Ich, Daniel Blake (2016) von Ken Loach oder Ich und die Hilflosigkeit

Huh, nur schnell raus aus dem Kino, mit dem Taschentuch an der Nase. So erging es wohl einigen nach diesem Film. War er aber tatsächlich einer goldenen Palme würdig?

Arbeitsfähig

Daniel Blake (Dave Johns) erlitt einen Herzinfarkt auf der Baustelle, auf der er als Tischler arbeitete und ist nun vorübergehend arbeitsunfähig. Das sagt zumindest seine Ärztin. Bei der Einstufung der „Employment and Support Allowance“ erreicht er zu viele Punkte, sodass er als arbeitsfähig eingestuft wird und soziale Hilfen abgelehnt werden. Diese Einstufung geht außerdem mit gewissen Auflagen einher, sodass er sich in der Situation befindet Arbeit suchen zu müssen, obwohl er gesundheitlich nicht dazu in der Lage ist. Auf seiner Tour durch die Zweigstellen des Amtes lernt er die junge, alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires) und ihre zwei Kinder Dylan (Dylan McKiernan) und Daisy (Briana Shann) kennen. Sitzengelassen von den Vätern ihrer Kinder, wurde sie vom Amt aus umgesiedelt und muss sich nun selbst durch den Bürokratie-Dschungel arbeiten. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, die ihre Höhen und Tiefen mit sich bringt. Gemeinsam versuchen sie sich gegenseitig zu unterstützen und sich den Weg wieder freizukämpfen.

by Prokino – Einzigartige Unterhaltung

“It is a film I felt I had to make”

Ich, Daniel Blake (OT: I, Daniel Blake) ist ein Spielfilm von Regisseur Ken Loach (Jimmy’s Hall, The Spirit of ’45, Angels‘ Share – Ein Schluck für die Engel), der dafür im Mai die goldene Palme sein Eigen nennen durfte. Der 80-jährige Loach, der für seine sozialkritischen Themen bekannt ist, positioniert seine Geschichte dieses Mal ins nordöstliche England (Newcastle) und gibt ihr einen Mittelständler als Hauptfigur, gespielt von Dave Johns – auch Stand Up Comedian und Schriftsteller. Loach konnte bereits mit The Wind That Shakes the Barley (2006) eine Palme einstreichen und wollte nach Jimmy’s Hall (2014) eigentlich keinen Spielfilm mehr machen. Gut, dass er sich umentschieden hat und uns somit ein berührendes sowie packendes Sozialdrama verschafft, das in einer 15-minütigen Standing Ovation auf dem Cannes Filmfestival gefeiert wurde und Loach zum bisher ältesten Preisträger macht.

Randnotiz: Mitnehmen konnten er und sein Team auch auch den Palm DogManitarian Award, weil sie einen gehandicapten Hund im Film zeigten. Den eigentlichen Palm Dog Award bekam jedoch Jim Jarmusch für die Bulldogge Nellie in Paterson.

Und nicht nur diesen Film ließ Ken Loach hinter sich, sondern unter anderem auch Toni Erdmann, ElleAmerican Honey, The Handmaiden und The Neon Demon. Insgesamt eine fast brave Wahl, vor allem bei dieser Konkurrenz. Woher rührt also diese Überlegenheit?

Die Vehemenz des Abstiegs…

Dave Johns (George Gently – Der Unbestechliche, Dogtown, Cattle Drive) merkt man seinen komödiantischen Background an; Daniel Blake ist ein getriebener Grenzgänger, der zwischen Empörung, Wut und Vergnüglichkeit agiert. Einen persönlichen und sich bedrohlich nähernden Anstrich, bekommt der Film durch die gesellschaftliche Schneise, die wenig Ausweg und noch weniger Halt bietet, in der Daniel Blake aber dennoch wütet und rebelliert. Doch das ist nicht das, was man vordergründig sieht. Was man sieht, ist: Ein Mann, einen Nachbarn, ein Freund oder auch sich selbst. Darin liegt die ganze Kraft dieses Films. Hayley Squires (A Royal Night – Ein königliches Vergnügen, Blood Cells, Southcliffe) als strauchelnde Mutter zeigt, wie es ist, wenn man sich schon länger in diesem System befindet, der nagende Zweifel dem Wüten Platz gemacht hat und Träume nur noch wie Phrasen im Verstand kollabieren. Sie verleiht dem Konflikt seine Dringlichkeit und Tiefe. Ich, Daniel Blake setzt sich somit mit den psychischen Mechanismen des gesellschaftlichen Abstiegs auseinander, die sich in einem kranken System entfalten. Das rührt unheilvoll in der Magengrube und diese instinktive Wucht dürfte maßgeblich für den Erfolg des Films verantwortlich sein. 

…und die Paralyse des Widerstands

Selbstachtung bewahren, kämpfen und niemals aufgeben. Doch wofür eigentlich? Und wie bleibt man noch Mensch? Was der Film hier zeigt ist das Absurde eines bestehenden Systems. Eine Gesellschaft, die die Definition über den Erwerb weitestgehend vorgibt und nach dem Entzug dieser wenig Alternativen bietet, um den Menschen, nicht den Arbeitslosen, aufzufangen. Es müssen Reserven angebrochen werden, die nicht wieder aufgefüllt werden können, sei es finanziell, zwischenmenschlich oder emotional. Das ist bestehende Realität, und Ich, Daniel Blake zeigt innerhalb dieser positive sowie bedenkliche Strukturen auf. Wie Menschen sich solidarisieren und gegenseitig stützen, aber auch wie sie sich nachvollziehbar kriminalisieren und prostituieren, um zu überleben. Das gerät nicht immer ganz einleuchtend und ist der Thematik manchmal zu untertänig, bleibt aber überzeugend – vor allem emotional. Wer nicht mitkommt, geht eben unter. An den Emotionen des Zuschauers ist letztlich auch abzulesen, wie viel Energie und Ausdauer jemand investieren muss, um sich nicht dieser Wirkung zu ergeben.

Taschentücher nicht vergessen! Ich, Daniel Blake ist ab dem 24.11.2016 im Kino zu sehen

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6 Gedanken zu “Ich, Daniel Blake (2016) von Ken Loach oder Ich und die Hilflosigkeit

    • Wenn meine Quelle stimmt. Ich bin gespannt. Zwei davon werde ich noch sehen. The Handmaiden und Elle auf jeden Fall. Wahrscheinlich wird das meine Meinung eher erhärten, Daniel Blake ist sehr gut, aber nicht überragend. Toni Erdmann und The Neon Demon fand ich besser.

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