Inception (2010) von Christopher Nolan – Ein Totem für ein Leben

Dieser Film wird im Rahmen der Themenwochen: Mark My Mood: Schäumende Träume besprochen.

Einmal die Penrose Stairs entlang, um doch wieder am Anfang zu stehen. Der verschachtelte Irrgarten hinterlässt unweigerlich seine Spur, nur um dann genüsslich in seinem Genre Platz zu nehmen.

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© Warner Bros. Pictures Germany

Die „Inception“

Dominick „Dom“ Cobb (Leonardo DiCaprio) und seine Frau Mal (Marion Cotillard) haben das Traum-Sharing perfektioniert. Damit kann man nicht nur an anderen Träumen teilhaben, sondern sie auch beeinflussen. Es wird vorausgesetzt, dass das Unbewusste mehrere Ebenen hat. Träume in Träumen. Die Zeit, die dabei verstreicht, wird mit jeder tieferliegenden Ebene länger, ausgehend davon, dass Zeit im Traum als länger wahrgenommen wird. Gefühle werden in Traumbilder umgewandelt; so wird aus einem Fall, in einer tiefergelegenden Traumebene, Schwerelosigkeit. Das Wort Inception bezeichnet hier den Vorgang, einem Unterbewusstsein eine Idee als seine eigene zu verkaufen. Eine  Interpretation, die scheinbar auch auf andere Dinge des Lebens anwendbar ist.

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© by Rick Slusher: Slushers Infographik ist so aufbereitet, dass sie mehrere Theorien über Inception abbildet. 

Der Film beginnt damit, dass, der aus den USA geflohene Cobb, bei dem Versuch scheitert, Informationen aus dem Japaner Saito zu extrahieren. Dieser ist dennoch beeindruckt von dem Vorgang und engagiert Cobb. Zielperson ist der Erbe eines riesigen Unternehmens, welches in Konkurrenz zu Saito Unternehmen steht – Robert Fischer Jr. (Cillian Murphy). Fischer soll eine Idee implementiert bekommen, die sein Unternehmen angreifbar macht. Dafür sucht Cobb nach einem tragfähigem Team, welches ihm zum Erfolg verhelfen soll, denn Saito hat ihm dafür eine lang ersehnte Belohnung versprochen. Zu dem talentierten Traumweber gesellen sich: Arthur (Joseph Gordon-Levit), Eames (Tom Hardy), Yusuf (Dileep Rao) und Ariadne (Ellen Page). Architektin Ariadne wird dazu im Vorfeld von Cobb trainiert, die Traumwelt zu designen. In ihren Ausflügen in Cobbs Träume bringt sie einiges über ihn in Erfahrung, was sie mehr und mehr an ihrer Sicherheit zweifeln lässt. 

Der rote Teppich

Der ebenfalls von Träumen faszinierte Regisseur Christopher Nolan arbeitete ca. 10 Jahre an dem Drehbuch zu Inception. Ursprünglich als Horrorfilm geplant, ward so im Laufe der Zeit ein Science-Fiction-Thriller geboren, der mehr seine Figuren mit ihren Konflikten in den Vordergrund stellt. Sein Cast kann sich sehen lassen:

  • Leonardio DiCaprio (Der große Gatsby, The Wolf of Wall Street, The Revenant)
  • Joseph Gordon-Levitt (Sin City 2, The Intervie, The Walk)
  • Tom Hardy (Mad Max: Fury Road, Legend, The Revenant)
  • Dileep Rao (Avatar, Touch, Z Nation)
  • Ellen Page (X-Men: Zukunft ist Vergangenheit, Into the Forest, Freeheld)
  • Ken Watanabe (The Unforgiven, Godzilla, Transformers: Ära des Untergangs)
  • Marion Cotillard (Blood Ties, Zwei Tage, eine Nacht, Macbeth)
  • Cillian Murphy (Peaky Blinders, Transcendence, Im Herzen der See)

Marion Cotillard und Cillian Murphy verkörpern neben DiCaprios Cobb die tragischen Figuren und bewegen sich schauspielerisch auf allerhöchstem Niveau, welches auch an der Diversität ihrer Charakterzeichnung liegen dürfte. Beide haben eine nachvollziehbare Tiefe in ihren Figuren, die sie spürbar nach außen bringen. Der Hauptfigur Cobb hingegen, verhalf man nicht zu einem Zwiespalt, der über richtig und falsch hinausgeht. Auch der restliche Cast, läuft weitestgehend der Story hinterher, in der sich vor allem die Hollywoodgrößen nebeneinander negieren. In einer Nebenrolle ist zum Beispiel Michael Caine (The Last Witch Hunter, Ewige Jugend, aktuell: Die Unfassbaren 2) als Schwiegervater von Cobb zu sehen. Warum diese Figur nun mit der Größe Caine besetzt werden musste, ist fraglich und wirkt ein wenig wie eine große Marke auf einem durchschnittlichen Produkt. Der Name Cobb taucht übrigens bereits in Follwing (1998) von C. Nolan auf und ist auch dort ein Dieb. Kameramann Wally Pfister sorgt dafür wieder für fantastische und einnehmende Bilder und konnte sich als Lohn über einen Oscar freuen. 

Verfremdete Töne

Édith Piaf’s Non, Je Ne Regrette Rien diente Hans Zimmer, der sich für die Musik verantwortlich zeichnet, als Grundlage für den prägnanten Score von Inception, wie eindrucksvoll im folgenden kurzen Video zu hören ist. „Nein, ich bereue nichts“, so die deutsche Übersetzung, kann hier ebenso für eine inhaltliche Interpretation sprechen. So heißt es an einer weiteren Stelle im Song auch: „Ich kehre zu null zurück“ bzw. „Ich fange wieder bei null an“. Auch die Credits am Schluss spielen Non, Je Ne Regrette Rien erst in normaler Geschwindigkeit und am Ende in langsamer Geschwindigkeit ab, welches in den bekannten Tönen von Inception mündet und damit das Ende eines Traumes signalisiert.

 

by Cameron Whitehouse

Referenzen

Inception enthält einige Anleihen von anderen Filmen, genau wie Nolans (Alp)traum neue Abnehmer in neueren Projekten finden dürfte. Eine visuelle Parallele entspringt vor allem Satoshi Kons Paprika. Aber auch von Filmen, wie: 2001: Odyssee im Weltraum, Spellbound und James Bond ist Inception inspiriert. 

Das Traumgeschehen in Inception

Die Idee, die in Inception weiter verfolgt wird, ist die des luziden Träumens oder anders: die des Klarträumens. Dabei ist man sich während des Träumens seiner selbst bewusst und kann mehr oder weniger in seinem Unterbewusstsein spazieren gehen. Diese scheinbare Kontrolle über das Traumgeschehen entbehrt mittlerweile auch nicht mehr der Wissenschaftlichkeit und wird seitdem intensivst beforscht. Auch was die Zeitwahrnehmung anbelangt, bewegt sich Inception innerhalb des Nachvollziehbaren. So vergeht Zeit im Traum subjektiv langsamer. Inception erweitert dies lediglich um verschiedene Ebenen. 

„The sailor does not control the sea, nor does the lucid dreamer control the dream. Like a sailor, lucid dreamers manipulate or direct themselves in the larger expanse of dreaming“

Robert Waggoner

Die Technik des luziden Träumens ist, mit ein wenig Übung, leicht zu erlernen und auch nicht gefährlich, wie man vielleicht denken mag. Es ist für den Anfang ausreichend, sich mehrfach am Tag zu fragen, ob man gerade träumt oder wach ist, sein Bewusstsein also für diese Frage und dessen Unterscheidung zu schärfen. Der Traumzustand ist darauf ausgelegt, sich aufdrängende Fragen zu wiederholen. So sollte einem dann im Traum auffallen, dass die Naturgesetze des Wachzustands nicht mehr gelten. Hat man dies einmal erlernt (es gibt unzählige weitere Techniken), kann man vieles mit dem luziden Träumen erreichen. Alpträumen kann man bewusst begegnen und Ängste darin bewältigen, Bewegungsabläufe können vertieft werden. Oder man nutzt es einfach als pures Vergnügen und Stressabbau. Die Idee des Dreamsharing ist dabei fiktiv, allerdings ist die Wissenschaft fast so weit, Erinnerungen zu transferieren. Die Möglichkeit der Inception ist demnach nicht so weit entfernt, wie man vielleicht denkt.

Heist-Movie mit Zündschwierigkeiten

Bei Inception handelt es sich ohne Frage um einen intelligenten und durchdachten Heist-Thriller, der zum Nachdenken anregt und in hohem Maße sehenswert ist. Nichtsdestotrotz kommt der Film über einen verschachtelten Actionfilm nicht hinaus. Da kurbelt man wie verrückt an der Traumdynamik, nur um dann kurz vor Höhepunkt wieder alles absaufen zu lassen. Denkt man an Insomnia (2002), der sich mit der Schlaflosigkeit Will Dormers (Al Pacino) auseinandersetzt und durch eine vernebelte und dichte Atmosphäre den Zustand seines Protagonisten darstellen zu vermag, ergibt sich Inception untertänigst seinen wuchtigen und schönen Bildern. Traumszenarien klingen an, können aber nicht heraufbeschworen werden. Die Hauptfiguren handeln souverän und sind über diese Zustände erhaben. So bewegt man sich im Film fortwährend in einem vorbewussten Zustand, nimmt aber jede Ebene für sich als strukturiert und weitestgehend geordnet wahr. 

Das, wofür sich Regisseur Christopher Nolan sonst auszeichnet – die Fähigkeit, die Stimmung seiner Filme und Figuren auf den Zuschauer zu übertragen – kommt hier verkopft und durchgeplant daher. Symbolik wie der gedankliche Ariadnefaden und die Dynamik der Penrose Stairs, verstärken diesen Eindruck noch und lassen auch das Ende wenig überraschend erscheinen. So wurde offenbar mehr Wert auf Technik und Visualisierung gelegt, als auf die Darstellung innerer Bewegungen. Das sind für einen Blockbuster, der ja vor allem unterhalten will, sicherlich hinreichende Bedingungen; es lässt aber die Möglichkeit, etwas Größeres zu sein, gänzlich aus. So kann man als Zuschauer das eigene Totem getrost beiseite legen.

„What is the most resilient parasite? Bacteria? A virus? An intestinal worm? An idea. Resilient… highly contagious. Once an idea has taken hold of the brain it’s almost impossible to eradicate. An idea that is fully formed – fully understood – that sticks; right in there somewhere.“

—Spoiler—

Was diesen Film hingegen ausmacht, ist sein Drehbuch, beziehungsweise die Idee dahinter. Ohne in diverse Interpretations-Szenarien zu verfallen, kann wohl einstimmig gesagt werden, dass derer viele sind. Ausgehend von Édith Piaf’s Nein, ich bereue nichts und obigen Zitat, müssen Wahrheit und Beweggründe aber auch gar nicht im Vordergrund stehen. So wendet sich Cobb am Schluss von seinem Totem ab und nimmt den Ist-Zustand als gegeben hin. Die Idee oder die Vorstellung, mit seiner Familie vereint zu sein, hat ihn eingenommen und die Verwirklichung dieser ist wichtiger geworden, als der Zustand, in der sie stattfindet. Anders: Manchmal sollte man das Gegebene so annehmen wie es ist, statt fortwährend dessen Mechanismen zu hinterfragen. Erfreuen wir uns an unseren Träumen, anstatt sie auf ihren Gehalt hin zu überprüfen.

—Spoiler Ende—

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8 Gedanken zu “Inception (2010) von Christopher Nolan – Ein Totem für ein Leben

  1. Schöner, ausführlicher Artikel. Hat Spaß gemacht den zu lesen. 🙂
    Inception hat mich damals als er in die Kinos kam extrem umgehauen. Das war sowas wie schlaues Mainstream-Kino und ich mochte es wirklich sehr. Heute wäre ich wahrscheinlich um einiges kritischer, aber ich denke er gefällt mir immer noch gut durch die verschiedenen Charaktere und die Visualistik. Schön, dass du Paprika erwähnt hast!
    Das mit dem luziden Träumen habe ich tatsächlich mal erlebt, allerdings ohne Training – es hat einfach zwei, drei Mal geklappt. Seitdem aber nie wieder. Vielleicht sollte ich mich nochmal damit beschäftigen.

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    • Ich habe es nicht reingeschrieben, aber ich glaube auch, dass ein Großteil des Erfolges die Schnittmenge der Qualität ist. Unterhaltung und Anspruch, für jeden etwas. Luzides Träumen steht immer noch auf meinem Zettel, da ich mich selten an meine Träume erinnern kann und das auch damit einfacher sein soll. Aber so auf Anhieb… Wie war es? Weißt du es noch?

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  2. Hervorragender Artikel!

    Ich habe die Abwesenheit der typischen Traum“logik“ in ‚Inception‘ immer als Hinweis gesehen, dass Nolan sich eher mit Filmen (und Filmemachen) als mit wirklichen Träumen auseinandersetzt. Dem Ziel „wirkliche“ Träume auf Film zu bannen kommt Satoshi Kon in ‚Paprika‘ tatsächlich deutlich näher.

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