The Neon Demon (2016) von Nicolas Winding Refn – Stilisierter Horror

The Neon Demon umgarnt, lockt und konsumiert genüsslich. Beauty is vicious.

The-Neon-Demon-Banner-Beauty-is-vicious
© Koch Media

Kurzinhalt

Die schüchterne 16-jährige Jesse (Elle Fanning) will in Los Angeles Model werden. Ohne Abschluss sieht sie in ihrer natürlichen Schönheit die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. In L.A. sollen schließlich all ihre Träume war werden. Motel-Besitzer Hank (Keanu Reaves) gibt ihr  ein Zimmer und Jesse schlägt in der Modewelt ein wie eine Bombe. Schnell macht sie  auch Bekanntschaft mit drei anderen Frauen aus der Branche.  Make-Up-Artist Ruby (Jena Malone) und den beiden Models Gigi (Bella Heathcote) und Sarah (Abbey Lee). Agentur-Chefin Jan (Christina Hendricks), der sofort Jesses Natürlichkeit auffällt, organisiert beim Star-Fotograf Jack (Desmond Harrington) ein Foto-Shooting. Dieses ebnet Jesse zwar den Weg nach oben, ruft aber auch schnell die Konkurrenz auf den Plan.

Ausgebuht und bejubelt

Der visuell bestechende Mode-Thriller ist der neueste Streich von Nicolas Winding Refn – der Regisseur, der durch die Pusher-Trilogie bekannt wurde, sich nur im Zusammenhang mit Drive nennen lässt und für Only God Forgives beinahe ausgepeitscht wurde. Im Gepäck ist beruhigenderweise auch wieder Cliff Martinez, der – das kann man schon mal vorwegnehmen – The Neon Demon nicht gänzlich im Abstrakten versinken lässt. Cliff Martinez legt eine eigentümlich melancholische und bizarre Aura über The Neon Demon, die dem Zuschauer letztlich noch etwas zum Haften bieten dürfte. Dafür gab es die Auszeichnung als besten Komponisten. Der elektronische Score, der fast ausschließlich am Synthesizer entstand, beginnt zögerlich und zurückhaltend. Leise und zarte Klänge brechen im Verlauf jedoch zu brachialen Klangsynthesen aus, die schon für sich genommen, erzählerische Qualitäten haben. 

„Beauty isn’t everything. It’s the only thing.“

Roberto Sarno (Alessandro Nivola)

The Neon Demon feierte seine Premiere am 20. Mai 2016 in Cannes und erhielt durchwachsende Kritiken, obligatorische Buhrufe sowie stehende Ovationen. Wie auch schon in Only God Forgives sieht man auch hier expressive Farben, die in ihrer sterilen Umgebung pulsieren. Der vorgeblich farbenblinde Refn präsentiert in seinem neuen Werk Kontraste, die schwer auszuhalten sind und wahnhaft anmuten. Konventionell kann man damit nicht arbeiten, es ist die formale Gestaltung, die hier erzählt. Der Rest ist purer schöner Schein. Die Figuren selbst haben keinen Inhalt mehr. Die Handlung bleibt weitestgehend leer bis bedeutungslos. 

Elle Fanning (Maleficent, Trumbo) ist in ihrer Wandlung von der zerbrechlichen Schönheit bis hin zum unnahbaren kalten Geschöpf zu jeder Zeit klasse anzuschauen und auch Jena Malone (The Hunger Games – Mockingjay, Batman v Superman – Dawn of Justice) brilliert. Ihre Entwicklung der Ruby ist über weite Strecken spannend zu verfolgen, wenn nicht sogar der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der Handlung.

“I don’t want to be like them. They want to be like me.”

Jesse (Elle Fanning)

Formale Schönheit

Für Jene, denen das natürlich Schöne verwehrt ist, bleibt nur das Groteske, das Verstellte. Schönheitsoperationen, Magerkuren und Intrigen – ausgerichtet auf ein Ziel: erwählt und erlesen zu sein. Persönliche Bezugspunkte lösen sich dabei auf, und nur noch die perfekt symmetrische Form, als Ausdruck der Ernüchterung und Hingabe, tritt an dessen Stelle. So bringt NWR auch die Form in Vordergrund – Das Dreieck als symbolisches Prädikat. Die glatte Oberfläche, der Schein, an dem sich niemand mehr schneiden kann. Natürlichkeit kann nur verändert, angepasst oder eliminiert werden. Erst, wenn sie wieder entstellt wird, kann und darf man sie begehren.

Das NWR einen starken Bezug zum Sehen hat, wird in diesem Film besonders deutlich, auch, dass er sich in der Welt der Schönen bestens auskennt, fällt auf. Nun kann man ihm wieder vorwerfen, eine hochstilisierte Optik einer tiefergehenden Handlung vorgezogen zu haben – bedeutungsschwangere Symbolik inklusive. Wie auch immer die Meinung dazu ausfallen mag: Man kann sich nicht ganz erwehren, dass er sich hierfür das passende Sujet ausgesucht hat. Der Stempel passt und kritisiert gleichermaßen. Was vorher aufgesetzt und prätentiös schien, findet in The Neon Demon einen leisen Hafen.

Es sind nicht seine Bilder, die nach Sensation gieren, sondern der hohe Abstraktionsgrad. Das Einfühlen wird dem Zuschauer schwer gemacht. Der sieht die Oberfläche, das Nichts und den Tod. Nüchtern bis brachial schön – Jesses Natürlichkeit zu jeder Zeit belauert und beneidet. Hier wird nicht nur die Modewelt verhandelt, sondern auch der Sehende, der nur den schönen Schein verzehrt, wahre Schönheit aber nicht verdauen kann. 

The Neon Demon ist ab dem Ab 27. Oktober 2016 im Handel erhältlich

Label: Koch Media

Regie: Nicolas Winding Refn

Darsteller: Elle Fanning, Keanu Reeves, Jena Malone, Abbey Lee, Bella Heathcote, Christina Hendricks u.a.

Produktion: Frankreich/Dänemark/USA 2016

Extras: Intro von Nicolas Winding Refn, Exklusives Interview mit Nicolas Winding Refn in Berlin, Exklusiver Audiokommentar, Bildergalerie, Teaser, Trailer

FSK: ab 16 Jahren

Filmlänge DVD: ca. 113 Minuten; Blu-ray: ca. 118 Minuten

Bildformat: 2.35:1 (16:9)

Tonformat: DVD: Dolby Digital 5.1; Blu-ray: DTS HD-Master Audio 5.1

Sprachen: Deutsch

Untertitel: Deutsch, Englisch

Advertisements

12 Gedanken zu “The Neon Demon (2016) von Nicolas Winding Refn – Stilisierter Horror

  1. Ich fand den Film irgendwie sehr faszinierend. Ich bin damals auch mit all den negativen Kritiken im Kopf ins Kino gegangen und hatte mich (auch gerade nach „Only God Forgives“ schon auf das Schlimmste vorbereitet… und wurde dann umso mehr überrascht. Ein verdammter starker Film, der unter die Haut geht – unangenehm und wunderschön zugleich. Ich mag ihn wirklich sehr, kann aber durchaus auch nachvollziehen, wenn Leute ihn nicht mögen.

    Gefällt 1 Person

  2. „The Neon Demon“ war mir zu oberflächlich. Diese Hochglanzbilder des Films mögen ja wunderbar anzuschauen sein, aber das allein reicht mir nicht, wenn drumherum keine wirkliche Geschichte erzählt wird.

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.