Der Nachtmahr (2015) von AKIZ – Das Viech der Jugend

So ähnlich müsste wohl das schriftliche Gegenstück zu Der Nachtmahr eingeleitet werden:

WarnungDer folgende Text enthält Argumentation, die in Einzelfällen undifferenziert ausfallen, und zu verstörenden Eindrücken führen kann. WarnungDieser Text enthält außerdem isotonen Wahnsinn und multifokale Entgleisungen. Wie auch immer… …dieser Text sollte laut gehört-pardon-gelesen werden! 

Während ich mit Wahnsinn nur in Maßen dienen kann, möchte dieser Film von Anfang an mehr. 

Ist der Ruf erst ruiniert

Die sechzehnjährige Tina (Carolyn Genzkow) ist mit ihren Freundinnen auf dem Weg zu einer nächtlichen Techno-Party, als sie sich plötzlich unwohl fühlt und ohnmächtig wird. In der Folge wird sie von Halluzinationen oder Albträumen geplagt, die sich um ein nicht menschliches Wesen drehen. Dies veranlasst ihre Eltern (Julika Jenkins, Arnd Klawitter) dazu, einen Psychiater (Alexander Scheer) aufzusuchen, der Tina rät, sich ihren Ängsten zu stellen. Der Nachtmahr, ein Hybrid aus Embryo und Greis, den nur sie sehen kann, scheint mit ihr in Verbindung zu stehen. Mit Hilfe des Psychiaters stellt sich sich ihren Ängsten und geht auf das Wesen zu, doch geht es ihr dadurch nur zunehmend schlechter. Freunde wenden sich von ihr ab, ihre Eltern nehmen sie nicht mehr ernst und schließlich wird sie zur psychisch labilen Jugendlichen degradiert. Auch ihr Freund Adam (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) macht sich Sorgen. Dennoch verwandelt sich Tinas anfängliche Abscheu gegenüber dem Wesen zu Neugier und aus Neugier wird schließlich Annäherung. 

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Bankrott, verzweifelt und belächelt

Der Nachtmahr kann auf einen langen Entstehungsprozess zurückblicken und ist mit 13 Jahren Entwicklung mindestens gut gereift. Auf über 50 internationalen Filmfestivals trat er als kleine Sensation auf den Plan und der Hintergrund seiner Entstehung ist dabei genauso Gesprächsgegenstand wie sein Inhalt. Im Wohnwagen und sogar im LKW übernachtete Achim Bornhak (Künstlername AKIZ) ganz zum Schluss. Anfänglich war das Ziel war nicht etwa ein Film, sondern die Fertigung einer statischen Skulptur aus Steinguss. Der Erschaffung des Nachtmahrs ging somit ein langer Lernprozess voraus, da er sich verschiedene Verarbeitungsprozesse (Gipsabgüsse, Oberflächenbehandlung) aneignen musste. Das Leben von Bornhak und seiner Familie drehte sich in der Folge jahrelang um dessen Verbissenheit, der man auch obsessive Züge unterstellen kann. 

Um die Skulptur entspann sich dann schließlich langsam eine Geschichte wie aus einem Tagebuch, dessen Aufzeichnungen verschiedene Teile wiedergegeben haben, sortiert werden mussten und auch nach Jahren, auf den Autor selbst fremdartig wirkten. Daraus wurde schließlich das Drehbuch von Der Nachtmahr. Ein Drehbuch, das Produzenten wie Verleiher kalt ließ. Zu unkonventionell, zu gewagt und für den Zuschauer nicht geeignet. Auch Drehproben brachten lange keinen Erfolg und drohten das Projekt zum Scheitern zu bringen. Dabei konnte Achim Bornhak (Das wilde Leben, Painting Reality [Kurzfilm], Frühling für Anfänger [TV]) bereits nennenswerte Erfolge aufweisen, waren zwei seiner Kurzfilme immerhin für die Student Academy Awards nominiert, Das Wilde Leben,  ein Film über Uschi Obermaier, für den Deutschen Filmpreis.

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer

Fügung, Segen, höhere Macht. Egal. Es sollte anders kommen (Ich halte es ja meist mit Karma, es sei denn, es ist gegen mich). Freunde halfen aus und er sollte letztlich doch noch für seine Beharrlichkeit belohnt werden, als er Amir Hamz und Simon Rühlemann kennenlernt – gemeinsam mit Christian Springer und ihm selbst – die zukünftigen Produzenten des Films. Amir Hamz beschreibt seine Person als naiv, weil er nicht in funktionierenden Kategorien denkt und sich frei von gängigen Konventionen macht – also genau das, was Achim Bornhak solange suchte. Daraufhin konnte das Projekt schließlich mit einem Budget von unter 100.000 Euro realisiert werden. Viele Beteiligte arbeiteten dabei ohne Gage oder steuerten umsonst technisches Equipment bei. Nicht mehr allein dastehend und mit neu genährter Hoffnung konnte Achim Bornhak so doch noch seinen Traum verwirklichen. Die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben.

Es geht in diesem kurzen entstehungsgeschichtlichen Ausflug nicht unbedingt um Der Nachtmahr, aber er dient mir hier als gutes Beispiel. Ich möchte lediglich anmerken, wie schwer es unkonventionellen Filmen – zum Teil Herzensprojekten – gemacht wird, verlassen diese die Bewegungsfreiheit des Studiums, welches künstlerische Freiheit nicht nur zulässt, sondern auch fördert. Und das ganz allein, aus einem in der Luft gebauten Wissen, was der Zuschauer möchte und verarbeiten kann. Denn um inhaltliche Qualität, erst einmal völlig dahingestellt, ob ein Film diese auch aufweist, scheint es bei der Auswahl nicht zu gehen. Es verwundert nicht, dass das Kino zunehmend in eine Krise schlittert, wenn anspruchsvolle oder zumindest mutige Projekte vermeintlich konformer Schleuderware Platz machen müssen, die uns nach all der Hektik des Alltags in den Schlaf wiegen soll. Gut, dass diese Diskussion mit Der Nachtmahr neuen Aufwind bekam und hoffentlich weiter bekommen wird. 

„Narcotic-Mindfuck-Melodram“

Der Nachtmahr ist der erste Teil des Film-Triptychon Geburt-Liebe-Tod, der auf der Viennale 2015 präsentiert wurde. Achim Bornhak orientiert sich dabei an großen Denkern, wie Freud, Jung, Goethe oder William Blake. Als filmische Leitbilder sind unverkennbar Spielberg und Lynch zu nennen und seinen filmischen Ursprung sieht er in den expressionistischen Filmen der 20er Jahre. Das Endprodukt einem Genre zuzuordnen, fällt in der Folge schwer. Er selbst schlug „Narcotic-Mindfuck-Melodram“ vor, welches gerade musikalisch passend kategorisiert ist. Fühlt man sich am Anfang noch von den brachialen Sounds weggedrückt, verfällt man irgendwann in einen leeren Zustand, der von der krampfartigen Musik bewegt und angetrieben wird. Besinnungslos und doch irgendwie angetrieben. Sonic Youth-Frontfrau Kim Gordon hat, zusätzlich zum Soundtrack, den Song zum Abspann beigesteuert, außerdem wurde für sie extra eine Rolle als Tinas Englisch-Lehrerin in das Skript geschrieben. Die musikalische Oberhand hatten Steffen Kahles und Christoph Blaser, bestimmt wird das musikalische Bild von Acts wie Boys Noize oder Oblast.

by BOYS NOIZE

Visuell macht Der Nachtmahr auch einiges her. So wurde weitestgehend auf künstliches Licht verzichtet und unter Available-Light-Bedingungen gedreht (Clemens Baumeister). Dadurch verliert der Film an Oberfläche und blickt tiefer in sein Geschehen. Die Bildsprache ist der Wahrnehmung von Tina untergeordnet und weiß diese zu transportieren. Kopflos gleitet man durch ihre Psyche und kann sich erst in der Gegenwart des Geschöpfes wieder einigermaßen sammeln. Carolyn Genzkow (Zivilcourage, Keine Angst) als Tina führt souverän durch ihr psychologisches Portrait, das Familien wie Freundschaften aufrüttelt und die Jugend als Anstifter sieht. Psychologisch frei kann sich hingegen ihr Kollege Wilson Gonzalez Ochsenknecht machen, der sich zu allem Überfluss auch noch das Bein während der Dreharbeiten brach. Dessen physische Präsenz passte sich damit auch der schauspielerischen an. Die stärkste Szene hat Ochsenknecht als er Auszüge eines Gedichts von William Blake röhrend ins Mikro transportiert, während Elektrosounds die Szenerie thematisch entgrenzen und den Zuschauer zwischen Wirklichkeit und Traumzustand positionieren.

Durch die Nacht mit…

The Wild Swiss, wie Johann Heinrich Füssli auch genannt wurde. Von ihm stammt das Gemälde „Nachtmahr“ in mehreren Versionen, welches nicht nur namentlich Einfluss auf den Film nimmt. Auf dem Bild sieht man eine Frau, die sich völlig expositioniert, während sie schläft. Auf ihrem Bauch sitzt der Nachtmahr, der den Betrachter des Bildes warnend anblickt, während ein Pferd im Hintergrund mit wahnsinnigen Augen durch den Vorhang guckt. Wirklichkeit und Phantasie verschwimmen, der Traum blinzelt in die Realität und voyeuristisch, mit lüsternem Blick trägt er die Szenerie auf eine Bühne. So behält der Betrachter beim Ansehen noch die Kontrolle, weiß aber ganz genau, dass er in der Nacht selbst zum Opfer wird.

Im Film ist das ganz ähnlich. Die Frische der jugendlichen Freiheit, gepaart mit substanziell bedrohlichen Ängsten, die hier und da in das Bewusstsein schwappen. Dies wird von dem Gefühl begleitet, etwas Bekanntes zu erleben, das trotzdem ambivalent erscheint. Diese Kraft zieht man weniger aus den Figuren als vielmehr aus der Zwanglosigkeit, die dort stellenweise demonstriert wird. Das Ungezwungene ist oft mit diesen Ängsten und einer nicht zu benennenden Gefahr konfrontiert. Diese mag sich aus Bloßstellung, Kontrollverlust oder emotionaler Instabilität zusammensetzen, ist letztlich doch zu persönlich, um sie zu einzuordnen. Die von Lust und Unlust geprägte Blütezeit, wenn man so will, trägt keine Maske, die kategorisierbar ist. Man ist sich selbst ausgeliefert. Die genormte Peitsche, um Ordnung zu demonstrieren, wird dabei von den Erwachsenen geschwungen.

Eraserhead light 

Auch Tina präsentiert sich zu Beginn des Films unbefangen, liefert sich aus und wird schließlich ohnmächtig. Bornhak selbst hatte epileptische Anfälle bis zu seinem 25. Lebensjahr und kann sich gut in diese entblößende Ohnmacht hineinversetzen, die Tina im Verlauf entwickelt. Unverkennbar spielt Der Nachtmahr so mit dem Übergang in das Erwachsenenalter – mit dem Viech der Pubertät. Stets wird der Wandel genarrt, wie auch in der Jugend selbst, wo die feststehende Meinung gleich am nächsten Tag einer neuen weicht. Das fügt sich in den aufkommenden Trend ein, Horror mit Coming of Age zu verbinden, wie z.B. bei It Follows.

Es ist nicht ganz gerechtfertigt Vorlagen oder Referenzen heranzuziehen, denn hier ist ein hervorragender Beobachter am Werk, der es vermag, diese ambivalenten Gefühle ganz individuell zu übersetzen. Deren Wahrnehmung setzen einen aktiven Umgang mit dem Material voraus. Es gibt Filme, bei denen das einfacher ist und manch ein zu hölzern geratener Dialog macht einem zusätzliche Arbeit, sich hineinzufinden. Dem aufgeweckten und interessierten Zuschauer kann man diesen Ausflug in die Jugend aber sehr wohl zutrauen. Der Nachtmahr, genau wie sein erwähltes Publikum, lechzt förmlich nach mutigeren Ansätzen, sodass man sich nicht wundern muss, wenn ein Dagegenhalten zum Hype mutiert. Inwieweit dieser gerechtfertigt ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich jedenfalls bin großer Fan und freue mich auf die thematische Fortsetzung.

Ein laut vorgetragenes Kleinod. Der Nachtmahr ist auf DVD, Blu-ray und Digital sowie als Mediabook käuflich zu erwerben. Das Mediabook wartet außerdem mit der Dokumentation Der Nachtmahr – und wie er in die Welt kam und mit Kurzfilmen von Regisseur Akiz sowie einem wunderschönen Booklet von Dr. Marcus Stiglegger auf

 

 

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17 Gedanken zu “Der Nachtmahr (2015) von AKIZ – Das Viech der Jugend

  1. „Eraserhead light“ trifft es ganz gut, da der Film von einer abstrakten Entfesselung oder Sprunghaftigkeit à la Lynch durch seine weitgehend greifbare Handlung und die psychologische Erdung durch die Figuren (so erklären sich auch einige vermeintlich rätselhaften Symbole) doch entfernt liegt. Für das subventionsgezähmte deutsches Kino trotzdem ein kleiner, vollkommen gerechtfertigter Schlag in die Fresse. Alleine das Bildflackern setzt international Referenzen in seiner Intensität – formale Maßstäbe von einem deutschen Film! Zusammen mit der One-Take-Ästhetik von „Victoria“ kann man auf dieser Ebene endlich mal verspielt-radikale Formkunst ohne akademischen Mief beobachten. Mehr davon!

    Dein Artikel ist übrigens wunderbar recherchiert und bringt neben der mittlerweile altbekannten Produktionsgeschichte viele interessante Facts auf den Tisch. Bzw.: WTF, Kim Gordon spielt die Englischlehrerin und hat am Soundtrack mitgeschrieben? Ich glaube, ich muss den Film nochmal gucken…

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  2. Was für eine wunderbare Rezension, die diesem außergewöhnlichen Film absolut gerecht wird. „Der Nachtmahr“ ist auch einer meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre. Mutiges, eigenwilliges Kino, wie man es leider viel zu selten auf der Leinwand sieht.

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  3. Klingt nach einem sehr kunstvollen Film, wobei mich der Trailer nicht anspricht. Neugierig bin ich allerdings – mal schauen.
    Geburt – Liebe – Tod.. der Trailer passt ganz gut zum ersten Glied der Kette. 😉

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  4. Sehr schöne Einleitung. Tut gut einen Text zu einem Film zu finden, den ich schon gesehen habe und deswegen nicht von meinem Vorsatz gedeckt ist.
    Auch wenn ich nicht ganz so begeistert war, obwohl ich mich durchaus als „aufgeweckten und interessierten Zuschauer“ zähle.

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