Der Bunker (2015) von Nikias Chryssos – Die pervertierte Bommel

Manchmal sollte man nach einem Film ein Selfie machen, um den Ausdruck der Verwirrung im Gesicht festzuhalten. Während Klaus noch Hauptstädte lernt, schwingen andere den Schlagstock der Erkenntnis. 

© Bildströrung / Drop Out Cinema
© Bildströrung / Drop Out Cinema

Kein Studentenleben 

Jeder kennt es: Zeitverschwendung. Ablenkung. Aufschieberitis. Dabei müsste man gerade jetzt eine Hausarbeit abgeben, für eine Klausur lernen oder über der Abschlussarbeit brüten. Wer hat sich in dieser Situation nicht schon einmal eine abgelegene und ruhige Atmosphäre gewünscht, die diese Verlockungen ausblendet und es schafft den eigenen Schweinehund zu überlisten? So zieht es auch den Studenten (Pit Bukowski) in einen Bunker mitten im Nirgendwo. Der schwitzt über einer ominösen und hochwissenschaftlichen Formel für seine Diplomarbeit und ist dankbar für die Abgeschiedenheit. Die bieder wirkenden Eheleute (Vater: David Scheller, Mutter: Oona von Maydell), gleichsam Besitzer des Bunkers, heißen den Studenten herzlich willkommen, versorgen ihn und bringen Interesse für seine Arbeit auf. Doch bereits nach kurzer Zeit schimmert ein strenges Regiment durch das Familiendach. So werden Knödel und Servietten abgezählt und gegen eine mögliche Leistung aufgewogen. Bei einem dieser gemeinsamen Essen lernt der Student auch Klaus kennen. Klaus ist der achtjährige, aber sehr viel älter wirkende, Sohn des sonderbaren Gespanns und plagt die Familie mit Lernschwierigkeiten. Was würde also näher liegen, als den Studenten für Kost und Logis aufkommen zu lassen, sprich Klaus unterrichten zu lassen? Der willigt nach anfänglichem Zögern ein und löst den Vater als Hauslehrer ab. Die Ambitionen sind auch schnell formuliert:

Klaus soll Präsident werden!

von Bildstörung

Präsident in Kniestrümpfen

Eine thematische Annäherung sieht anders aus. Warum Nikias Chryssos für seinen ersten Langspielfilm mit einer solch grotesken Familien- und Sozialstudie aufwartet, lässt sich höchstens mit dessen Filmographie andeuten. Will man die Anfänge von Der Bunker ergründen, ist man in seinem preisgekrönten Kurzspielfilm Hochhaus (2006) beispielsweise gut aufgehoben. Auch hier wird Abhängigkeit innerhalb einer Familienstruktur thematisiert, während die Vernchlässigung durch fantastische Elemente gelöst wird. 

„Manchmal sind Familien, die auf den ersten Blick völlig normal wirken, tatsächlich kleine totalitäre Systeme, die wie Terrorregime geführt werden. Das familiäre Umfeld verwandelt sich in etwas, das einem Horrorfilm gleicht und in dem die Kinder als schwächste Glieder am meisten betroffen sind. […]“

Nikias Chryssos, 2015

In Der Bunker wird diese Abseitsstellung durch Verhalten und Kostümierung der Figuren erreicht. Die Hervorhebung einzelner Darsteller, wäre in diesem Fall ungerechtfertigt, da die Besetzung im Gesamten funktioniert. Hoffnungslos überspitzt rücken biedere Attitüde und beige Kniestrümpfe das familiäre Bild zurecht. Sind Einstellung und Verhalten am Anfang lediglich sonderbar, gipfelt dieses im weiteren Verlauf zur Perversion ohne Reißleine. Über allem: Beunruhigung. Ein herzliches Lachen fällt hier zwar schwer, aber: Während die Familienstruktur und die Integration des Fremden einen ernsten Mittelpunkt bildet, ist der Handlung durch das exzentrische Verhalten ein kritisches Übermaß auferlegt. Dessen Empfang schwankt zwischen unkontrolliertem Mundwinkelzucken, großen Augen und Würgereiz. Klaus könnte auch permanent mit dem Kopf gegen einen Betonpfeiler laufen; eine Situation in der man auch nie weiß, ob man schnell helfen oder sich vor Lachen übergeben soll.

Filmvorstellung „Der Bunker“ und Interview mit Regisseur Nikias Chryssos from FilmFestSpezial on Vimeo.

Exzentrisch ist hier auch die Musik, für die sich Leonard Petersen verantwortlich zeigt. Zwischen Pachelbel und Nora Orlandi, zwischen sanften klassischen Tönen und ufta, ufta – ekstatisch bis hämmernd. Das ganze Konzert kann man in den Credits nachlesen. Sehens- und hörenswert.

DER BUNKER – CREDITS from TruedeNoizer on Vimeo.

Der wunde Punkt

Der Bunker ist ein Film, der sich erst in seiner Nachwirkung entfalten dürfte und dessen Bilder bei der ein oder anderen Gesellschaftsdebatte ungewollt aufpoppen werden. Mal ehrlich, wer weiß heutzutage nicht am besten, wie man ein Kind erzieht? Selbst die als freiheitsliebend und kinderlos stigmatisierten Millennials führen Diskussionen über Elternzeit und Kita-Versorgung, bis hin zu deren Karriere-Tauglichkeit. Im vermeintlichem Zentrum dieses Wahnsinns – das auserwählte Kind. Doch diese übersteigerte Vorstellung stellt sich selbst ein Bein. Das zeigt auch Der Bunker.

Apropos Bein: Hier wird der Finger wirklich in die Wunde gelegt. Heinrich, eine Wahnvorstellung der Mutter, trifft durch eine offene Wunde Entscheidungen für die Familie. Der Vater verteilt die Strafen, die Mutter die Belohnungen. Beides variabel in ihrer Intensität. Was so abscheuerregend demonstriert wird, stellte vor gar nicht allzu langer Zeit eine Wahrheit dar. Das Kind will nicht lernen, hau ihm auf die Finger. Gutes Zeugnis = mehr Taschengeld. Arbeitet man heute sicherlich mehr über Belohnung, ist das Bezugssystem doch ähnlich. Doch wer sagt, was richtig und falsch ist? Wer trifft eigentlich die Entscheidungen? Die durch angesammeltes Wissen erlangte Kontrolle bzw. vermeintliche richtige Umgang damit, löst zwar eine vorherrschende Unsicherheit ab, doch sie untergräbt die Befreiung durch sich selbst. Sie lässt keinen Raum für Freiheiten und Risiken, sondern viel Platz für Eitelkeiten. Am Vater von Klaus kann man dies wunderbar beobachten. 

Es kommt kein Licht hinaus, aber auch keines hinein

Es ist schon interessant, wie sehr man vor dieser Perversität von Film zurückschrecken wird und wie viel Weisheit er doch enthält. Die gestellten Ansprüche einer Generation an die nächste, einer neuen Generation, die mit ganz anderen Bedingungen konfrontiert ist, andere Wahrheiten bräuchte. Diese Schreckens-Parabel, die eigentlich keine ist; sie zeigt, wie starr Menschen, trotz besseren Wissens, an ihrer Vorstellung festhalten. Nicht, weil sie es nicht besser wüssten, sondern weil sie sich an äußere Kriterien binden. So passt sich der Student den elterlichen Methoden an, auch wenn er sie als falsch erachtet. Dabei will Klaus doch nur spielen. Leidtragende sind hier die Nachfolgenden, die Abhängigen, die Unwissenden. Ja, das ist pervers.

 

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7 Gedanken zu “Der Bunker (2015) von Nikias Chryssos – Die pervertierte Bommel

  1. Klingt auf jeden Fall interessant. Ist auf meiner Liste, seit ihn jemand als „wilde Mischung aus David Lynch und Helge Schneider“ beschrieben hat. Gut zu lesen, dass er durchaus Substanz hat.

    Bin ich eigentlich der Einzige, der, Poster sei Dank, ’ne Weile dachte der Film hieße ‚Der Blinker‘?

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    • Das würde ich nicht sagen. Es ist lediglich naheliegend, diese Ebene darin zu erkennen, weil es um Erziehung und Bildung geht. Aber vielleicht bin ich ihm genau deshalb auf den Leim gegangen. Man könnte genauso gut viele andere sehen. Für mich war es diese, aber ich hätte die psychologische Richtung auch ganz spannend gefunden. Ohne, dass ich es beurteilen könnte, würde ich behaupten, der gefällt dir. 🙂

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