Mysterious Skin – Unter die Haut (2004) von Gregg Araki

© 2010 Antidote Films
© 2010 Antidote Films

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Mysterious Skin klebt am Zuschauer wie süßer und übelkeitverursachender Zucker. Nichtsdestotrotz sollte man dies, wenn man es noch nicht hat, billigend in Kauf nehmen, um ein thematisch rundum gelungenen Film zu sehen. Momentan auch bei Netzkino verfügbar. 

Sportliche Betätigung hat noch keinem geschadet, denken sich Brians strenger Vater (Chris Mulkey) und Neils flippige und sexuell aufgeschlossene Mutter (Elisabeth Shue). So melden sie die beiden achtjährigen Jungs zum Baseball an, wo sie der charismatische Coach (Bill Sage) in Empfang nimmt.  Der schüchterne Brian Lackey (jung: George Webster; älter: Brady Corbet) leidet jedoch daraufhin an Nasenbluten und einem fünfstündigen Gedächtnisverlust. Während sein Vater ihn für diese Schwäche verachtet, kommt dies der überbehütenden Mutter (Lisa Long) ganz recht und sie nimmt ihn zu ihrer Erleichterung aus der Mannschaft. Weiter geht es um die Geschichte von Neil, der bereits früh wusste, dass er homosexuell ist und sich in den Coach verliebt. Während der scheinbar sorglose Neil (jung: Chase Ellison; älter: Joseph Gordon-Levitt) Jahre später sein Leben durch Gelegenheitssex auf dem Straßenstrich einer Kleinstadt sortiert, denkt Brian, immer noch an Gedächtnisverlusten und Nasenbluten leidend, dass er von Aliens entführt wurde. Avalyn Friesen (Mary Lynn Rajskub), die ebenfalls glaubt, von Aliens entführt worden zu sein, wird von Brian kontaktiert und gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach der Wahrheit. Als Neil die Stadt verlässt, um seiner Freundin Wendy (Michelle Trachtenberg) nach New York hinterherzureisen, freundet sich Brian mit dessen Kumpel Eric (Jeffrey Licon) an, der Brian das erste Mal aus der Reserve locken kann.

Feinsinniges Ensemble

—Spoiler —

„All the things one has forgotten scream in dreams“

Elias Canetti

Gregg Araki (The Doom Generation, Nowhere, Kaboom) hat sich mit Mysterious Skin eines der schwierigsten Themen überhaupt vorgenommen. Sexueller Missbrauch an Kindern. Ein Thema bei dem man eigentlich nur alles falsch machen kann. Falsche Betroffenheit, mahnender Zeigefinger und hochgehaltene Moral sucht man hier jedoch lange und vergeblich. Neben der Missbrauchsthematik werden Homosexualität und das Stricher-Milieu thematisiert. Arakis Film funktioniert auf all diesen Ebenen und zeigt völlig unaufgeregt verstörende und gleichzeitig herzliche Szenen. 

—Spoiler Ende—

Wunderbar unbeschwert folgen wir Joseph Gordon-Levitt (Inception, The Dark Knight Rises, The Walk) bei seinem sexuellen Durchmarsch oder hegen Sympathien für den vermeintlich von Alien entführten Brian, welcher von Brady Corbet verkörpert wird (Die Wolken von Sils Maria, Gefühlt Mitte Zwanzig).  Araki spricht dem Zuschauer eine moralische Bewertung der beiden nicht ab, macht es einem jedoch durch dir figürliche Nähe sehr schwer, empathisch nicht voll dabei zu sein. Dabei ist man keineswegs abgeschreckt, sondern auf eigentümliche Art fasziniert, wie die beiden grundverschiedenen jungen Männer ihr Leben bestreiten. Natürlich fokussiert sich Mysterious Skin auf den talentierten Joseph Gordon-Levitt, aber auch Brady Corbet hat intensive Momente, vor allem in einer gemeinsamen Szene mit Mary Lynn Rajskub. Die Bilder in Mysterious Skin sind nicht auf Hochglanz poliert, sondern haben einen sehr realistischen Look. Spröde, schnörkellos und ungeschönt, genau wie der dem Film innewohnende Grundton.

Traum und Psyche- Das Traumtagebuch

Brian hat sich nach dem ersten Vorfall ein Tagebuch für seine verwirrende Träume zugelegt. In ihm schreibt er alle Hinweise auf, die ihn zu den Aliens führen könnten. Der Traum als vorbewusste Ebene agiert in Brians Welt unnachgiebig, aber auch verwirrend. Was im Verborgenen liegt, kann nur durch eine innere Unordnung an die Oberfläche kommen. Brian hängt an diesen Gebilden und gibt nicht auf, diese zu ergründen. Der Traumzustand ist so seine Versicherung, eine Art Speicher, um nicht zu vergessen. Man kann auch sagen, dass der wirkliche Schutz vor den Alien in ihm selbst liegt und nur soviel zulässt, wie er auch verarbeiten kann. Dazu muss er sich erst von seinem bewussten Gefängnis lösen, das durch die Eltern aufrechterhalten wird. Erst dann ist Raum, um seinen Träumen das Stück Realität wiederzugeben, das ihm fehlt.

Ergreifend

Mysterious Skin gewinnt durch das Nachvollziehbare und Reale. Den Ausflug in die menschliche Psyche gibt es dabei ebenso einsichtig wie schlüssig. Dabei ist das Besondere an Mysterious Skin der zweifache, so unterschiedliche Zugang. Kreuzen sich diese beiden, wird dieser Film jedoch erst richtig intensiv und bestechend. Die Schlussszene bleibt lange im Gedächtnis und vor allem im Herz.

Abschließend möchte ich euch noch den wunderbaren Soundtrack ans Herz legen:

Das Deuten von Träumen? Alter Hut? Freud ist durch?

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4 Gedanken zu “Mysterious Skin – Unter die Haut (2004) von Gregg Araki

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