Die Taschendiebin (2016) von Chan-wook Park zieht euch die (Hand-)schuhe aus

Vörreed: Das ist mir auch noch nie im Kino passiert. Im Zuge meines neulich gefassten Neujahrsvorsatzes habe ich im Vorfeld nicht viel über den Film gelesen. Da sitze ich nun in meinem Kinosessel und lasse mich von der malerischen Handlung der Taschendiebin einfangen, als sich plötzlich die Gewissheit einstellt, das alles schon mal gesehen zu haben.

Döntjes: Bis auf ein weiter entferntes, anfängliches Gespräch, war es dieses Mal angenehm leise im Saal. Spätestens aber, als Sookee durch das Tor zum Anwesen fuhr, wurde es mucksmäuschenstill in der Vorstellung. Gut! So konnte man das just arrangierte Live-Konzert im Foyer besser hören… Da von den Verantwortlichen auch niemand vor Ort war und man es weder am Musizierenden, noch am Personal auslassen wollte, musste man da wohl oder übel durch. Schade um das Konzert, schade um den Film. Fazit: Asiatischer Lifestyle in Verbindung mit Folkmusik ist durchaus kritisch zu betrachten.

Der Plan

Korea, 1930er Jahre: Die Taschendiebin (OT: Agassi), das ist Sookee (Kim Tae-Ri), die von dem Kleinkriminellen Graf Fujiwara (Ha Jung-Woo) in einen hinterhältigen Plan verwickelt wird. Sie soll sich bei der schönen und zerbrechlichen Lady Hideko (Kim Min-Hee) als Dienstmädchen einschleichen und ihr den Grafen schmackhaft machen. Der will sie verführen, heiraten und in ein Irrenhaus einweisen lassen, um an ihr Geld zu kommen. Sookee, die in ärmlichen Verhältnissen bei einer Adoptivfamilie aufwächst, willigt ein. Auf dem abgelegenen und prächtigen Anwesen angekommen, lernt sie auch sofort Lady Hidekos Onkel Kouzuki (Cho Jin-Woong) kennen.  Der herrische Kouzuki ist leidenschaftlicher Sammler von seltenen erotischen Büchern und lädt die feinen Herren der Gesellschaft zu sich ein, um diese zu verkaufen. Hideko wird gezwungen aus diesen Büchern anzügliche Details vorzulesen, um deren Preis zu steigern. Graf Fujiwara befindet sich ebenfalls unter den Zuhörern und macht der Lady wie geplant Avancen. Zuerst bleibt Sookee auch ganz bei dem gemeinsam ausgeklügelten Plan, doch je mehr sie in die Welt von Hideko eintaucht, umso mehr begehrt sie die zarte Freundin. Sookee ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Zuneigung und der ersehnten Freiheit, die ihr im Falle des Gelingens zuteil wird. Auch der Graf bemerkt ihre Zurückhaltung und Sookee muss sich entscheiden.

by KochMediaFilmDE

Da war doch was…

Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook (Lady Vengeance, Oldboy, Stoker) bringt Sarah Waters preisgekrönten Roman Fingersmith (dtsch.: Solange du lügst) auf die große Leinwand. Bereits im Vorfeld wurde ihr Roman in einer BBC-Miniserie verfilmt: Fingersmith (2005) von Aisling Walsh spielt im viktorianischen Zeitalter (19. Jahrhundert) und ist mit der wunderbaren  Sally Hawkins ( X+Y, Paddington, Godzilla) sowie Elaine Cassid (The Program – Um jeden Preis, The Loft, Die Zeit, die uns noch bleibt) besetzt (Hier erklärt sich auch mein Wiedererkennen im Kino). Diese Adaption sei jedem ans Herz gelegt.

Park transferiert diese Handlung in das japanisch annektierte Korea der 30er Jahre. Der Rahmen ist ähnlich, insgesamt hat er aber eine ordentliche Schippe draufgelegt. Das Drama mit den Thriller-Elementen kommt düster und verzweigt sich in die Persönlichkeitsstrukturen seiner Figuren: Hinterhältig, machtgierig und durchtrieben, aber auch zärtlich, scheu und liebend. Park, der der lebende Beweis dafür ist, dass Filmkritiker doch etwas vom Filmemachen verstehen, ergießt sich in seinen bildgewaltigen Visionen und lässt uns an Ausschnitten daran teilhaben. Musikalisch ergänzt sich das sehr schön, allein das Hauptthema gibt die Stimmung des Films perfekt wieder.

Die Taschendiebin hatte bereits letztes Jahr auf dem Cannes Festival 2016 Premiere , durfte aber, im Gegensatz zu Ken Loachs Ich, Daniel Blake, leider keine Palme mit nach Hause nehmen. Beide Filme loten die Identitäten ihrer Protagonisten aus. Park Chan-wook ist dabei jedoch spielerischer am Werk. Auch, wenn Ich, Daniel Blake ein guter und wichtiger Film ist, hätte ich es der Taschendiebin mehr gegönnt.

Breitspurige Kunst

Man muss sich nur kurz auf dem Bildmaterial ausruhen, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie unglaublich schön Die Taschendiebin ist. Die Farben sind zwischen strenger Realität und sanftem Märchen angeordnet. Zusätzlich gibt es wahnwitzige Kameraschwenks und Kamerafahrten, die nicht nur Film-Ästheten beglücken dürften. Park Chan-wook wollte ursprünglich in 3D drehen und behalf sich stattdessen mit bildsprachlichen Kniffen (nicht auszumalen, was dieser Mann in 3D anstellt).

Schnitte und Sound bewegen sich auf hohem Niveau und auch bei der Innenausstattung wurde mit Liebe zum Detail gearbeitet. Das Team um Kameramann Chung Chung-Hoon arbeitete mit einem alten anamorphotischen Objektiv, wofür Szenenbilder extra breit gemacht wurden. Das sorgt für eine Vereinzelung der Figuren, um die sich herrschaftliche Räume spannen und diese klein und entfernt scheinen lassen. Das Anwesen verknüpft dabei westliche und japanische Elemente – so bewegen sich die Figuren zwischen zwei Welten – ziehen in einem Moment ihre Schuhe aus und im nächsten wieder an. Die Räumlichkeiten sprechen eine eigene Sprache, zeigen Schwächen ihrer Bewohner auf und symbolisieren deren Zwiespalt.

Kontrastreich ist nicht nur das Bild, sondern auch die im Zentrum stehenden Figuren. In den Perspektivwechseln gewinnt der Zuschauer. Die einzelnen Blickwinkel sind – sowohl inszenatorisch, als auch rein visuell – so gekonnt in Szene gesetzt, dass man das Gefühl hat direkt neben oder zwischen den Figuren zu stehen. Park lässt es sich nicht nehmen, den Zuschauer als Voyeur mit ins Boot zu holen. Schön kann man das am Humor festmachen. Groteske Ausbrüche sieht man hier nicht, sondern vielmehr amüsante Einblicke, die Mitwisser zu einem diabolischen Grinsen einladen. Insgesamt erfährt man hier ein eigenartiges sowie intensives Erlebnis, das sich in der vielbeachteten und ungezügelten Sexszene explosionsartig entlädt, in der Sookhee auch ganz direkt mit dem Zuschauer auf Tuchfühlung geht.

Beachtlich, wenn man bedenkt, dass dies Kim Tae-Ris erste Rolle in einem Spielfilm ist. 1500 Schauspieler hat Park für Die Taschendiebin gecastet. Ein frisches Gesicht sollte her, welches er  in der 26-jährigen Journalismus-Absolventin fand. Ihre Partnerin Kim Min-Hee (Helpless; Right Now, Wrong Then) ist hingegen kein unbeschriebenes Blatt. Lady Hideko ist pragmatisch und naiv angelegt, welches Min-Hee bravourös widerspiegelt. Kim fügt ihrer Figur weitere Eigenschaften hinzu, die sich je nach Betrachtung offenbaren und eine äußerst spannende Figur zum Leben erwecken. Park sagt von sich selbst, dass er Schauspielern nicht so viel Raum gibt und eher auf solche abzielt, die in kleinen Spielräumen Großes zeigen. Die beiden Männer erhalten der Handlung gemäß nicht ganz so viel Bewegungsfreiheit, ergänzen die Präsenz der Damen aber in diesem Sinne. Besonders Hidekos schwarzzüngiger Onkel Kouzuki als getriebenes, seinen Gelüsten erlegenes Subjekt, erregt Aufsehen. Die Szenen mit seiner Nichte sind durch dessen inzestuöse Ambitionen überschattet. Kouzuki steht ganz oben in der Nahrungskette und betrachtet sich als ungefährdet, während er seine Schwäche offen genießt. Der politische Subtext, wenn man denn einen sehen möchte, wird vor allem in diesen beiden Figuren offenbar.

Eine sinnliche Erfahrung

Spannend an Der Taschendiebin ist vor allem Sarah Waters raffinierte und vielschichtige Erzählung, die in das Drehbuch (Chung Seokyung, Park Chan-wook) eingeflossen ist. Park leuchtet die Verhältnisse der beiden Frauen darin grandios aus und schwelgt in ihren intimen Begegnungen. Die Rückblenden hätten weniger verschwenderisch ausfallen können, aber das in der Gegenwart stattfindende Spiel aus Maskerade und Täuschung ist thematisch erschöpfend – und zwar in doppelter Hinsicht: Auf allen Ebenen sieht man pures, anregend sinnliches Kino. Sookee ist eine erfahrbare Figur und auch Lady Hideko lässt sich tiefer in die Karten gucken. 

In Parks Bildern der Annäherung wird das Verbot der Berührung sexuell befreit und eine begehrende Identität freigelegt. Das fühlt sich anmaßend an, entdeckt aber nur ungeborgene Gefühle, die einen erfahrbaren Platz suchen. Die Taschendiebin zeigt sich hier zu Recht empörend freizügig, gewieft und leidenschaftlich. Ein Heist-Movie, das den Zuschauer einlädt, selbst zu stehlen, aber nicht nach Schätzen giert, sondern nach Fingerabdrücken.

Verführerisch und bildgewaltig. Die Taschendiebin ist seit dem 05.01.2017 im Kino zu sehen.

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8 Gedanken zu “Die Taschendiebin (2016) von Chan-wook Park zieht euch die (Hand-)schuhe aus

  1. Ja, für wahr ein schöner Film. Hat mich auch sehr begeistert und ich wusste auch nicht viel im Vorfeld, worum es eigentlich geht. Ich las nur „Park Chan-wook“ und da war das Ticket schon gekauft. Ein toller Film, der echt eine spannende Geschichte erzählt… und Park, mit dem richtigen Drehbuch ausgestattet, kann nach wie vor wunderbares Kino abliefern.

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  2. Als dafür, dass du mehr für die Uni machen wolltest, schreibst du hier aber sehr lange Texte 😉

    Jetzt, wo es dir Park vorgemacht hat, wann sehen wir denn deinen ersten abendfüllenden Spielfilm?

    Das Bild mit den Filmdetails gefällt mir wirklich sehr gut am Ende, das wirkt schön aufgeräumt und fällt ins Auge. Allgemein macht dein Blog eine sehr schöne Weiterentwicklung durch. Wenn du jedoch noch besser bei Suchmaschinen gefunden werden wolltest, dann würde ich dir eher zu einer Vertextlichung des Bildes raten. Dann kannst du das auch in Rich Snippets einbauen, was besonders gut in den Suchergebnissen ausschaut.

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    • Ja, das habe ich danach auch gedacht. Ich wäre als Regisseurin total ungeeignet, da ich viel zu verkopft bin (davon gibt es ja schon genug^^) Wäre niemals zufrieden mit dem Ergebnis, weil ich das mehr visuelle Kino bevorzuge. Zumindest aktuell. Ich danke dir für das Kompliment. Kritik nehme ich auch sehr gern entgegen. Das mit den Rich Snippets (ich weiß, was das ist) habe ich noch nicht so ganz verstanden. Einfach, indem ich es unten reinschreibe oder muss ich das irgendwie einbetten?

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      • Für Kritik kannst ja mal meinen Beitrag zu den Sieben Todsünden einer Filmkritik anschauen, da wirste bestimmt fündig 😉

        Bei RIch Snippets reicht es leider nicht, die Infos einfach nur hinzuschreiben. Ich selbst bin zu faul für sowas, aber wenn du dir eh die Mühe mit den Bildern machst, warum nicht?
        Es gibt zumindest Mal zwei Möglichkeiten: entweder in der Google Search Console unter „Darstellung in der Suche“ -> „Data Highlighter“ die Seiten und die jeweiligen Infos unter dem Punkt „Filme“ markieren.
        Alternativ kannst du dir auch den Code zusammensuchen und trägst dann jeweils nur die Daten bei einem neuen Artikel ein. Mal bei GOogle nach Rich Snippets für Filmkritiken suchen oder direkt zu Schema.org gehen (http://schema.org/Movie).
        Für den Anfang sollte die erste Variante einfacher und schneller sein.

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