Joy (2015) von David O. Russell – Der emanzipierte Feudel

Produzent und Regisseur David O. Russel holt seine Stammschauspielerschaft Lawrence, Cooper und De Niro hervor. Nein: Nicht Silver Linings und auch American Hustle ist nicht gemeint. Joy – Alles außer gewöhnlich (Orig.: Joy), heißt dieses, nun bereits dritte Werk des filmischen Quartetts. Und darin tummelt sich eine Hausfrau mit Erfindungsgeist. Doch als Hausfrau will sich diese nicht so recht einfügen. Schade eigentlich, denn nach diesem Film brauchen wir alle nur brav auf die Karriereleiter zu warten.

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© by Twentieth Century Fox of Germany GmbH

Zwischen Witwern und Neurosen

Joy Mangano hat sich ihre Zukunft anders vorgestellt, hat doch ihre Oma Mimi (Diane Ladd) immer gesagt, dass sie eines Tages mehr sein wird. So startet Joy mit Enthusiasmus in ihr Leben, ihre Ehe und in die Mutterschaft. Immer mit dem Blick nach vorn. Doch Träume weichen den Windeln und die Karriere der zerrütteten Familie, um die sich Joy kümmert. Der gescheiterte Sänger und Ex-Mann Tony Miranne (Édgar Ramírez) steht Joy als einziger zur Seite, während sie die Ausbrüche ihres Vaters Rudy (Robert De Niro) und den übersteigerten Geisteszustand ihrer Mutter Carrie (Virginia Madsen) zu (er)tragen hat. Die vom Leben völlig distanzierte Carrie lässt sich täglich von Soap Operas berieseln, während der von ihr geschiedene Rudy sein Seelenheil im Witwer-Dating sucht. Ein Familienausflug mit dessen neuer Dating-Flamme Trudy (Isabella Rossellini) bringt Joy auf eine Idee: Der Miracle Mop – ein Mopp, der sich selbst auswringt. Dessen Potenzial benötigt ein paar Anläufe und muss vor allem erst QVC-Salesman Neil Walker (Bradley Cooper) überzeugen.

© by 20th Century Fox

Trio Capital

Der Film basiert lose auf der Lebensgeschichte der schwerreichen Joy Mangano, die in Amerika mit ihren Erfindungen und über 100 Patenten ein erfolggekröntes Unternehmen errichtete. Ihre Laufbahn begann mit der Erfindung des Miracle Mop und hier setzt auch David O. Russels Geschichte ihren Schwerpunkt. Ein Aufhänger ist dabei, dass Joy Mangano ihren Mop auch selbst vermarktete, anstatt es professionellen Verkäufern bei QVC zu überlassen. Dies dürfte mit Authentizität und Nähe zum Kunden gepunktet haben und ein entscheidender Baustein ihres Erfolges gewesen sein.

© by  Some Old Videos

Dass das Trio Jennifer Lawrence (Die Panem-Reihe, X-Men: Zukunft ist Vergangenheit, Serena), Robert De Niro (Hands of Stone, Dirty Grandpa) und Bradley Cooper (amerikafixiert: American Hustle, American Sniper, American Blood) funktioniert, konnte man bereits in Silver Linings bewundern, aber auch in American Hustle haben die drei ihren Platz. Jennifer Lawrence, die auch hier für ihre Rolle eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin erhielt (den Golden Globe gabs auf die Faust, den Oscar bereits für Silver Linings), spielt sich auf den ersten Blick nüchtern voran, lässt dann aber Joys Emotionen wohlplatziert im Zuschauer nisten. Sie beweist damit einmal mehr, dass ihre alleinige Präsenz drehbuchrettend sein kann.

© by CNN

Verdutzt muss man dem Film einige Schwachstellen zugestehen. Verdutzt deshalb, weil der gesamte Cast nicht nur großartig besetzt ist, sondern auch überzeugend spielt. Es ist ein ständiges Hin- und Hergerissensein zwischen der innewohnenden Komik und dem fad erzähltem Leben der Protagonisten. Figurale Spleens können weder über dramaturgische Einbrüche, noch über das inkohärente Erzählen einer durchaus interessanten Geschichte hinwegtäuschen. Kleine Hausfrau meets Business und tauscht Küche gegen Welt. Diese Geschichte will durchaus erzählt sein und scheint wie für das Kino gemacht. Eigentlich. Hat der amerikanische Traum hier etwa ausgedient?

 Dieser Feudel will erst einmal verkauft werden!

Die, zugegeben, etwas provokant formulierte Aussage am Anfang will näher erklärt werden. Joy ist ein Film über Widerstände, innere Kämpfe und konstantes Dagegenhalten. Alles das muss auch die Hauptfigur erfahren und ausfechten. Doch was ist eigentlich die konkrete Aussage? Dass man sich anstrengen muss, um Erfolg zu haben, dass man nicht aufgeben soll? Rückschläge nur eine Herausforderung sind? Wenn dem so ist, kann die Entscheidung, die akademische Ausbildung der echten Joy Mangano aus der Geschichte zu streichen, nicht nachvollziehbar ausfallen, denn dieser Aspekt hätte mehr Glaubwürdigkeit und Ernsthaftigkeit in den Film und seine Figur gebracht. Zudem hat es einen schlechten Beigeschmack, wenn es darum geht eine Erfolgsgeschichte nachzuzeichnen. Ihr Finale findet diese Absurdität im symbolträchtigen Abschneiden der Haare. 

So schwankt Joy zwischen Independent-Film mit vorstädtischem Antlitz und entferntem Hollywood-Traum. Statt sich auf die Hintergrundgeschichte zu konzentrieren, wurde die Kluft zwischen den Charakteren so absurd erweitert, dass absonderliche Diskrepanzen entstehen. Der erdachte Neben-Cast stellt ein rückständiges Universum dar, das nicht zur Hervorhebung der Hauptfigur dient, sondern diese künstlich erscheinen lässt. So ist Joys Mutter nicht nur etwas weltfremd, sondern völlig aus der Realität gefallen. Auch der komödiantische Aspekt ist gering, denn im Gegensatz zu diesem Rückstand ist Joys Geschichte eben sachlich erzählt und nah an einer möglichen Realität. Anders: Man hätte einer Erzählung den Vorzug geben sollen. So lautet ein Fazit des Films, dass man als (Haus)frau nur eine Idee und Beharrlichkeit haben muss, um erfolgreich zu sein. Dass Joy Mangano eigentlich einen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre (bzw. dem amerikanischen Pendant dazu) hat und sicherlich wusste, wie der Hase läuft, passt hier natürlich nicht rein. Dass man auf eine Lovestory zwischen Mangano und Walker verzichtet hat, muss man dem Film allerdings zugute halten. Auch die Figuren im Einzelnen sind sehenswert. Tiefe und Gehalt sucht man hier leider vergeblich. 

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10 Gedanken zu “Joy (2015) von David O. Russell – Der emanzipierte Feudel

  1. Hallo Morgen Luft,
    „Joy“ hört sich von der Story her ja wirklich nicht schlecht an. Filme, welche langweilige Lebensgeschichten erzählen, sind mir derzeit aber leider öfter untergekommen. Daher muss ich mir noch ein wenig überlegen, ob ich mir den Film überhaupt noch ansehen werde.

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    • Entschuldige bitte das folgende… Wohoo, aahhhh, Sheldon Cooper ist auf meinem Blog!!!! Das war es schon… Zum Film: Denke, jeder muss sich sein eigenes Bild machen. Sicherlich wird der ein oder andere mehr lachen können als ich oder einen anderen Aspekt zu würdigen wissen.

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  2. Mit den Filmen von David O. Russel konnte ich bisher kaum etwas anfangen. „Joy“ habe ich deswegen noch nicht gesehen, obwohl es von der Story her gar nicht mal so schlecht anzuhören ist.

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