Waking Life (2001) von Richard Linklater – Ein Weckruf

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Es tut gut, ab und zu innezuhalten und darüber nachzudenken, wie man seinen Wachzustand verbringt. Waking Life ist hier als Titel wegweisend.

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© Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Philosophie und Star-Seeking

Waking Life handelt von einem jungen Mann (Wiley Wiggins), der durch seinen eigenen Traum streift. Dabei begegnet er allerhand großen Persönlichkeiten, wie Regisseur Richard Linklater selbst oder Steven Soderbergh. Aber auch Schauspieler und bekannte Wissenschaftler kommen vor. Julie Delpy, Ethan Hawk, genauso wie Adam Goldberg, Alex Jones, Robert C. Solomon, Eamonn Healy, Otto Hoffmann und viele, viele andere philosophieren sich hier ihren Weg durch die Erzählung. Die einzelnen Sequenzen reihen sich dabei wie die Zitat-Abfolgen eines Philosophie-Forums aneinander; so wird über den freien Willen, Existenzialismus, Wahrnehmung und natürlich auch über den Traum als Zustand gesprochen. Mehr und mehr fällt dem Hauptprotagonisten dabei auf, dass er aus seinem Traum nicht mehr herauskommt.

Verfremdung in Bild und Ton

Die mittels Digitalkamera gedrehten Szenen wurden nach der Aufnahme durch das Rotoskopie-Verfahren bearbeitet, was dem Film einen traumähnlichen Look verleiht, in der die Wahrnehmung genauso wie die Wahrheit verschwimmt. Bob Sabiston stellte dabei seine Software Rotoshop zur Verfügung, mittels derer man Filmaufnahmen als Vorlage für eigens gestaltete Bilder verwenden kann, die noch den ursprünglichen Ausdruck des Schauspielers oder der Umgebung behalten sollen. Auch ein Blick in Sabistons preisgekrönte Kurzfilme lohnt sich, wie zum Beispiel hier, in Snack and Drink.

Verschiedene Künstler gaben so jeder einzelnen Episode in Waking Life einen individuellen Ausdruck. Man sieht dann auch schon mal Augäpfel wie Popcorn aufgehen, Haare, die die Umgebung elektrisieren und sich auflösende und neu formende Gedankengänge, die ratternd mit ihrer Umwelt spielen. Wie der Versuch einem Hörspiel kurz vor dem Einschlafen zu folgen, lullen diese Bildabfolgen den Betrachter ein, fordern aber dennoch seine volle Aufmerksamkeit. Die Bilder, in Kombination mit der leicht abgeschrägten Musik, wirken als eingeschworene Einheit und begegnen dem nicht leicht zu konsumierenden Inhalt auf Augenhöhe. Richard Linklater (Before-Reihe, Boyhood, Everybody Wants Some), der sowohl das Drehbuch verfasste, als auch Regie führte, beschreibt seinen Film als ein, sich bewegendes Gemälde, welches die Realität abbildet, als eine Art neue Realität.

„I see this as a realistic film about an unreality. The gestures, the sound, the human expressions all seem real, but this reality is then re-interpreted artistically. It becomes a kind of moving painting“

Richard Linklater 

Life is yours to create

Das Thema Traum zieht sich nicht nur in dessen Wiedergabe durch den Film, sondern auch als Betrachtungsgegenstand selbst. Bereits in der Einleitung sieht man ein kleines Mädchen mit einem Fortune Teller (Dtsch. „Himmel und Hölle“), einem aus Papier gefalteten Spiel, mit dem man anhand eines Reimes eine bestimmte Antwort abzählt. Ihre entfaltete Antwort lautet: Traum ist Schicksal  („Dream is destiny“). In einer weiteren Episode spielt ein Mann Ukulele und berichtet davon, dass der schlimmste Fehler, den man im Leben machen könne, der Fehler sei, sich am Leben zu fühlen, während man eigentlich schläft. Der Trick sei es, den Wach- und Traumzustand zu vereinen, sodass man die unbegrenzten Möglichkeiten eines Traumes, aber auch die rationalen Fähigkeiten des Wachzustandes im Leben kombinieren kann. Dann sei alles möglich. Wenn aber beide, Traum- und Wachzustand, ins Negative abgleiten, dann sollte man darüber nachdenken, etwas zu verändern.

„The quest is to be liberated from the negative, which is really our own will to nothingness. And once having said yes to the instant, the affirmation is contagious. It bursts into a chain of affirmations that knows no limit. To say yes to one instant is to say yes to all of existence.“

Auch das luzide Träumen, also sich im Traum bewusst zu sein, dass man träumt, ist ein Thema. Genauer geht es in Waking Life aber darum, sich ab und zu zu fragen, wo man sich gerade befindet, und aus dieser Information das Beste zu machen. So erzählt eine weitere Figur, dass sich Menschen eingeschränkt von der Welt fühlen und dabei gar nicht merken, dass sie die Welt mitgestalten. Wenn man merkt, dass man in einem Traum ist, sollte man sich nicht fragen, warum man träumt, sondern diesen Traum einfach genießen.

„You got to be able to ask yourself, „Hey man, is this a dream?“See, most people never ask themselves that when they’re awake, or especially when they’re asleep. Seems like everyone’s sleep-walking through their waking state, or wake-walking through their dreams. Either way, they’re not going to get much out of it.“

Kritische Töne

Um einen Zugang zu Linklaters Werk zu finden, müsste man sich in einem Becken voller Philosophen, Filmtheoretiker, Psychologen und Religionswissenschaftler tummeln. Ein abgekühltes Badevergnügen. Sicherlich wäre an manchen Stellen weniger mehr gewesen, sodass der Zuschauer mehr Zeit hat, das Gehörte zu verinnerlichen und darüber nachzudenken. Stattdessen befindet man sich mitten in einer irren Jagd der Selbstfindung, die manchmal nach bulemischer Zwangsverarbeitung schmeckt. Anders ist es sicherlich, wenn man sich bereits mit den Grundlagen der angesprochenen Richtungen auskennt oder mit dieser Informationsflut keine Schwierigkeiten hat. Für Interessierte: Ein Transkript zum Film ist hier zu finden. Ansonsten: Wer sich nicht zu schade ist, sich mit einer Fernbedienung zu bewaffnen und zwischendurch eine kreative Pause einzulegen, dem sei dieser Film durchaus ans Herz gelegt. Waking Life ist in allen Instanzen ein lebensbejahendes Portrait von unseren Träumen, seien wir nun schlafend oder wachend.

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9 Gedanken zu “Waking Life (2001) von Richard Linklater – Ein Weckruf

  1. Mir hat ja schon Linklaters visueller Zugang zu „A Scanner Darkly“ sehr gefallen (ist ja das gleiche wie hier, oder?), von demher gucke ich mir den hier vielleicht auch mal an. Wobei ich andererseits nicht so der Fan von offensichtlichen Diskursfilmen bin. Schöne Rezension jedenfalls!

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