Arrival (2016) von Denis Villeneuve – Abbott und Costello auf Safari

Bravo!

Die Ankunft

Die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) wird vom Militär kontaktiert, als zwölf nicht identifizierte Flugobjekte auf der Erde landen, eines davon in Montana.  Aufgrund ihrer Sicherheitsfreigabe darf sie auch in Kontakt mit den Ankömmlingen treten. Physiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) wird dazugeholt, um die Beschaffenheit des Flugobjekts und dessen Inneres zu untersuchen. Beide werden von US-Colonel Weber (Forest Whitaker) in ihre neue Aufgabe eingewiesen. Oberste Priorität: Herausfinden, was die Fremden auf der Erde wollen. Sämtliche Kommunikationsversuche schlugen bisher fehl, obwohl die betroffenen Nationen eng miteinander kommunizieren. Auf den Straßen herrscht die blanke Panik, Plünderer sind auf dem Vormarsch und der Druck auf die Regierung nimmt zu. Davon unbeeindruckt, sucht Louise mit Hilfe von Ian einen Weg zur Kommunikation, welcher sich jedoch zeitaufwendig und trickreich gestaltet. Nur alle 18 Stunden kann sie mit ihrem Kollegen die „Muschel“ betreten, um die logographischen Zeichen der „Heptapoden“ (Siebenfüßler) zu entschlüsseln, die sie liebevoll Abbott und Costello nennen. Außerdem wird sie zunehmend von Erinnerungen ihrer Tochter verfolgt. Die Angst vor einer Invasion wächst indes und der Druck auf die Regierung, etwas zu unternehmen, nimmt zu.

by Sony Pictures Entertainment

Story of Your Life

So der Titel der Vorlage vom Science-Fiction-Autor Ted Chiang (Dacey’s Patent Automatic Nanny, The Truth of Fact, the Truth of Feeling, The Great Silence). Der studierte Informatiker ist international kein Unbekannter, konnte bereits zahlreiche Preise für sich verbuchen und ist einer der bedeutensten Science-Fiction-Autoren dieser Zeit. In seiner Kurzgeschichte Story of Your Life aus dem Jahr 1998 (dtsch: Geschichte deines Lebens, 2012; enthalten in Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes von Ted Chiang) ist die Handlung von Arrival – mit Abweichungen- zugrundegelegt. So wird im Film zum Beispiel nicht deutlich, wo genau die Heptapoden sich befinden. Im Buch bedeutet die Scheibe, die sie von den Wissenschaftlern trennt, eine Repräsentation, eine Art Spiegel, der simultan in viele Muscheln „überträgt“ und somit Abbilder der Neuankömmlinge darstellt. Gemeinsam ist ihnen hingegen ihre eigentümliche Wahrnehmung.

Eine Herzensangelegenheit

Drehbuchautor Eric Heisserer (Lights Out, The Thing, A Nightmare on Elm Street) nahm sich des Stoffes an und wartete zehn Jahre lang auf seine Veröffentlichung. Eine Herzensangelegenheit. Er wollte das Publikum fühlen lassen, was er gefühlt hat, als er das erste Mal Chiangs Kurzgeschichte las und nennt es ein „intimes Werk“. Die Zusammenarbeit mit Denis Villeneuve (Prisoners, Enemy, Sicario) bezeichnete er hingegen als „gut geölte Maschine“, weil diese zum Ziel hatte, „den gleichen Film zu machen“, was ihn an der Zusammenarbeit sichtlich begeisterte.

„I can’t say the number of times I was told, ‚We’ll make this if you change it to a big action-invasion film where a human punches an alien at the end.'“

Eric Heisserer über die Reaktionen auf sein Skript

Über den Weg, den sein Drehbuch nahm und über die Schwierigkeiten, die er überwinden musste, schrieb er einen eigenen Artikel, der mehr als nur nice to know ist. Daraus wird deutlich, dass ein guter Film nur aus einer guten Zusammenarbeit heraus entstehen kann. Der gesamte Prozess ist nicht nur beachtlich, sondern kann auch als Lehrstück für den metaphorischen Ton im Film verstanden werden.

Übersetzung des Fremden

Villeneuve überträgt Heisseres Skript mit stark visuellem Fokus. Wie ein wolkenverhangener Regentag ergießt sich alles in Grau und ebenbürtiger Trostlosigkeit – beinahe nebensächlich erwachsen daraus die gigantischen anthrazitfarbenen Objekte, als wollten sie sagen „Wir sind“. Und während der Zuschauer den schweren Nebelschwaden nachhängt, bereitet Jóhann Jóhannsson (Die Entdeckung der Unendlichkeit, Um jeden Preis, Sicario) ihnen mit seinem Sound einen schwer abzuwehrenden Aufschlag. Jóhannssons Musik ist eine gewaltige und dröhnende Form der Kommunikation mit dem Zuschauer. Bizarr, elegisch bis launisch und in sich fremdartig.



Amy Adams (Her, Big Eyes, Batman v Superman: Dawn of Justice) als Louise ist der sich festbeißende Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Stetig fordert Louise ihr Recht des Weiterforschens ein, behält dabei aber ausreichend Abstand, der gleichermaßen als Respekt und Ehrfurcht verstanden werden kann. Sie steht im Dienst der Sache, nicht Höherem – indifferent aber halsstarrig, während ihr Kollege Ian Donnelly, gespielt von  Jeremy Renner (Avengers: Age of Ultron, Mission: Impossible – Rogue Nation, The First Avenger: Civil War) mehr als wissenschaftlicher Sidekick verstanden werden kann, der aber dennoch eine tragende Rolle spielt. In weiteren Rollen sind Forest Whitaker (Zulu, 96 Hours – Taken 3, Southpaw) und Michael Stuhlbarg (Bauernopfer – Spiel der Könige, Steve Jobs, Trumbo) zu sehen. Für die Bildbearbeitung ist Bradford Young (Selma, A Most Violent Year, Bauernopfer – Spiel der Könige) verantwortlich, der einen subtilen, fast schon poetischen Ausdruck in das Widernatürliche einbringt. Visuell sowie akustisch weiß man in in Arrival immer, wo man gerade steht. Die Alienation – die Begegnung oder Erfahrung mit dem Fremden – wirkt empfindlich körperlich.

Der sprachliche Code

Die Idee des Whorfianism oder die Die Sapir-Whorf-Hypothese geht davon aus, dass die uns eigene Sprache unser Denken und sogar unsere Weltanschaung bestimmt. Vertritt man diese These radikal, könnte man anderssprachige Texte  nur schwer oder gar nicht übersetzen. Abwegig ist das nicht, denkt man zum Beispiel daran, dass Lyrik eigentlich nicht übersetzbar ist, denn der sprachliche Code steht auch für Gefühle und Erfahrungen der Verfasser sowie dessen Kultur. Je abstrakter die Begriffe – umso schwieriger. Aber auch die Vorstellung, es gäbe in unserem sprachlichen Set mehr positive Ausdrücke als negative, ist reizvoll. So lassen sich unzählige Beispiele aufzählen; das macht zwischenmenschliche Kommunikation letztlich auch so schwierig – ja stolpernd – und auch deshalb kennt man Kommunikation über Kommunikation. Sprachliche Mittel sind begrenzt und je weniger Vokabular man kennt, umso schwieriger ist es – Missverständnisse inbegriffen. In Arrival ist das ähnlich. Nachvollziehbar wird hier vermittelt, wie Sprache funktioniert und wie mit ihr auch Beziehungen verwurzeln. Angefangen bei der Vorstellung der eigenen Person, über einfache Verben, die Körperlichkeit repräsentieren, bis hin zu emotionalen Ausdrücken, wie Mitgefühl. Sprache ist hier Beziehung. Keine Sprache aber auch.

Die Anderen

Wie geht man aber damit um, wenn man sich keiner Sprache bedienen kann? Sichtbar wird das in Louises Gesichtsausdrücken, die das Fremdartige nicht verleugnen oder überspielen. Sie zeigt Angst, weil sie nicht versteht und bleibt zu Beginn zweifelnd, skeptisch, weist aber auch eine menschliche Neugier sowie Interesse auf. Der Grad an erlebter Fremdheit ist dabei maximal. Auch die Bewohner der Erde haben Angst, fühlen sich in ihrer Spezies, in ihrem Sein bedroht. Arrival versteht sich hier mehr als Bemerkung, denn als Ausleuchtung dieser Bedrohung und spürt innerhalb dieses Szenarios ein Stück Menschlichkeit auf, das sich über den freien Willen definiert, sich selbst zu bejahen. Das macht Arrival zu einem sanftmütigen und zutiefst humanistischen Film, der Achtung und Respekt in den Gegenwind hält und Selbstverwirklichung anstrebt, die über ein erschlossenes Potenzial hinausgeht. Kommunikation ist nicht nur dazu da, um andere zu verstehen, sondern auch, um uns selbst zu begreifen. 

Ein zärtliches Spektakel. Arrival ist seit dem 24.11.2016 im Kino zu feiern.

Für alle, die noch nicht genug haben:

by Flicks And The City

 

Regie: Denis Villeneuve

Drehbuch: Eric Heisserer – basierend auf der Geschichte „Story of Life“ von Ted Chiang

Kamera: Bradford Young („Selma“, „A Most Violent Year“)

Produzenten: Shawn Levy, Dan Levine, Aaron Ryder, David Linde

Executive Producers: Stan Wlodkowski/ Eric Heisserer, Dan Cohen/ Karen Lunder, Tory Metzger/ Milan Popelka

Komponist: Jóhann Jóhannsson

Cast: Amy Adams, Jeremy Renner, Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg

Quellen: http://nofilmschool.com/2016/11/arrival-screenwriter-eric-heisserer / http://thetalkhouse.com/how-i-wrote-arrival/

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24 Gedanken zu “Arrival (2016) von Denis Villeneuve – Abbott und Costello auf Safari

  1. Bin gerade etwas verlegen, weil mir irgendwie gar nicht bewusst war, in welcher Ausführlichkeit du so tolle Texte schreibst! Grandios.

    Und zum Film: Kam gerade mit feuchten Äuglein aus dem Kino geschwebt und kann noch gar nichts sagen außer „Wow“. Einfach nur „wow“! Ich merke dieser Tage echt geballt, wie sehr wir (ich) positive Sci-Fi brauche(n). Der wirkte, trotz der unendlichen Tragik der letzten Minuten, regelrecht belebend 🙂

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    • Jetzt hör aber auf^^ Ich habe ehrlich noch überlegt, dir zu schreiben, weil ich geahnt habe, dass du genauso begeistert sein würdest, fand es dann aber doch zu… weiß auch nicht. Zumal du ja jetzt eh drin warst. ich husch gleich mal rüber und gucke, ob es schon etwas zu lesen gibt 🙂 Belebend ist treffend. Soviel Menschlichkeit verträgt man eigentlich gar nicht mehr. Ich habe gezittert vor Aufregung und auch die ein oder andere Träne vor Verzückung vergossen.

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      • Also ich finde, das wäre nicht zu „weiß auch nicht“ gewesen. Mach mal ruhig beim nächsten Mal 🙂

        Zu lesen gibt es bei mir allerdings noch nichts, weil ich aufgrund eines unfassbar vollen Freitags irgendwie noch gar keine Zeit hatte, die Nachwirkungen zu genießen und über den Film zu sinnieren. Nächste Woche wollen wir wahrscheinlich zum Film podcasten.

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          • Krass, ich kann Podcasts viel besser im Tagesablauf unterbringen, weil sie eben auch gut in Totzeiten nebenbei funktionieren. Wenn ich hingegen lese, dann kann ich auch wirklich nur lesen.

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            • OK, wenn man es so sieht, stimmt es schon.
              Habe letztens versucht Podcast zu hören, während ich aufgeräumt habe und nur die Hälfte mitbekommen. Ist wahrscheinlich wie mit der Musik. Während der eine es als Hintergrundgeräusch laufen lassen kann, muss der andere auf Text oder Melodie achten.Du kannst vielleicht mehr Aufmerksamkeit darauf legen als ich. Ich drifte sehr schnell ab.

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  2. Ich dachte, dass „Bravo“ am Anfang wäre die komplette Kritik… und das hätte auch schon gut gepasst 😉

    Aber ja, ein toller Film. Ein äußerst interessantes Konzept, ein guter Villeneuve. So sieht doch mal richtiges gutes Kino aus.

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  3. Deine Begeisterung für den Film kommt hier gar nicht so sehr zum Ausdruck.
    Danke für die interessanten Hintergrundinfos. Stehe kurz davor, mir das Kurzgeschichtensammelsurium zu bestellen.

    Ich kann dir nachfühlen bei den Nebensitzern. Das ist eine gute Idee, wobei ich zeitlich seit vielen Wochen an einem anderen Projekt für meine Seite scheitere. Ich behalte es auf jeden Fall im Hinterkopf und wenn ich mir Zeit nehme, dann verfasse ich was. Sollte es dazu kommen, darfst du das gerne verwenden. Versprechen kann ich leider nix.
    Muss jetzt erstmal schauen, dass ich das Filmquiz gewinne 😉

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