Eraserhead (1977) von David Lynch – Die Befruchtung der Angst

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen. 

Lange bin ich um Eraserhead herumgetanzt, weil ich mich allgemein schwer mit Lynchschen Auswüchsen tue. Nach dem zweiten Anlauf klappte es dann aber. Ob es sich gelohnt hat? Ja, wenn das Vergnügen auch eher zweifelhafter Natur war…

Lebensräume

Die Industrialisierung ist fortgeschritten und die Natur musste industriellen Bauten sowie kleinen und großen Häusern mit bröckelndem Putz weichen und die geschwärzte Umgebung bildet Pflanzen aus, die sich durch ihr Schicksal quälen. Karge und mit schlamm bedeckte Straßen zeichnen ein Bild der trostlosen und nüchternen Landschaft. Henry Spencer (Jack Nance) lebt in dieser missmutigen, von der Industrie geprägten, Umgebung. Eines Tages wird er überraschend von seiner Ex-Freundin Mary (Charlotte Stewart) zum Essen eingeladen, um dort von ihren Eltern (Allen Joseph, Jeanne Bates) zu erfahren, dass er Vater geworden ist. Mary und Henry ziehen schließlich, auf den Druck derer hin, in eine gemeinsame Wohnung, um sich um ein missgebildetes Kind zu kümmern. Doch beide hadern mit ihrem Los. Als Mary letztlich aufgibt, verliert sich Henry immer mehr. Traum und Realität verschwimmen.

Puppenspieler Angst

Eraserhead kann mit einer der faszinierendsten Eröffnungsszenen in der Filmgeschichte glänzen. Henry bewegt sich langsam schwebend durch den Raum, hinter ihm befindet sich ein Planet. Dessen scheinbar einziger Bewohner sitzt stoisch an einer Steuerzentrale, an der er Hebel kontrolliert. Der Planet scheint außerdem in Henrys Kopf zu sein und eine spermienartige Kreatur, die aus aus seinem Mund kommt, wird schließlich mit solch einem Hebel in Bewegung versetzt. Durch einen langen dunklen Tunnel gelangt der Zuschauer in die Welt von Henry.

Die Stimmung Eraserheads ist dabei beklemmend bis verstörend und durch seine Umgebung geprägt. Selbst Dickens hätte nicht mehr gesellschaftliche Trostlosigkeit in den Kopf des Zuschauers pflanzen können, als es David Lynch hier vermag. Hatte Dickens jedoch die industrielle und verarmte Gesellschaft Londons und deren Strukturen im Sinn, ist die missständliche Umgebung in Eraserhead vielmehr in der Psyche seiner Hauptfigur zu finden. Deshalb wirkt Eraserhead ungewöhnlich entfernt, aber dennoch wird man davon angezogen. Begünstigt wird dies durch die Musik, die hier mindestens unbehaglich ausfällt. Durch den vor sich hinbrummenden Klangteppich, der durch den gesamten Film ausgerollt wurde, ist die Atmosphäre zusätzlich entrückt – der Zuschauer selbst wird in einer industriellen Hölle eingepfercht. 

Die scheinbar gewohnten Klänge, lassen eine lange Abwesenheit von natürlichen Geräuschen vermuten und die Schnitte sind quälend langsam, was klaustrophobische Zustände provoziert, während die Ausleuchtung auf harte Kontraste ausgelegt ist, die sich in der Summe in den Lebensbedingungen Henrys wiederfinden. Was nicht durch die Stimmung aufgenommen werden kann, wird indirekt durch einen hohen symbolischen Gehalt vermittelt. Somit wird auch nicht ersichtlich, ob es sich um reine Fiktion oder eine Darstellung eines Traumes handelt. Da Traum und Wirklichkeit bei David Lynch jedoch gleichberechtigt anmuten, ist dies für die Rezeption unerheblich.

„Just cut them up like regular chickens!“

David Lynch hält sich bedeckt, was seine Filme und deren Interpretation angeht. Dabei produziert er jedoch Fragen, wie kaum ein anderer Regisseur. Egal, wie man zu seinem Schaffen steht, so ist er doch in der seltener werdenden Riege der Fragensteller und Universalkünstler ein Unikum und somit unabdingbar innerhalb einer filmschaffenden Szene.

Well, you know, it’s difficult to say. I always say the same thing: Every viewer is different. People go into a world and they have an experience, and they bring so much of what makes them react, it’s already inside of them. Each viewer gets a different thing from every film. So there are some people where Eraserhead speaks to them, and others it doesn’t speak to them at all. It’s just the way it goes.

David Lynch

Ohne nun jede einzelne Szene auseinanderzunehmen, folge ich einer gängigen Annahme, dass Lynchs Auffassung von Geburt, Vaterschaft und die Sorge darüber, zentrales Element für den Zugang zum Film sind (er selbst wurde vorher auch Vater). Darüber stülpt sich die Sexualität als Ganzes, die hier ebenfalls einer kritischen Musterung standhalten muss. Anspielungen auf spermienähnliche Gebilde (Bett, Briefkasten), flüssigkeitsgefüllte Pfuhle, die an Eizellen erinnern und Matter over Mind (Angst, Bewusstseinsebenen, Enthauptung) lassen kaum einen anderen Deutungsbezug zu. Vielmehr ist es aber ein Gefühl von dieser Thematik, das Eraserhead erzeugt. Dabei erzählt David Lynch hauptsächlich nach innen gerichtet, allein durch die Form und ein Display von Emotionen verschleiert die darunterliegenden Informationen. Vor allem die Angst, welche durch verschiedene Mittel weiter nach vorn geschoben wird, bahnt sich beharrlich ihren Weg, nur um dann die eine existenzielle Frage zu stellen: Fight or flight?

The Lady in the Radiator – Traum und Phantasie

Diese wachsenden Sorgen und die Angst ob der Vaterschaft spitzt sich weiter zu. Die Hilflosigkeit des Fötus wird dabei im Film besonders hervorgehoben und die schwer auf Henry lastende Verantwortung gleicht einer Krankheit, die es loszuwerden gilt. Die Verwischung von Bezugsebenen  bilden die Verwirrung darüber ab und Henry verliert sich Stück für Stück selbst, sucht Ausflüchte und tut letztendlich genau das, was aus solch einer Ausweglosigkeit resultiert: Er beschneidet diese, weil er sich zu einem Ausgangszustand, einem „Davor“ sehnt. Eingeleitet wird dies von der sogenannten „Lady in the Radiator“.

„Dreams are often most profound, when they seem the most crazy“

Sigmund Freud

Wenn Henry auf seinem Bett liegt, träumt oder phantasiert er von der Lady in the Radiator. Er taucht in die Welt in der Heizung ein und sieht eine Bühne, auf der eine, in weiß gekleidete Frau, steht, die ihn himmlisch empfängt. Doch für was steht diese wiederkehrende Figur? Und warum taucht sie in bestimmten Momenten auf? Dazu muss man sich die Situationen ansehen, in denen Henry träumt. Ob nach der Trennung, einer Begegnung mit der Nachbarin oder in der Anwesenheit des Fötus. Sie bietet ihm eine Form von Zuflucht von diesen Situationen. Man könnte auch von einem inneren Traum im Traum sprechen, je nachdem welche Bewusstseinsform man grundsätzlich im Film annimmt. Er spricht nicht zu ihr nicht mit ihr und beobachtet sie anfänglich nur. Böse Zungen würden vielleicht sagen, dass er sich nach einer stummen Frau sehnt, aber dahinter steckt mehr. Denn diese Frau besitzt keine Attraktivität im herkömmlichen Sinne, dass sie begehrenswert für Henry ist, wohl aber, dass er sich zu ihr hingezogen fühlt, zu ihr möchte. David Lynch benutzt hier bewusst einen Traum als Möglichkeit zur Flucht und setzt diesen gezielt ein. 

Die Verhütung der Angst

In einer Vorstellung singt sie „In heaven, everything is fine“ und es fallen wurmartige Gebilde auf die Bühne. Sie versucht sie zu zertreten und Henry versucht sie zu berühren, fällt dabei aber wieder in seine Realität zurück und alles wird noch schlimmer. Als Henry sich jedoch seiner Angst stellt (Mann an den Hebeln), kann er endlich in ihrer Nähe sein und Erlösung finden. In anderen Worten: Die Lady in the Radiator ist eine Art doppelte Verhütung. Sie nimmt ihm die Angst vor seiner Sexualität oder der Konsequenz daraus und lässt auch gleichzeitig keine weitere zu.

Interessant in dieser Hinsicht, ist sicherlich auch das Aufkommen der Anti-Baby-Pille zu der Zeit als Eraserhead entstand. Aber das, wie auch alles andere, ist reine Mutmaßung. Eraserhead ist somit in der Summe fast lebensbejahend und ein elektrisierendes Plädoyer dafür, sich seinen Ängsten zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. In meinem Fall wird es dazu führen, sich durch weitere Filme von David Lynch zu schälen. Chapeau!

 

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16 Gedanken zu “Eraserhead (1977) von David Lynch – Die Befruchtung der Angst

  1. Sehr schöne Betrachtung eines Films, der es einem wirklich nicht ganz leicht macht. Irgendetwas an dem Film wirkt sehr stark auf mich, ich bezeichne das immer als „bearbeitet meine Seele mit ’ner Käsereibe“ und ich kann nicht mal genau sagen was. Das unglaublich unangenehme Abendessen mit den Eltern der Freundin? Schlicht die Wirkung der praktischen Effekte des zweitunangenehmsten Babys der Filmgeschichte? Irgendetwas das meiner Lebenswirklichkeit einfach zu nahe kommt? Keine Ahnung aber für mich ein hervorragender jedoch sehr unagenehmer Film und einer der Lynchs, die ich am wenigsten gesehen habe (abgesehen von ‚Dune‘, den ich schlicht nicht mag).
    Für Lynch-Tips möchte ich unbedingt noch ‚Straight Story‘ in die Runde werfen, der tatsächlich hält, was der Titel verspricht. Außerdem den häufig übersehenen ‚Fire Walk With Me‘, ob mit oder ohne ‚Twin Peaks‘ vorweg einer von Lynchs besten.

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  2. Tolle Auseinandersetzung mit „Eraserhead“. Ich muss den noch sehen, kenne bisher auch nur „Mulholland Drive“, „Lost Highway“ und „Twin Peaks“. Moment…da war noch dieser komische „Inland Empire“, bei dem ich wirklich gar nichts geblickt habe. Bei MH un LH kann man immerhin einen grundsätzlichen Plot offenlegen.

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  3. Was meinst Du mit „Interessant an dieser Stelle, ist sicherlich auch das Aufkommen der Anti-Baby-Pille zu der Zeit als Eraserhead entstand“? Der Film ist von 1977!
    War damals echtes Pflichtprogramm und ich habe ihn sogar ein zweites Mal angesehen. Ist aber tatsächlich ein schwieriger Film. Ähnlich ging es mir bei „Inland Empire“ – großartiger Film, aber viel Spielraum für Interpretationen. Lynch hält sich übrigens immer sehr zurück und ich musste immer lachen, wenn seine Darsteller versuchten das gerade gedrehte Werk zu erklären und er dann sagte alles quatsch, aber ich sage nichts dazu :))

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    • Naja, Eraserhead ist um 1970 rum entstanden, glaube ich. Da war die Pille 10 Jahre auf dem Markt und noch immer umstritten. Kann mir schon vorstellen, dass das noch Thema war. Muss aber sicherlich nicht. Ja, ich glaube, seine Geheimnisse nimmt Lynch tatsächlich mit ins Grab. Warum auch nicht. Habe letztens irgendwoe einen Artikel über Lars von Trier gelesen. Dort hieß es auch, dass die großen Künstler ihre Geheimnisse oder eigene Denkweisen haben müssen, da es sonst keine Verfremdung mehr ist bzw. Kunst. Sie sollten das Recht darauf stets für sich beanspruchen können. Dem stimme ich voll zu.

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      • Na 1977 war die Pille nicht mehr umstritten und die „sexuelle Revolution“ längst durch, selbst hier im seinerzeit noch biederen Deutschland. Ich bin sicher, das Thema kann man beiseite wischen :)) Soll wirklich kein Angriff sein. Ich finde es aber schon spannend wie die nächste Generation das sieht. Um 1970 und 1977 sind Welten! Glamrock und Punkrock – Blümchen und Stachelfrisuren.

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        • Verstehe ich auch nicht so. Mit „um 1970“ entstanden, meinte ich , dass der Film im Jahre 1970 rum entstanden ist, also das Drehbuch. Die Dreharbeiten haben allein 5 Jahre angedauert. Inwieweit das dann noch realistisch ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.

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      • Bzgl. Interpetation passt das hier auch sehr gut rein. Lynch hat „Mulholland Drive“ zehn Tipps mitgegeben, called „David Lynch’s 10 Clues to Unlocking This Thriller“. Auch ein ziemlicher Gag, wenn man bedenkt, wie Lynch Filme macht, eben so, dass es zu keiner finalen Auflösung kommen kann. Alleine, dass hier von einem bloßen „Thriller“ gesprochen wird, obwohl der Film eher ein ziemliches Experiment ist, das die Genres mehr aufweicht als nutzt. Da spielt der Lynch sehr hintersinnig mit den Zuschauererwartungen. Lustiger Kerl, hat immer den richtigen Humor (siehe auch die Log-Lady-Interludes zu „Twin Peaks“).

        Hier mal die Tipps: https://en.wikipedia.org/wiki/Mulholland_Drive_(film)#Themes_and_interpretations

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      • Ah, dann bist du ja schon mit dem Wesentlichen vertraut!
        Beim „Elefantenmensch“ aber keinen typischen Lynchfilm erwarten. Ist ein äußerst konventionelles Biopic, zwar mit besonderem Thema, aber in der Inszenierung weitgehend brav (also vom SW-Look und teils spannender Kamerarbeit abgesehen).

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