Mark My Mood – Schäumende Träume: Die entstellte Wirklichkeit

Die von mir vorgeschlagenen vier Filme mit dem Thema Traum und Wirklichkeit (Mysterious SkinEraserheadPaprika und Öffne die Augen) sind abgehandelt. Zeit für eine Rekapitulation. Enthält milde Spoiler.

Traumvorstellung

Träume sind ein fester Bestandteil des Kinos. Namen wie: „Dream Theatre“ oder Hollywoods „Dream Factory“ lassen anklingen, wie Film in einer frühen Epoche aufgefasst wurde, evtl. noch bis heute wird. Dies verwundert auch nicht weiter, ist der Film als sogenanntes Bastard-Medium und Mittler doch wie kein anderer Informationsträger dafür geeignet, wahrnehmungsgebundene Strukturen aufzubrechen und neu anzuordnen. Durch die Nutzung der räumlich-zeitlichen Unterbrechung  gab es erstmals die Möglichkeit Geschichten diskontinuitiv darzustellen, also Raum und Zeit zu manipulieren und Darstellungen zu verfremden. Dies ermöglichte neue Wege der Wahrnehmung und Verarbeitung von Handlungen. Der Zuschauer ließ sich in den Kinosessel sinken und gab die Kontrolle nach der Abdunklung auf. Seine Physis und sein Denken verschmelzen mit den Bildern auf der Leinwand.

Buster Keaton passiert das auch schon mal außerhalb des Kinosaals…

Frühe Träume

Doch woher kommt diese häufig genannte Assoziation und vor allem Faszination? Dazu muss man weit zurückgehen und sich vorstellen, dass Menschen schon früh von „Schaulust“ geprägt waren. Erinnert man sich an den Beginn des Kinos, waren es vor allem alltägliche und lebensnahe Situationen, die gefilmt wurden. Dennoch strömten die Massen zu den Vorführungen. Warum? Nun, zum einen, weil es neu war – jeder sprach darüber- zum anderen wurde nicht etwa das Kino, sondern die Attraktion Film, also die Apparatur und Technik dahinter bestaunt. Man kann sich vorstellen, dass dies nicht lange anhielt und der Betrachter nach neuen Sensationen verlangte. George Méliès war einer der ersten Filmemacher, der Verfremdung bewusst einsetzte. Er baute auf den Einsatz von Kunststücken und Tricktechnik, welches die Anfänge des phantastischen Films darstellen.

Abseits davon stellte man schnell fest, dass bestimmte Zustände keine Abbildung der Realität zulassen, sondern anderer filmischer Mittel bedürfen. Ein wunderbares Beispiel gibt Edwin Stanton Porter mit Dream of Rarebit Fiend (1906). Porter nutzte filmische Mittel (Doppelbelichtung, Wackelkamera), um die Wahrnehmung eines betrunkenen Mannes darzustellen sowie seinen sich am Rausch anschließenden Traum. Das wirft den Zuschauer von heute nicht mehr aus dem Kinosessel, war zu dieser Zeit aber spektakulär. Er machte damit das Erlebnis der Hauptfigur für den Zuschauer erfahrbar. 

Das Auge lügt

Die visuelle Verarbeitung ist dabei stark fehleranfällig, da der Betrachter erst einmal glaubt, was er sieht. Zudem ist sie selektiv. Der Betrachter wählt aus, worauf er seine Aufmerksamkeit ruhen lässt. Paul Watzlawick nennt das Interpunktion – es wird wahrgenommen, was für die Person selbst von Bedeutung ist. Interpunktion wird zudem auch bewusst im Film eingesetzt. Doch selbst wenn ein Objekt der Begierde ausgemacht wurde, reicht es nicht, diese in den Fokus zu setzen, um sich (wortwörtlich) ein Bild zu machen. Die visuelle Wahrnehmung der Umgebung beruht auf Bewegung. Bewegen sich die Augen nicht, erhält man nur ein bestimmtes Abbild der Realität. Die Leinwand verhaftet den Betrachter im Bild. Was um die Blickachse herum passiert wird nicht wahrgenommen, ist aber für den größeren Zusammenhang vielleicht wichtig. Eine objektive Überprüfung der Wirklichkeit ist demnach nicht möglich. Diese Fehleranfälligkeit machen sich Filme wie Öffne die Augen zunutze, wo sich der größere Zusammenhang für César und dem Zuschauer erst im richtigen Blickwinkel offenbart. Die Täuschung oder Lüge wird im Kino eingefordert.

„Da bin ich wie Sie, ich glaube nur, was ich sehe“

César aus Abre Los Ojos

Der „dream screen“

Der größte Unterschied von Traum zu Film ist fast schon banal. Beim ersteren sind die Augen geschlossen, beim zweiten geöffnet. Klingt unbedeutend, ist es aber nicht, wenn man Abstufungen im bewussten Sehen macht oder es zum Gegensatz erklärt. Denn im Kino findet der Betrachter auch seine Träume auf der Leinwand wieder. Eberwein (1984) bezeichnet dies als dream screen. Der dream screen ist eine Art innere Leinwand. So kann der Zuschauer gleichzeitig träumen, also Teil eines Traumes sein und diesen zur selben Zeit beobachten. Die Imagination des Zuschauers wird mit eingebracht. Das macht das Kino noch so erfahrbar, dass man sich nicht völlig verliert, gleichzeitig aber so magisch. Eberwein unterscheidet 6 verschiedene Traumzustände (eig. Übers.) im Film:

  1. Die Annäherung von Körper und Psyche (Ein physiologischer Stimulus, wie der Konsum von Rauschmitteln oder eine physische Verletzung, leitet das Traumgeschehen ein)
  2. Träume von traumatischen Ereignissen (Träume als Ausdruck von traumatischen Erfahrungen)
  3. Angstträume (Alpträume)
  4. Wunschträume (Begehren von Objekten und Subjekten)
  5. Traumzustände (Rahmenhandlung fehlt)
  6. Vorausgreifende Träume (in die Zukunft schauende Träume)

1. Die Annäherung von Körper und Psyche: 

Wie bei Dream of Rarebit Fiend zu beobachten ist, kann der Konsum von Rauschmitteln zu traumartigen Sequenzen führen. Der Zuschauer soll miterleben, wie verloren und desorientiert sich die Figur fühlt. Ein weiteres Beispiel liefern die alptraumartigen Szenen aus Trainspotting (1996) oder Dumbo (1941). Die Wirklichkeit wird verzerrt, entstellt und teils ins Gegenteil verkehrt. Auch durch Verletzungen können Träume ausgelöst werden. Dorothy in Der Zauberer von Oz (1939) hat einen solchen Traum. Hier wird das Traumgeschehen mit starken Farben und Überlagerungen dargestellt.

2. Träume von traumatischen Ereignissen: 

Trauma und Traum haben bereits eine namentliche Verwandtschaft vorzuweisen, wenn auch eine unterschiedliche Wortherkunft und Bedeutung. Dennoch stehen beide in einem engen Zusammenhang. Psychische Traumata werden oft von Alpträumen begleitet und es gibt eine dysfunktionale Verbindung von realem Geschehen und der Verarbeitung im Gedächtnis. Im Film wird dies dadurch dargestellt, dass Gedächtnisinhalte meist völlig ausgelöscht sind und die traumatische Erfahrung verdrängt wurde, wie in Mysterious Skin (2004) und Paprika (2006). Diese Lücke wird mit Fantasiebildern und Symbolen geschlossen, deren Interpretation oft Teil des Films ist. Zum Beispiel in der Traumsequenz von Alfred Hitchcocks Spellbound (1945). Die reelle Erfahrung kommt Stück für Stück ans Licht, nachdem alles Fragmentarische analysiert wurde. In Eraserhead (1977) bekommt die traumatische Erfahrung eine traumartige Verkörperung als Gegenpol, die Gefühle der Hauptfigur Henry offenbart; In Waltz With Bashir (2008) verarbeitet ein Soldat sein Kriegstrauma durch einen wiederkehrenden Traum. Haben die Figuren ihr Trauma erkannt, finden sie meist in irgendeiner Form Erleichterung. 

3. Angstträume

Angst- oder auch Alpträume sind von quälenden Erlebnissen und damit zusammenhängenden Emotionen, wie Angst und Panik, begleitet. Furcht und Unsicherheit finden hier oft ihre Ausdrucksform. In Wilde Erdbeeren (1957) leitet die Hauptfigur Isak Borg eine Traumsequenz ein. Durch die Überleitung von Borg mittels voice-over, bekommt die Figur hier eine aktive Rolle, da er ganz bewusst auf die Szene eingeht. Diese vermittelte Bewusstheit im Traumgeschehen, lässt die angstbesetzten Szenen umso subjektiver erscheinen. Borg ist in seinem Traum gezwungen, auf sich selbst zu blicken, was ihm Angst bereitet, genau wie in Paprika (2006), wo es auch Doppelgänger von Toshimi Konakawa in einer Traumsequenz gibt.

4. Wunschträume

Wunschträume können auch Tagträume sein. Objekt und Subjekt dieser Träume sind Fantasien oder Ideale. Am ehesten ist dies an leidenschaftlichen oder erotischen Träumen, wie beispielsweise in American Beauty (1999), festzumachen. Dort träumt Lester von der in Rosen gebetteten Angela, weil er sie begehrt. Seine Rolle als Ehemann und Vater wird ignoriert und die reale Beziehung zu Angela wird ins Gegenteil verkehrt. Eine verklärte Bildsprache begleitet diese Szenen. Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013) zeigt, wie Tagträume Wünsche widerspiegeln und zu einer Reaktion im Alltag führen können.

5. Traumzustände

Traumzustände bezeichnen Filme, die keinen Twist am Ende aufweisen oder sich in Traumsequenzen offenbaren. Vielmehr ist die gesamte Handlung im traumähnlichen Zustand. Es bleibt unklar, ob die Figuren wach sind oder träumen, es wird vielmehr auf surrealistische Aneinanderreihungen von Einzelszenen gesetzt. Die Rahmenhandlung als Bezug entfällt.  Maya Derens Meshes of the Afternoon (1943) oder Ein andalusischer Hund (1929) von Luis Buñuel fallen einem hier sofort ein.

6. Vorgreifende Träume

Hier handelt es sich um Träume, die ein zukünftiges Geschehen vorwegnehmen. Dies ist nicht so abwegig, wie es sich anhört. So können vor allem Angstträume auf zukünftige Ereignisse hinweisen, die dem Träumenden am Tag Stress verursachen. Die reale Lebenswelt erhält im Traum eine Erweiterung, die ein Ereignis vorwegnimmt. 

Weckruf

Der Traum versteht sich als Mittler zwischen dem Unbewussten und Bewussten. Das Aufbrechen aller Strukturen, der Normen und des Denkens macht ihn zum Ideal eines Abbildes von inneren Zuständen. Das Kino hat die Mittel, dieses in Form zu bringen; das macht es zum Ideal der Darstellung und Gestaltung. Film wird Kunst – wird Traum – wird Wirklichkeit. Im Zuge des aktuell uninspirierten Remake-Wahn sollte man das nicht vergessen und wieder mehr Täuschung und Lüge einfordern, statt sich in kopierten Wahrheiten zu ergehen. 

Quellen:

Eberwein, Robert (1984). Film and Dream Screen: A Sleep and a Forgetting. Princeton: University Press.

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