich gerade ist. Hinterm Regenbogen gleich links, seitwärts auf dem Pfad des Einhorns bis zur Hütte der geflügelten Klappstühle. Wacht man am Morgen wieder auf, muss man alle Bestandteile des Selbst wieder mühselig zusammensetzen. Schlaf: Ein Drittel verschwendete Lebenszeit. Oder?

Ohne gehts nämlich nicht. Wem Schlaf entzogen wird, der stirbt über kurz oder lang. Vorher stellen sich Halluzinationen und Wahnvorstellungen ein. Das macht den Schlafentzug auch zur beliebten Foltermethode. Doch beim Träumen wird es rätselhafter. So richtig einig ist man sich nicht, warum wir träumen. Fakt ist aber: Jeder träumt. Jede Nacht. Meistens erinnern wir uns nur nicht daran, da wir genau dann aufwachen müssen, wenn wir träumen. Also ungefähr alle 90 Minuten. In einem Schlaflabor kann man das forcieren. Stellt sich REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) ein und man weckt die schlafende Person, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie von einem Traum berichtet. Nur, wer hat schon ein Elektroenzephalogramm neben dem Bett liegen. Einfacher: Die Wahrscheinlichkeit ist in der zweiten Nachthälfte am höchsten. In der ersten ist der Mensch weitestgehend mit Tiefschlaf beschäftigt, während sich in der zweiten Nachthälfte die REM-Phasen einen Vorteil verschaffen. Viele Fragen über das Träumen sind aber bis heute ungeklärt.

Traumfabriken

Die Wahrnehmung von Träumen wirft auch verschiedene Fragen auf, sei es philosophischer, psychologischer oder neurowissenschaftlicher Natur. Was ist real? Und wie erkennen wir, was real ist? Was ist Traum und was Realität? Sich seiner selbst bewusst zu sein? Kann man in Träumen sterben? Kennt Traum Zeit? Luzides Träumen – Science-Fiction für Zuhause? Es sind Fragen, die älter als das Kino selbst sind und Künstler aller Richtungen umgetrieben haben. Die Traummaschine Film kann dazu spannende Antworten liefern und neue Fragen stellen. Im Kurzfilm Elephants Dream, dem ersten Open Source-3D-Kurzfilm, der fast ausschließlich mit lizenzfreier Software generiert und in 30 Sprachen übersetzt wurde, befinden sich Proog und Emo in einer surrealen Maschine, die einem Traum nicht unähnlich ist…

Film und Traum per se analog zu betrachten, leuchtet ein, ist jedoch im Detail abwegig, da im Film bewusst eingegriffen wird, wenn auch nicht von der Person selbst. Die Rezeption ist ebenso wahlweise. Film kommt nicht über uns, wie es Träume mitunter halten. Tagträume und luzide Mechanismen kommen dem vielleicht etwas näher, sind sie wenigstens zu einem Teil bewusst. Viel interessanter hingegen ist der Vergleich mit der Bewegung: Während man im Traum oft rennt, fällt oder flüchtet, sind die Bilder des Films auch eine Form der Bewegungswahrnehmung, eine Art von innerem Mitbewegen. Man kennt vielleicht das Phänomenen, wenn man am Tag schwimmen war und in der Nacht plötzlich aufwacht, weil man die Bewegung imitiert hat. Film kann uns also weitestgehend in innere Bewegung versetzen, während Träume diese Bewegungen aufgreifen. In beiden Zuständen können Bewegungen außerdem verzerrt, also nicht zeitgebunden sein. Aber nur der Film lässt die unmittelbare bewusste Begegnung mit dieser Erfahrung zu. Film ist also nicht direkt Traum, aber ein starkes Mittel, sich Träumen anzunähern und diese zu ergründen.

Most Wanted

Viele wirklich interessante Filme musste ich leider auslassen, da sie nicht unmittelbar für mich erreichbar waren, thematisch zu unspezifisch sind oder nur eine Traumszene enthalten. Sie bekommen aber auch einen Platz. Besonders traurig ist dies im Falle von Ink (2009). Vielleicht hole ich das an anderer Stelle einmal nach oder jemand von euch hat ihn gesehen und mag einen Beitrag beisteuern. Und, weil durch die bloße Nennung der speziellen Traumverbindung leichte Spoiler enthalten sein können, lasse ich die rechte Hälfte weiß. Zum Anschauen einfach markieren. 

  1. Mysterious Skin (2004) – Vermischung von Traum und Wirklichkeit
  2. Öffne deine Augen (1997) – Vermischung von Traum und Wirklichkeit
  3. Eraserhead (1977) – Vermischung von Traum und Wirklichkeit
  4. Die Stadt der verlorenen Kinder (1995) – Alpträume
  5. Donnie Darko (2001) – Alpträume und Schlafwandeln
  6. Paprika (2006) – Traumanalyse
  7. Inception (2010) – Luzides Träumen
  8. Science of Sleep (2006) – Tagträume
  9. Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013) – Tagträume
  10. Waking Life (2001) – Existenzialismus und Wahrnehmung der Realität

Damit erkläre ich höchst offiziell die nächsten drei Wochen zu Traumwochen. Und bitte: Fühlt euch völlig frei mitzumachen, egal in welcher Form. Filme, Filmbesprechungen, Verlinkungen, Bücher, Texte, Musik. Alles kann, nichts muss. 

Traum und Film. Was sind eure Gedanken dazu? Schreibts mir gern in die Kommentare.

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18 Gedanken zu “Mark My Mood – Schäumende Träume

  1. Da fängst du ja gleich mit einem hochspannenden Thema an! Der Traum ist ein Thema, das mich sehr interessiert, gerade wegen meiner Affinität für den Surrealismus, der ja darum bemüht ist, aus Perspektive des Bewussten auf Trauminhalte zuzugreifen, um diese sogar wieder Teil der Kultur werden zu lassen. Ist ja immer schwierig, Trauminhalte zu Gegenständen des bewussten Umgangs zu machen. Aber so ist es eben auch die Faszination, weil all das immer ungreifbar bleibt, ungreifbar und hochindividuell codiert. Erzähl mir was über deine Träume und du erzählst mir von dir.

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    • Finde die Verbindung auch spannend. Ich habe da eine ganz nüchterne Sicht drauf, leider muss man sagen. Beschäftige mich etwas mit Hirnforschung und seitdem ist alle Romantik dahin 😀 Falls du noch einen Tipp hast, was thematisch mit rein muss, immer her damit.

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      • Würde demnach den Surrealismus als Themenschwerpunkt reinpacken. Wenn du Kunst und Traum zusammennimmst, bist du schnell bei den Franzosen.
        Da ist mit „Un Chien Andalou“ auch gleich ein richtig heißer Klassiker am Start. Thematisch wäre das wohl weniger eine direkte Auseinandersetzung mit dem Traum, sondern mehr der Versuch, dessen Ästhetik nachzuahmen (vgl. „Eraserhead“, bei dem sich die Frage Realität/Irrealität eigentlich gar nicht mehr stellt, weil die Realität dort selbst irreal geworden ist – Def. Surrealismus mit seinem Fokus auf *einer* Überrealität.). So viel Fachgenöle von meiner Seite. Falls du den „Chien“ noch nicht gesehen hast, musst du das unbedingt tun!

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