Öffne die Augen (1997) von Alejandro Amenábar – Sieh genau hin

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Heute eher durch seinen Nachfolger Vanilla Sky von Cameron Crowe bekannt, ist Öffne die Augen mehr als nur einen Blick dahinter wert. Ich hatte vergessen, wie sehr mir Abre Los Ojos (Orig. Titel) schon beim ersten Sehen gefallen hat. Und auch beim zweiten Mal lässt einen dieser Film nicht kalt und man kommt man nicht umhin, zu fragen: Bin ich? 

—Enthält Spoiler—

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© Filmwelt/Helkon

Erinnerungen

César (Eduardo Noriega) befindet sich in einer psychiatrischen Anstalt und trägt fortwährend eine Gesichtsprothese. Dort anwesend ist auch der Psychiater Antonio (Chete Lera). Unablässig löchert dieser César über seine Vergangenheit und das Tragen der Maske. Doch César scheint Schwierigkeiten zu haben, sich an alles zu erinnern und berichtet Antonio stattdessen von seinen Träumen. Antonio möchte von alldem jedoch nichts wissen. 

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Sofía und César lernen sich kennen © Filmwelt/Helkon

Als reicher Frauenheld führte César ein sorgloses Leben. Auf seiner Geburtstagsparty brachte sein bester Freund Pelayo (Fele Martínez) eine Frau, namens Sofía (Penélope Cruz) mit, in die César  sich sofort verliebte. Seine Ex-Geliebte Nuria (Najwa Nimri) allerdings, wollte ihn für sich haben und setzte alles daran, César von sich zu überzeugen. Der hat aber nur Augen für Sofía, was Nuria zu einer drastischen Aktion zwang. Das Bild der Beziehung zu beiden Frauen wird daraufhin zunehmend unklarer und César strauchelt nach und nach über seine eigenen Erinnerungen. Einzelne Fragmente verdichten sich im Verlauf  und legen als Endprodukt ein intelligentes Drama mit  stickiger Atmossphäre frei.

Der Trailer – leider nur in Spanisch – enthält eine Referenz zu Hitchcocks Vertigo (1958):

Alejandro Amenábar

Der chilenisch-spanische Regisseur Alejandro Amenábar erlangte internationale Anerkennung für sein Drama Das Meer in mir (2004)- die Verfilmung der Geschichte des vom Hals abwärts gelähmten  Ramón Sampedro (1943–1998) – welche ihm den Oscar für den besten fremdsprachigen Film einbrachte und den Deutschen ein kleines Oscar-Trauma in diesem Jahr bescherte. Bereits hier zeichnete sich Amenábar auch für das Drehbuch (gemeinsam mit seinem Freund Mateo Gil) und die Musik verantwortlich. Zuvor schaffte der in Madrid lebende Regisseur und Drehbuchautor seinen Durchbruch jedoch mit The Others (2001). Im Gegenzug dazu, The Others zu drehen zu können, verkaufte Amenábar die Rechte von Öffne die Augen an die Produktionsfirma von Tom Cruise, der daraus mit dem Regisseur Cameron Crowe das Remake Vanilla Sky (2001) schuf. 

Öffne die Augen enthält einige Referenzen. So ist die namentliche Verwandtschaft Césars mit Caligaris Cesare aus Das Kabinett des Dr. Caligari (1920) sicherlich nicht zufällig gewählt und an einer Stelle im Film taucht Sofía in grünes Licht getaucht auf, wie auch Judy (Kim Novak) in Alfred Hitchcocks Vertigo (1958).Ein Bild von The Sandman hängt außerdem an einer Wand, eine  Comic-Serie des Science-Fiction- und Fantasy-Autors Neil Gaiman  über eine Figur namens Dream.

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César trägt seine Gesichtsprothese © Filmwelt/Helkon

Bin ich?

„Dreams are often most profound, when they seem the most crazy“

Sigmund Freud

Sowohl Öffne die Augen als auch Vanilla Sky ist die Form des  unzuverlässigen Erzählens gemein, die über einen gewöhnlichen Twist am Ende hinausgeht. Der Zuschauer wird in der Geschichte hin- und hergeschüttelt, Wirklichkeit und Imagination fließen ineinander und der Betrachter selbst muss herausfinden, was real ist. „Sieh hin!“ will der Regisseur auch gleich am Anfang sagen, wenn der Zuschauer auf seinen dunklen Bildschirm guckt. Träume lügen nicht, oder? Da  César  seine eigene Geschichte erzählt, ist man vorerst geneigt, ihm zu glauben, zumindest solange, bis er anfängt sich selbst in Frage zu stellen. Am Ende steht die Frage: Was ist real? Bin ich?  Selbst, wenn man träumt glaubt man, man sei wach. Erst beim Aufwachen wird man sich dessen bewusst. Und selbst dann. Woher weiß man, dass man nicht in einem weiteren Traum ist und nur die nächste Tür geöffnet hat? 

Öffne die Augen

Öffne die Augen ist zwar in sich gestückelt, jedoch dramatisch konsequent, da er auf ein unausweichliches Ergebnis hin zusteuert. Als Zuschauer ist man sich ab einem gewissen Punkt bewusst, dass etwas nicht stimmt und das dieses Missverhältnis ausgeglichen werden muss. Dieser rätselhaften Beigabe kann man sich schwer entziehen. Man leidet mit Césars Zweifeln, seiner Unwissenheit und der unerfüllten Liebe und dieser Zweifel wird von Amenábar unbemerkt und zweifellos geschickt im Zuschauer platziert, der selbst zu César wird und Fragen zur Identität und Wirklichkeit beantwortet. Das ist insofern ganz gern gesehen, als das man sich als Zuschauer bis zu einem gewissen Grad darauf verlässt, etwas erzählt zu bekommen, egal wie schlüssig oder beantwortet es am Ende ist. Hier kann man gar nicht anders, als aktiv mit César mitzuarbeiten. Das Erzähltempo ist dabei angenehm und unterstützt die Emotionalität der Figuren. Abzüge gibt es lediglich für die mögliche Erklärung am Ende, die zwar auch neue Bezüge zulässt, aber in der Gesamtbetrachtung recht uninspiriert daherkommt. Der Großteil von Öffne die Augen ist jedoch spannend und dicht inszeniert. 

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4 Gedanken zu “Öffne die Augen (1997) von Alejandro Amenábar – Sieh genau hin

  1. Sie gefällt dir denn „Vanilla Sky“ im Vergleich? Ich habe ihn als erstes gesehen und er hätte stärker gewirkt. Das Original ist dennoch dichter erzählt und wohl auch beeindruckender. Müsste beide einmal wieder sehen.

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