Paprika (2006) von Satoshi Kon – Deine Träume gehören mir

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Kennt ihr das? Das Duschbad oder die Shampoo-Flasche ist vom Drücken so eingedellt, dass beim erneuten Drücken nichts mehr herauskommt. Der Trick: Man drückt mit der Hand auf die beiden, nicht eingedellten Seiten, so das Luft eingesogen wird. Was dann meist beim Loslassen folgt, ist vorzeitiger Shampoo-Erguss in Reinform. So ungefähr muss man sich das mit Paprika vorstellen. Man drückt an ein paar Stellen und ein Schwall von nicht dosiertem Wahnsinn ergießt sich über den Bildschirm. Aber lest selbst.

—Spoilerfrei—

© Sony Pictures Entertainment

© Sony Pictures Entertainment

Zeig mir deine Träume

Aber worum geht es eigentlich? Kōsaku Tokita hat eine Methode geschaffen, um Menschen im Traum zu begleiten und diese Träume zu beeinflussen. Das hehre Anliegen ist die zielführende Behandlung von Patienten mit psychischen Störungen, indem man in ihre Träume, oder anders ausgedrückt, in ihr Unterbewusstsein eintaucht. Das dafür vorgesehene Gerät, der sogenannte DC Mini, ist noch nicht ganz ausgereift, wird aber von der Wissenschaftlerin und Psychologin Atsuko Chiba bereits verwendet. Mit ihrem offenherzigen Alter Ego Paprika, das als ihr Traum-Pendant dient, durchstreift sie die Träume ihrer Patienten. Darunter ist auch der Ermittler Toshimi Konakawa, der sein Unterbewusstes in die Hände der Psychologin legt. Gemeinsam mit ihrem Chef Toratarō Shima, stellen Tokita und Chiba plötzlich fest, dass ein DC Mini gestohlen wurde. Die Traumdedektive Paprika, Tokita, Shima und Konakawa nehmen die Spur auf. Schnell müssen sie feststellen, dass auch sie Traum und Realität nicht mehr auseinanderhalten können. 

Am Anfang war Satoshi Kon

Der 2010 an Krebs verstorbene Satoshi Kon wollte eigentlich Zeichner werden, wurde dann aber Manga-Artist und schließlich verbrachte er seine letzten Jahre als Animations-Künstler. In seiner Karriere (Perfect Blue, Millennium Actress, Tokyo Godfathers, Paranoia Agent) verließ sich Kon unter anderem auf starke und unabhängige Frauenfiguren, wie zum Beispiel Tsukiko Sagi in Paranoia Agent (2004). Auch die menschliche Psyche, Illusionen und traumhafte Erzählungen gehörten in sein Repertoire. So sollte sein zuletzt begonnener Film Die Traummaschine heißen, welcher jedoch bis heute nicht verwirklicht wurde. Kon brachte mit seiner Arbeit lebenserfahrene Themen ins Genre, indem er erwachsene Figuren mit reifen Dialogen und reellen Problemen skizzierte. Die Rechte an Perfect Blue (1997), dem vielleicht bekanntesten Anime von Konwurden von Darren Aronofsky beansprucht, dessen Inhalt sich in abgewandelter Form in Requiem for a Dream (2000) wiederfinden lässt. Auch Black Swan (2010) wird oft mit Perfect Blue in Verbindung gebracht, wenngleich Aronofsky dem nicht zustimmt. Inception (2010) hingegen, kann sich von Paprika nicht ganz frei machen, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Perfect Blue (1997) & Requiem for a Dream (2000) from Cineritüel on Vimeo.

Perfect Blue (1997) & Black Swan (2010) from Cineritüel on Vimeo.

„Dreams are often most profound, when they seem the most crazy“

Sigmund Freud

Die handgezeichnete Romanadaption von Kon wirkt auf den ersten Blick wie eine Tüte, voll mit Gummibären, die in sich geschmolzen ist – einen zusätzlich verklärten Look bekommt das Anime durch 3D-Animationen. Was Paprika von anderen Filmen mit Traumgeschehen abhebt, ist der vollends gelungene Versuch diese Irrationalität in Bildern gefangenzunehmen. So verbleibt dieses Vorhaben nicht nur in der Erzählung, sondern ergibt sich mit der Visualisierung als stimmiges Ganzes. Nichts folgt einer vorbestimmten Gesetzmäßigkeit. Im Film sieht man unwirkliche Paraden, Realitäten, die an Wahnsinn zerschellen und Dimensionen, die den Figuren immer prächtigere Abenteuer bescheren. Das farbintensive Spiel zwischen diesen Realitäten wird durch unwirkliche Transformationen und Traumgebilde durchbrochen.

Schuld, Sehnsucht und Trauma – Traummotive

Der Inhalt von Paprika ist stark von der Psychoanalyse, genauer von der Traumanalyse inspiriert. Folgt man Sigmund Freud, sind Träume ein Ausdruck unbewusster Wünsche, die in Träumen oft auch ins Gegenteil verkehrt werden. Ein Beispiel wäre der Wunsch nach mehr Halt und Geborgenheit, welches sich im Traum durch fliegen oder fallen äußern kann. Ganz zu Beginn befindet sich Toshimi Konakawa in Chibas Behandlung. Er ist als Ermittler in einer Zirkus-Manege und Paprika stellt ihm Fragen zu Personen und Handlungen. Dabei spielt das Fallen auch eine Rolle und es wird deutlich, dass Toshimi nach Hinweisen sucht, auf die er sich stützen kann. Er findet zwar immer eine Gelegenheit zum Festhalten und damit auch zum Anknüpfen, kommt aber nicht hinter das große Ganze. 

„Es ist eine Wahrheit deren Ursprung eine Fiktion ist.“

Schuldgefühle, Sehnsüchte und Kontrolle spielen bei Paprika eine große Rolle. Auch die oftmals gezogene Verbindung des Traumas zum Traumgeschehen kann hier verfolgt werden und natürlich kann man auch den größeren Bezugsrahmen der Überwachung anlegen, was Träume zum Anfang jeder Revolution macht. Letztlich ist Paprika aber ein wunderbarer Film, dessen Verquertheit man sich einfach hingeben kann. Einem echten Traumerlebnis kommt man hier nämlich sehr nahe.

 

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15 Gedanken zu “Paprika (2006) von Satoshi Kon – Deine Träume gehören mir

  1. Starke Einleitung 😉 Ich bin ein riesengroßer Satoshi Kon Fan und war sehr traurig, als ich von seinem Tod gelesen habe. Und bin es immer noch. Heute schaue ich mir so nach und nach seine Manga an, von denen viele tragischerweise nicht beendet wurden so wie sein letzetr geplanter Anime. Seufz … warum müssen die guten so früh gehen?
    Sehr faszinierend finde ich auch die von dir schon angesprochenen Ähnlichkeiten zu Filmen wie Inception oder den Aronofsky-Filmen. Gerade bei Black Swan sehe ich da soviele, dass ich mir ernsthaft wünschen würde, dass die Regiesseure dazu stehen würden, damit dem Genie derer die sie inspiriert haben auch Aufmerksamkeit zuteil wird. In einem Artbook mit Kons Illustrationen, das mir geschenkt wurde, ist sogar ein brief von Aronofsky abgedruckt in dem er sein Beileid äußert und darüber spricht wie großartig es war Kon mal im echten Leben zu treffen. Seufz.

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    • Danke 😉 Ja, das verstehe ich auch nicht. Wenn ich etwas Ähnliches produziert hätte und darauf hinwies, dann würde ich doch zumindest sagen, dass man diesen Einfluss nicht ausschließen kann. Es ist noch unverständlicher, wenn man diesen Menschen offensichtlich mochte. Die Macht der Medien, Dinge zu verzerren, würde ich da aber auch nicht unterschätzen.

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  2. Ich liebe diesen Film ebenfalls. Es ist immer schön, Animes zu entdecken, die nicht von Studio Ghibli stammen und trotzdem großartig sind. „Paprika“ gehört da definitiv zu meinen Favoriten. Und die Parallelen zu „Inception“ sind tatsächlich mehr als offensichtlich – Nolan hat sich da auf jeden Fall inspirieren lassen.

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    • Umso verwunderlicher, dass Animes immer noch zu den Randerscheinungen gehören, also hier zumindest nicht kinotauglich sind. Die letzten Filme aus dem Hause Ghibli kamen nachmittags 15.00 Uhr im Kino. Weil. Is ja für Kinder…

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      • Zumindest bei uns nicht, das ist wohl wahr. Es gibt sehr viele tolle Regisseure und sehr viele tolle Filme, die alle nicht nur Ghibli-gesteuert sein müssen 😀 Obwohl man Miyazaki jetzt natürlich auch mal gesehen haben muss 😉

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