Swiss Army Man OV (2016) von Daniel Scheinert & Daniel Kwan – Ein Furz für den Hausgebrauch

Schon mal ein Gurkenglas mit einer Leiche zu öffnen versucht? Nein? Ich auch nicht (keine Bange). Aber nun weiß ich, dass es nicht unmöglich ist und der Tod längst nicht alles konserviert. 

—spoilerfrei—

swiss-army-man
© Blackbird Films / Filmplakat

Gestrandet

Hank (Paul Dano), der auf einer einsamen Insel strandete und kurz davor ist, sich das Leben zu nehmen, sieht eine Leiche am Strand liegen, die vom Wasser angeschwemmt wurde. Er nennt ihn fortan Manny (Daniel Radcliffe) und freundet sich mit ihm an. Als dieser ihm auch zur Flucht verhilft, steht für Hank fest, dass Manny etwas ganz Besonderes sein muss. Der erweist sich auch im weiteren Verlauf der Reise als nützlich und kann als multifunktionales Tool jede Art von Hinderlichkeit auffangen. So machen sich beide – nun in einem Wald gelandet, statt gestrandet – auf eine beschwerliche und aufreibende Suche. Während der plötzlich zu sprechen anfangende Manny ihnen als virtuose Kompassnadel den Weg weist, versucht Hank, dessen Erinnerungen wiederaufzufrischen. Gemeinsam versuchen sie einen Weg nach Hause zu finden. Außerdem wird der korrekte Umgang mit Flatulenzen und Erektionen in der Öffentlichkeit hinreißend thematisiert.

Zum davonlaufen schräg

Swiss Army Man feierte am 22. Januar 2016 seine Premiere auf dem Sundance Festival. Bekannt wurde er beim Festival vor allem dadurch, dass ein paar Zuschauer fluchtartig das Kino verlassen haben. Verantwortlich für dieses fluchterzeugende Produkt sind die beiden Musikvideoregisseure Daniel Kwan and Daniel Scheinert (MTV Music Award 2015), die auch außerhalb ihres Films zu unterhalten wissen:

Beide haben auch das originelle Drehbuch verwirklicht und sind mit Paul Dano (12 Years a Slave, Prisoners, Love & Mercy, Ewige Jugend) und Daniel Radcliffe (Horns, Dating Queen, aktuell: Die Unfassbaren 2) bis in die verrotteten Spitzen aufs Beste besetzt. Paul Dano, der eher für komplexe Rollen steht, kann hier aus seinem gesamten Repertoire schöpfen und als knalliger Alleinunterhalter in babyblauen Plastik-Crocs begeistern. Radcliffe, der durch die ihm zuteil gewordenen Rolle leicht blässlich daherkommt, überzeugt jedoch durch Nicht-Mimik und eine knackig-gelenkige Körpersprache. Dazu gesellt sich Mary Elizabeth Winstead (Kill the Messenger, The Hollars, 10 Cloverfield Lane), die man überwiegend auf einem Handy-Foto besichtigen darf. Macht aber nichts, ihre Figur bekommt in anderer Form ausgiebig Platz. Was bei beiden Regisseuren erwähnt sein will, ist natürlich die Musik. Hank begleitet ein stetiges Summen, ein innerer Rhythmus, der in seinem Kopf anschwillt und abenteuerlich nach vorn pirscht. In den gemeinsamen Szenen mit Manny wird dadurch besonders die Vertrautheit und intime Routine der beiden hervorgehoben, die zwischendurch in schnellen Schnitten gemeinsame Gewohnheit durchscheinen lässt. So singen sich beide durch ihre bewilderte Umgebung und wecken eine kindliche Abenteuerlust auf das Leben.

Tot, tot, ist jeder einmal…

Kann man darüber lachen? Dieser Film spielt nicht nur mit unserem Sinn für Humor, sondern bringt uns etwas noch nicht Dagewesenes auf die Leinwand. Mir springt sofort der Song Remains of the Day aus Tim Burtons Corpse Bride auf die Lippen, wenn ich an Swiss Army Man denke. Dieser hatte auch vielmehr den Impuls, das Leben, und nicht den Tod, zu umarmen: 

„Die, die we all pass away
We don’t wear a frown ‚cause it’s really okay
You might try ’n‘ hide
And you might try ’n‘ pray
But we all end up the remains of the day“

Die Umsetzung steht dem Ideenreichtum in Swiss Army Man in nichts nach. Ja, es scheint sie noch zu geben: Die Wagemutigen. Die, die sich nicht nur trauen, etwas derartiges auf die Leinwand zu bringen, sondern das auch noch mit viel Herz und Cleverness umzusetzen wissen. Swiss Army Man macht unsäglichen Spaß und das darf man ganz wörtlich nehmen. Was anfänglich abstoßend und sonderbar anmutet, ist, wenn man sich etwas reingefunden hat, ein ganz wunderbares Portrait des Lebens und dessen Zwangsjacke.  Das darfst du nicht! Natürliche Körperfunktionen werden aversiert, menschliche Regungen kontrolliert und Nähe findet man in der Distanz zum Subjekt. So ist es nicht verwunderlich, dass der selbstunsichere Hank eine Leiche als Freund erwählt. Absolute Distanz und Sicherheit gibt es eben nur im Tod. Immer mehr verkommen wir zu einem tickenden Furzkissen, welches tapfer darauf wartet, dass sich der breite Arsch der Erlösung endlich draufsetzt oder wenigstens das Ventil kurz aufdreht. Was dann kommt, ist keine Freiheit, aber vielleicht ein wenig Erleichterung. Denn, je verletzlicher wir in diesem Zustand sind, umso funktionaler wird der Tod – hier eben ganz wörtlich zu nehmen. 

Advertisements

6 Gedanken zu “Swiss Army Man OV (2016) von Daniel Scheinert & Daniel Kwan – Ein Furz für den Hausgebrauch

  1. Ja, das ist ein schöner und skurriler Film, der wirklich mal was anderes ist. Ich habe ihn auf dem Fantasy Filmfest gesehen und sehr viel Spaß damit… und auch viele nachdenkliche Momente, die ich so gar nicht erwartet hatte. Und der Soundtrack ist wirklich toll

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.