Dr. Strange (OV/2016) von Scott Derrickson und der Cloak of Disability

Strange: Im Cinemaxx meiner Heimat ist es offenbar ein Problem O-Ton und 3D gleichzeitig zur Verfügung zu stellen.

Warum das eine, wenn man das andere hat?!? Marvel scheint eine ähnliche Ansicht zu haben… Wer, wie ich, die Befürchtung hat, Benedict Cumberbatch im Originalton nicht verstehen zu können, der sei beruhigt. Der Brite hat sich einen schnörkellosen amerikanischen Akzent zugelegt, der sich vom sherlockschen Gemurmel deutlich unterscheidet. „Penguin“ kann er mittlerweile auch aussprechen.

Andere Dimensionen, andere Riten

Stephen Strange (Benedict Cumberbatch), Uhrenliebhaber und arroganter Neurochirurg ist auf dem Weg zu einer Veranstaltung, als er mit dem Auto einen Unfall erleidet. Als Folge dessen sind die Nervenbahnen seiner Hände so stark geschädigt, dass laut Fachärzten keinerlei Hoffnung mehr besteht, diese je wieder einsetzen zu können. Der hochbegabte Mediziner will das nicht akzeptieren und macht sich auf die Suche nach alternativen Behandlungsmethoden. Seine Arbeitskollegin und Angebetete Christine Palmer (Rachel McAdams) unterstützt ihn bei der Suche, muss aber bald mit ansehen, dass Besessenheit seinen inneren Kampf abgelöst hat. Schließlich hört Strange von einem Patienten, namens Jonathan Pangborn (Benjamin Bratt), der eine Querschnittslähmung überwand, welche er als unheilbar einstufte. Pleite und entgegen seiner Vernunft geht Strange der Empfehlung Pangborns nach und macht sich mit seinem letzten Geld auf nach Kathmandu, wo ihn Meister Mordo (Chiwetel Ejiofor) findet und zur Ancient One (Tilda Swinton) bringt. Dort eröffnet man ihm eine Welt voller Magie und Möglichkeiten. Sidekick Wong (Benedict Wong) unterstützt den Novizen, bereits ahnend, dass der abtrünnige Kaecilius (Mads Mikkelsen) seine Jünger um sich schart und nur auf seine Chance wartet. Sein Ziel: Die Befreiung der Menschheit von der Zeit und damit Unsterblichkeit. In dieser Dimension beheimatet: Dormammu! (Facial motion capture: Benedict Cumberbatch). Das Gegenmittel: Ein störrischer Umhang.

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Phasen und Phrasen

Mit Dr. Strange bringt das Marvel Cinematic Universe in Phase Drei Raum und Zeit mit ins Spiel. Zur Erinnerung: Phase Eins eröffnete mit Iron Man (2008), Iron Man 3 (2013) überführte diese in die zweite. Ihren Abschluss fanden beide jeweils mit Marvel’s The Avengers (2012) und Ant-Man (2015). Die nun dritte Phase wurde mit The First Avenger: Civil War (2016) eingeläutet und soll insgesamt 9 Filme umfassen, darunter auch Dr. Strange. Wer den Überblick behalten möchte: Eine „Übersicht“ gibt die folgende Grafik von Reddit.com. Ähm, ja.

Schauspielerisch hat man weit ausgeholt und mit Benedict Cumberbatch (12 Years a Slave, The Imitation Game, Black Mass) und Mads Mikkelsen (Michael Kohlhaas, The Salvation, Men & Chicken) zwei grandiose Charakterdarsteller gewonnen. Einige, mich eingeschlossen, dürfte es auch deshalb ins Kino gelockt haben. Die Besetzung der Ancient One durch die famose Tilda Swinton (Dating Queen, A Bigger Splash, Hail, Caesar!) kam durch Whitewashing, Genderswapping und chinesischer Zensur kurz ins Gerede, aber Mrs. Swinton lässt sich davon überhaupt nicht aus der Ruhe bringen. Als androgynes Wesen mischt sie die alternativen Dimensionen durch und behält trotzdem immer einen Fuß auf dem Boden. Ihre Figur ist eine der wenigen, für die man echtes Interesse aufbringen kann, außer natürlich…Na, später. 

Was hingegen – wie hieß sie doch gleich – Christine für eine Funktion innerhalb dieser Geschichte hat, bleibt fraglich. Das obligatorische love interest wird hier mehr als lieblos abgefrühstückt und die Dialoge zwischen ihr und Strange befeuern höchstens die Fremdscham, dagegen kann auch McAdams nichts ausrichten. Eine eindeutigere Ausrichtung hätte zudem auch dem Antagonisten sehr gut getan. Kaecilius hat man in ein thanatophobisches silly-billy  mit grauem fairytail verwandelt. Gezähmt und aufgezäumt. Dass aus dem Mann nicht auch noch ein Regenbogen blüht, ist verwunderlich: Evil villain motivation – zero. Es ist einzig und allein Mads Mikkelsen zu verdanken, dass sich diese Figur nicht der Lächerlichkeit preisgibt. Der verwandelt jeden noch so abgetragenen Spruch in pointierte Spitzen: 

Kaecilius: „You’ll die defending this world, Mister…“
Dr. Stephen Strange: „Doctor!“
Kaecilius: „Mister Doctor?“
Dr. Stephen Strange: „It’s Strange!“
Kaecilius: „Maybe, who am I to judge?“

Erfrischend

Technisch hat man sich an allem bedient, was man an gutem CGI so rausblasen kann. Vergleiche mit Inception liegen zwar nahe, sind letztlich aber kaum angezeigt. Dient das visuelle Weltenfalten in Nolans Inception zur Unterstützung der Ebenen und damit des Traumzustands, ist es in Dr. Strange ein losgelöstes Action-Feuerwerk, das so hektisch inszeniert ist, dass vom Sattsehen keine Rede mehr sein kann, sich als unterhaltender Faktor aber hervorragend eignet. Allemal beachtenswert. Ob der Inhalt mit dem rasanten Trip Übereinstimmungen findet, geschweige denn mithalten kann, sei an dieser Stelle dahingestellt. Dass Marvel hier Magie etabliert, daran kann nach diesem Film kein Zweifel mehr bestehen. Die magischen Inkarnationen sind sehenswert, haben an manchen Stellen aber ihre Tücken; oftmals dann, wenn Cumberbatch so aussieht, als wälze er Endprodukte in seinem Darm, während winzig kleine Funken aus seinen Händen sprießen. Vielleicht ist ihm auch nur das Eye Candy auf den Magen geschlagen. Jemand sollte sich das jedenfalls mal ansehen.

A cloak! A cloak! My kingdom for a cloak!

Die meisten Lacher erhielt in diese Vorstellung allerdings nur einer und das vollkommen zu Recht: Der lakonische Cloak of Levitation. Da geht es plötzlich. Für ein paar Sekunden versetzen sich Scott Derrickson und sein Team in  das fiktionale Relikt und geben diesem den Raum, den der Zuschauer benötigt. Nicht nur das. Ein simples Objekt kann hier in einem Prozentsatz an Screentime soviel Charakter zeigen wie seine Mitspieler im ganzen Film. Man darf gespannt sein, denn wenn man sich hier nach den Vorgaben richtet, kann dieser widerspenstige Umhang noch viel mehr, als bisher angedeutet wurde. 

Mind-bending?

Dr. Strange wurde dem Zuschauer als „bewusstseinsverändernd“ angekündigt, welches sich vor allem auf die visuelle Gestaltung beziehen dürfte. Ansonsten verbleibt das neuste Marvel-Abenteuer wieder in seiner gewohnten Umsetzung, die wenig Gefühl für ihre Figuren aufbringt, auf Schaulust und Sensationsgier aus ist, diese aber auch ausreichend befriedigen kann. Die Post-credits scene dekonstruiert auch noch den letzten Charakter und lässt kurzes Bedauern darüber aufkommen, dass bei einem halbwegs erträglichen Marvel-Film nahezu das komplette Kinopublikum den Abspann absitzt, während bei anderen Filmen ein Heuballen durch die Reihen fegen könnte. Dr. Strange: Ein kurzweiliger Bilderrausch, der mehr Pop als Rock ist. 

Könnt ihr die Kritikpunkte nachvollziehen oder seid ihr anderer Meinung? Schreibt es mir gern in die Kommentare.

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10 Gedanken zu “Dr. Strange (OV/2016) von Scott Derrickson und der Cloak of Disability

  1. Hatten wir ja schon an anderer Stelle ausgiebigst diskutiert, aber eine Sache fällt mir noch ein: Der Umhang. Ja, er ist cool, aber sobald Strange schweben durfte, sah es es so absurd aus und ich fühlte mich an die allerersten Superman-Filme erinnert. Nicht im positiven Sinne natürlich. Das war schon ziemlich peinliche Arbeit mit den Halteseilen wie mir scheint. 😉

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  2. Ja, Doctor Strange war unterhaltsam, aber auch nicht ohne Fehler. Ich mochte den Film aber dennoch sehr. Optisch war der toll, die Darsteller waren auch super – auch wenn ein Mads Mikkelsen ein wenig verschenkt war und auch eine Rachel McAdams viel zu kurz gekommen ist. Langsam sollte Marvel auch mal seine Origin-Stories ein bisschen auffrischen.

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  3. Also ich muss sagen, ich fand die Post Credit Szene ziemlich cool. So weit ich gelesen habe, wird hier versucht, dem neuen Antagonisten deutlich mehr Tiefe bzw. tiefgründigere Motive zu verteilen als er in den Comics hat. Auch wenn er sich natürlich trotzdem irgendwie selbst widerspricht, aber das wird man ja im nächsten Film dann ausführlicher sehen und diskutieren können. Jedenfalls klingt er für mich schon mal vielversprechender als Kaecilius.

    Die Ancient One fand ich eigentlich gerade durch die Enthüllungen am Ende spannend und hätte gerne viel mehr über ihre Motive erfahren.

    In anderen Punkten gebe ich dir aber vollkommen recht. Ich mag Rachel McAdams wirklich gerne, aber diese Rolle war wirklich unnötig. Ich war nur froh, dass sie auch entführt und als kreischendes und um Hilfe rufendes Druckmittel benutzt wurde (hoffe, ich Spoiler damit nicht zu viel).

    Und der Cloak als Figur mit mehr Charakter als manche andere XD. Stimmt leider, auch wenn er genau wie so einige andere Elemente dem Film durch seine Albernheit die Ernsthaftigkeit genommen hat.

    Ich hab übrigens nie verstanden, was das Problem mit Penguin war ^^. Und ich hab Cumberbatch bisher immer recht gut verstanden. Zur Not mit englischen Untertiteln.
    Ich will den Film auch nochmal im Original sehen, denn es nervt tierisch, dass Cumberbatch als Doctor Strange nicht seine übliche Synchronstimme haben kann, weil Thor die schon hat.

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