Paterson (2016) von Jim Jarmusch – Bonjour Tristesse

Nach Fantastic Beasts and Where to Find Them ging es gleich auf zu Paterson, auf den ich mich schon länger gefreut habe und ich sollte nicht enttäuscht werden – Jim Jarmusch at its best, Entschleunigung im Kino.

Und täglich grüßt das…

New Jersey: Paterson. Ein Busfahrer (Adam Driver) mit dem gleichen Namen, wie der Ort, in dem er wohnt, wacht jeden Tag neben seiner Freundin auf, isst Cornflakes zum Frühstück, fährt jeden Tag die gleiche Route, kommt nach Hause, führt die Bulldogge Marvin (Nellie) spazieren und geht abends in eine Bar, ein Bier trinken. In seinen Pausen schreibt er Gedichte, für die er von seiner Freundin Laura (Golshifteh Farahani) bewundert wird, ist. Paterson ist zufrieden. Laura hingegen sprüht vor Energie und Träumen, jeden Tag anders, jeden Tag eine neue kreative Abwandlung. Das Paar liebt sich und hat ein offenes Ohr für die Belange des jeweiligen anderen. Eine Woche lang zeigt sich deren Alltag. 

by Weltkino Filmverleih

Auf den Hund gekommen

Jim Jarmusch (Only Lovers Left Alive, The Limits of Control, Broken Flowers) beehrt uns wieder mit einer, ihm typischen, lakonischen und unaufgeregten Perle des Indie-Kinos, deren Treatment er bereits vor zwanzig Jahren anfertigte. Wer Interviews (siehe auch unten die Pressekonferenz) mit dem Regisseur verfolgt, weiß um dessen Respekt für seine Umgebung, seine Ruhe und Gelassenheit, die sich auch hier im Film wiederfindet. Er zeigt das Leben von Paterson und seiner Freundin Laura in einer Woche, die stets den gleichen Alltag hat, jedoch mit kleinen Variationen aufblitzt. Wie in Night on Earth (1991) oder Coffee & Cigarettes (2003) steht hier trotz fortlaufender Erzählweise das Episodenhafte im Vordergrund, mit der Akzeptanz und Liebe eines Only Lovers Left Alive (2013) und mit einem zwinkerndem Ausschlag zur Seite.

Dieser filmographischen Wucht ordnet sich Adam Driver (Midnight Special, Star Wars: Episode VII, Gefühlt Mitte Zwanzig) bedächtig, aber keineswegs abgeklärt, unter; er gibt Paterson hintenangestellt, ohne seiner Figur den Charakter zu nehmen, während die eher unbekannte Golshifteh Farahani nervöse Funken in die tägliche Tristesse setzt. Entgegen der Neigung ihrer Rolle, das In­te­ri­eur schwarz-weiß zu beschönen, kommt sie selbst in Farbe, bunt und als Gegenentwurf zum indifferenten Paterson. Die englische Bulldogge Nellie, also eigentlich eine „Sie“, die als Marvin mindestens so lakonisch wie Herrchen ist, verstarb leider kurze Zeit nach den Dreharbeiten und wurde posthum mit dem Palm Dog Award in Cannes geehrt. Jarmusch attestierte ihr hohes Improvisationstalent, welches sich in einigen Lachern der Zuschauer widerspiegelte. Der konnte mit seinem Film die begehrte Palme d’or leider nicht abräumen und musste sich Ich, Daniel Blake (2016) von Ken Loach geschlagen geben.

„No ideas but in things“

Die Gedichte, die Paterson in seiner Mittagspause schreibt stammen von Ron Padgett (geb. 1942 in Tulsa, Oklahoma), einem Vertreter der New Yorker Schule (auch, wenn er selbst sich nicht gern in dieser Rolle sieht) und Freund Jim Jarmuschs. Dieser steuerte bereits entstandene Werke und auch neue zum Film bei. Alltägliche Dinge bekommen einen speziellen Raum in Padgett Gedichten, welches sich auf die Stimmung im Film überträgt und dessen Inneres nachdrücklich nach Außen kehrt. Auch William Carlos Williams (geb. 1883, gest. 1963), dem Lieblingsdichter Patersons war diese realistische und alltagspraktische Herangehensweise zu eigen. Williams veröffentlichte zu Lebzeiten einen Gedichtband über den Ort Paterson. „No ideas but in things“, eine dafür sinnbildliche Zeile aus einem seiner Gedichte, wird im Film in einem Rap vom Method Man des Wu-Tang Clan rezitiert, während dieser seine Wäsche im Waschsalon überwacht. So findet sich im Film an jeder Ecke Poesie, wenn man nur aufmerksam genug ist.

„[…] Paterson ist als Feier der Poesie von Details, Variationen und alltäglichen Begegnungen gedacht und als eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino. Es ist ein Film, dem man es erlauben sollte, einfach an einem vorbeizuziehen – so wie Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt, der sich wie eine mechanische Gondel durch eine kleine, vergessene Stadt bewegt.“

Jim Jarmusch

Einkehr im Kino

Paterson wertet nicht, stellt seine Monotonie nicht in Frage, sondern findet eigentümliche und authentische Schönheit in seinen Zwischenräumen. Genau wie seine Figur in sich ruht, wird auch dem Ort die Rastlosigkeit entzogen. Das darin lebende Paar sagt dem Alltag keinen Kampf an, sondern kommt über Akzeptanz zur Liebe, anstatt Gleichgültigkeit und Ignoranz einziehen zu lassen. Diese minimalistische Betrachtung eines Lebensentwurfs kann sicherlich als Verweigerung eines von wahrhaftiger Ödnis geprägten Blockbuster-Kinos verstanden werden, sich aber aber auch als heilsame Achtsamkeitsübung im Kino erweisen. Hier kann man in der Form (aus)ruhen und sich treiben lassen. In dieser gibt uns Paterson auch all die Gedanken wieder, die wir nicht festhalten konnten, weil uns die Zeit für sie fehlte.

Diese Zeit sollte man sich hier unbedingt nehmen. Paterson ist seit dem 17.11.2016 im Kino zu sehen.

USA 2016, 117 min
Genre: Komödie
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Affonso Gonçalves
Musik: Sqürl
Darsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani, Barry Shabaka Henley, Clift Smith, Chasten Harmon, William Jackson Harper
FSK: 0

by Festival de Cannes (Officiel)

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24 Gedanken zu “Paterson (2016) von Jim Jarmusch – Bonjour Tristesse

    • Freut mich, dass er dir gefallen hat. Ich animiere bereits mein ganzes Umfeld, dass sie ins Kino müssen. Es ist immer schade, wenn solche Filme nicht die Beachtung bekommen, die sie verdient haben. Wobei Geschmack natürlich unterschiedlich ist, aber von denen, die sich darin verirrt hatten, kamen nur positive Worte.

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  1. Wunderschönes Review zum Film! Besser kann man es kaum in Worte fassen.

    Ich hatte die einmalige Gelegenheit, den Film bei der Neueröffnung eines Programmkinos zu sehen. Hier meine Kritik: http://www.kino.vieraugen.com/kino/paterson/

    Und „Only Lovers Left Alive“ war mein erster Jarmusch überhaupt, siehe hier: http://www.kino.vieraugen.com/kino/only-lovers-left-alive/

    Ach ja, und die DVD zu „Coffee & Cigarettes“ liegt u.a. auf meinem Stapel ungesehener DVDs. 😉

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  2. Da ist sie ja endlich, die Kritik zu Paterson.
    Lief leider nur einen Tag in meiner Stadt. Bin zwar nicht so der Fan der neueren Jarmusch-Filme, aber der hört sich ganz interessant an.

    Hast du den Cannes-Gewinner gesehen und wenn ja, hat „Ich, Daniel Blake“ zu Recht gewonnen?

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    • Schön, dass du ausgerechnet das fragst. Habe ihn gestern gesehen und ehrlich gesagt gar nicht verstanden, warum der soo toll sein soll. Ist kein Feelgood-Movie, aber das sind sie ja alle irgendwie nicht. Paterson fand ich deutlich besser. Aber nur eine Meinung.

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  3. Jarmusch ist eine Kuriosität für mich. Macht Filme, die ich eigentlich alle lieben möchte aber nur bei etwa jedem zweiten gelingt mir das auch. Die andere Hälfte langweilt mich gnadenlos. Das hält mich natürlich nicht davon ab alle zu sehen. Und 50% ist immer noch ne dolle Trefferquote.

    Sehr schön geschrieben und das Einstellen auf die Entschleunigung ist definitiv wesentlich für alle Jarmusch-Filme.

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  4. Eine wirklich schöne Rezension. Auf den Film freue ich mich auch schon sehr. Ich wollte ihn schon auf der Viennale sehen, habe ihn aber zurückgestellt, da er ohnehin einen fixen Kinostart hat. (Kleine Klugscheißerei am Rande: Jarmusch, also mit sch.)

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