La La Land (2016) von Damien Chazelle – Etwas zu viel lala

Vörreed: Wer nicht einmal debil grinsend in diesem Film sitzt, hat kein Herz oder gerade andere Sorgen. Man muss allerdings aufpassen, nicht an der all der Zuckerwatte zu erticken. Klebriges Zeug, das.

Döntjes: Allein das Erlebnis vor dem Film hat die Eintrittskarte gerechtfertigt! Es begab sich in einem undurchdringlichen Dschungel des Lachens, des Prostens und Herumstehens, dass ich endlich, aus dem Dickicht herausgeschält, an der Bar landete, um meinen fast schon obligatorischen Latte zu bestellen. Neben mir: Hysterie. Grund: Mangelndes Popcorn. Es schien, als hätten sich die Bewohner einschlägiger Kinoketten ins Filmtheater verirrt, wo sie ziel- und planlos nach Nahrung suchten. Schon fast grinsend, erinnerte ich mich an den Bierdeckel des Vortages, auf dem ein Popcorn-Automat-Verleih angepriesen wurde. Aber ich möchte hier nicht abwerten. Es hat mich sehr gefreut, mein Lieblingskino so voll zu sehen – zumindest nachdem ich dann endlich im Kinosessel Platz genommen hatte. 

Glas über Bord: Ausgeglichen. Drei sind gefallen, drei zerbrochen. Bonus: Keines an meine Ferse gerollt.

Leichtmatrosen: S. und T., beide debil grinsend und es fiel mehrfach das Wort „schön“. T. durchaus auch schmachtend und sich dabei theatralisch an die Brust fassend.

Auf dem Freeway

Wo sonst sollte alles beginnen. Der Freeway. Los Angeles, Stadt der Träume und großen Seifenblasen lädt lockend Pianist Sebastian (Ryan Gosling) und Mia (Emma Stone), aufstrebende Schauspielerin, zu sich ein. Beide haben ihr Ziel vor Augen und laufen sich bei dessen Verfolgung öfter über den Weg. Sebastian möchte seinen eigenen Jazz-Club und Mia die große Schauspielkarriere. Aus anfänglicher Zankerei, wird echte Zuneigung und beide versuchen in ihren Träumen Fuß zu fassen. In vier Jahreszeiten („Winter“, „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“) und dem Epilog („Winter“) wird der Weg von Mia und Sebastian gezeigt, der von Niederlagen, Kompromissen und Entscheidungen geprägt ist. Das Drama entfaltet sich zur Gänze, wenn Karriere und Beziehung aufeinandertreffen.

by Lionsgate Movies

In der Stadt

Damien Chazelle bringt nach der Schlagzeug-Gewalt Whiplash (2014) den Jazz zurück ins Kino. Ein Herzensprojekt sei La La Land für ihn gewesen, das sich schon länger in der Planung befand. Schaut man sich die kurze Filmographie Chazelles an, muss man vielmehr sagen, dass hier eine Trilogie zum Abschluss kommt. Auch sein erster Film Guy and Madeline on a Park Bench (2009) handelt von einem Paar, das zur Hälfte aus einem Jazz-Trompeter besteht. So kommt mit La La Land etwas zum Höhepunkt, was sich schon laut und krachend andeutete. Erfolg, Liebe und eben Jazz. Das sind Chazelles Themen bisher. First Man (2018), der ein Neil-Armstrong-Biopic sein wird, führt diese Tradition nicht weiter fort und man darf gespannt sein, wie Chazelle sich in diesem Terrain schlägt.

Fun Fact 1: Chazelle ist Potter-Fan und wollte Emma Watson verpflichten, welche die Rolle der Mia aber ablehnte, weil sie noch das Musical Die Schöne und das Biest (2017) drehte, während Gosling die Rolle des Biests ablehnte, weil er in La La Land spielte. 

Ryan Gosling (Only God Forgives, The Big Short, The Nice Guys), der auch dort an Bord geht, gibt in La La Land den draufgängerischen und rückwärtsgewandten Musiker, dessen leicht hyperaktive Art mindestens charmant ist. Entgegen aller Kritiker fand auch ich den Gesang sehr natürlich. Genau wie der Emma Stones (Birdman, Aloha, Irrational Man). Die musikalischen Einlagen haben die natürliche Chemie der beiden Darsteller lediglich auf eine andere Ebene gehoben, und das sehr überzeugend. Da muss dann auch nichts perfekt sein. 

Die Liebe zum Film und zur Musik begann für Chazelle und Hurwitz in Harvard, in einem gemeinsamen Zimmer eines Studentenwohnheims, welches sich die beiden teilten. Sie drehten Guy and Madeline on a Park Bench und landeten damit bereits einen großen Erfolg. Eine Zusammenarbeit, die sich weiterhin bewährt. Zur Filmmusik von La La Land kann man eigentlich auch nichts mehr hinzufügen, außer: Justin Hurwitz entstaubt schon mal ganz entspannt den Kaminsims. There is Someone In The Crowd, ready to be found!

Kameramann Linus Sandgren taucht die Szenerie in knallige und schwer gesättigte Farben, die keine Zweifel mehr aufkommen lassen, dass man sich hier in einem Traum befindet und gefälligst in großen Gesten mitträumt. Das Gepäck ist zweckmäßig: Talent und ein Luftschloss. Choreographin Mandy Moore setzt die Suchenden beschwingt in Bewegung. Mit zuckenden Gliedern durch die Jahreszeiten des Lebens und sich am eigenen Traum berauschen, das ist La La Land.

by Cool New Soundtracks

Im Himmel

Karriere, Liebe und Musik. Was haben uns diese Themen nicht schon an wundervollen Filmen beschert. Dabei sind es nicht die zahlreichen Reminiszenzen La La Lands auf Filme wie zum Beispiel Singin‘ in the Rain (1952), Funny Face (1957) und The Band Wagon (1953), als vielmehr eine ganze Industrie, die diese Träume generiert. Getreu dem Motto: Wenn du fest daran glaubst und hart arbeitest, wird auch dein Traum in Erfüllung gehen. Chazelle mischt hier realistischere Zutaten mit rein, die dem Film gut stehen. Kritik darf es an einer Stelle auch sein, wenn Keith (John Legend) an einer Stelle das Festhalten an alten Vorstellungen bemängelt, da die Kunst auch durch die Zukunft lebt.  

Fun Fact 2: Das Auto-Antennen-Kopf-Dingens, bei dem man den Autoschlüssel unter das Kinn hält funktioniert tatsächlich. Das Wasser in unserem Kopf erhöht die Resonanz. Böse Menschen würden nun behaupten, dass dies nach dem Genuss des Films noch einfacher funktioniert. Aber zu denen zähle ich mich nicht.

Doch es sind am Ende die Romantiker, die hier auf ihre Kosten kommen. Lebe deinen Traum und gib nicht auf. Kompromisse sind in Ordnung, solange du dein Ziel im Blick behältst. Die Sehnsucht nach Größerem, nach mehr, bestimmt, wie weit du dafür gehst. Währenddessen darf man alte Spritschleudern steuern und in einem schicken Appartement wohnen. Die Sorgen sind in Watte gehüllt und gemeinsam schaffen wir alles. Fuck them!

Schön

Das war es dann aber auch schon, was La La Land im Großen und Ganzen zu bieten hat. Die Seifenblase bleibt erhalten und hat höchstens ein paar Dellen. Retromagische Momente werden feierlich in die Gegenwart und auch Realität gehievt, die zur Zeit alles, aber keine Flucht ins Konservative braucht. Natürlich kann man einem Film nicht die Zeit vorwerfen, in der er spielt, aber etwas nachhaltiger hätte es schon sein dürfen, vor allem mit dem Hintergrund der aktuell hinterhergeschmissenen Preise. Auch muss er den Vergleich zu seinem Vorgänger Whiplash scheuen, der so viel passionierter an sein Thema gegangen ist und keine Angst vor Fragen hatte – bis ins Äußerste ging. Was bleibt ist eine Hommage an vergangene Zeiten – Zeiten, in denen der Alltag auch nicht einfach war und sich die Menschen deshalb ins Kino flüchteten. Man fragt sich, ob diese Flucht heute ausreicht. Ungemein sehenswert ist La La Land dennoch. Und gerade die ersten zehn Minuten (Jean-Luc Godards lässt grüßen) sind ein wahres Kinoerlebnis, das ich nicht hätte missen wollen!

Pisi-Kaka! La La Land ist seit dem 12.01.2017 im Kino zu betanzen, Hals und Beinbruch!

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30 Gedanken zu “La La Land (2016) von Damien Chazelle – Etwas zu viel lala

  1. Nach deiner Überschrift hatte ich mit einer wesentlich schlechteren Kritik gerechnet und bin jetzt fast erleichtert, da mir der Film richtig nahe ging. Aber Gefühle lassen sich so schlecht auf andere kopieren.
    Hab heute meinen Arbeitskollegen den Soundtrack gezeigt und die haben so ca. 10 Minuten murrend ausgehalten.

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      • Musik ist eben auch Geschmacksache. Wobei mir besonders das Ende zugesagt hat. Endlich mal kein Hollywood-Kitsch-08/15-Ende, bei dem man ganz genau weiß, dass es die beiden eh keine 2 Jahre miteinander aushalten würden.

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        • Witzig. Ich fand das Ende am schlimmsten. Warum noch mal dieser „Was wäre wenn?“ Wesentlich cooler wäre es gewesen, wenn sie an dem Club vorbeigegenagen wäre oder daran rein und er wäre nicht da gewesen, oder, oder, oder. Warum? Klar, als Seitenhieb auf Hollywood, aber das war mir viiel zu Vorschlaghammer-mäßig

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          • Hast du dich nie bei einer gescheitertn Beziehung geragt, wie alles gelaufen wäre, wenn ihr zusammen geblieben wärt? Wenn ihr euch nochmal zusammengerauft hättet? Wenn ihr für die Liebe gekämpft hättet, anstatt dass jeder seinen eigenen Träumen nachgeht (denn es ist nicht immer ohne weiteres möglich, dass sich beide verwirklich und ich kenne genug, die das mit 45 dann schmerzhaft erknennen und sich dann trennen).
            Also ich schon und deswegen habe ich mich da richtig reinfühlen können. Es war schmerzhaft zu sehen, wie sich beide die Beziehung vorgestellt haben, aber auch beruiheng, wie sie damit ndlich Abschied nehmen, denn so wirklich verarbeitet haben sie die Zeit nie. Es gibt häufig den oder die eine, die wir nie vergessen können, egal, was danach kommt. Was nicht heißt, dass wir die Zeit wiederholen wollen, nur, dass sie immer besonders im Herzen verankert bleibt.
            La La Land erzählt so eine Geschichte und trifft den Kern von Casablanca:
            „Uns bleibt immer Paris“ Uns bleibt immer die damalige Zeit, aber wir sind weitergezogen und haben andere Träume in unserem Leben verwirklicht. Aber wir erinnern uns trotzdem gerne daran, denn das ist unsere Vergangenheit und ohne die wären wir nicht die, die wir sind.

            Dass mir das sooooooo viel besser gefällt, als das verlogene Ende von Passengers spielt vielleicht auch eine Rolle, aber ich kann auch die gegenteilige Sicht verstehen. Das hat wenig mit Filmgeschmack als mehr mit Ideologie zu tun.

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            • Das war mir echt eine Spur zu kitschig. Und ehrlich. Nein, ich habe mich das so noch nich gefragt. Sicherlich guckt man, was man für Fehler gemacht hat, aber deshalb spule ich nicht noch mal alles in „schön“ ab. Etwas subtiler wäre es fein gewesen. Passengers habe ich noch nicht gesehen und auch keinen Bedarf danach.

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              • In dem Fall haben wir eine andere Auffassung bon Kitsch, denn für mich war das zu Tode berührend traurig.
                Bei Passengers tust du gut daran. Und ich sollte so langsam mit dem Lernen beginnen, anstatt mich über La La Land auszulassen…

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  2. Zuckerwatte trifft es wohl ganz gut, aber durch seinen Titel LaLa Land hat sich der Film zumindest bei mir ein Stückchen ein Anrecht darauf erworben so zu sein ohne dass ich enttäuscht bin. Normalerweise entsprechen auf Unterhaltung fixierte Filme nicht meinem Geschmack.

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    • The Nice Guys, The Big Short, Only God Forgives, Gangster Squad, The Place beyond the Pines, The Ides of March, Drive, (die zweite Hälfte von) Blue Valentine, Stay, Inside a Skinhead und bei Lars und die Frauen würde ich jetzt auch nicht behaupten, dass die Rolle der in La La Land sonderlich ähnelt.
      Oder kurz gesagt: das scheint besonders dann so, wenn man nur The Notebook, Crazy Stupid Love und La La Land kennt.

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        • …und, wenn ich La La Land besetzt hätte, wäre es Gosling geworden! Sofort und ohne echte Konkurrenz. Bei den Frauen weiß ich es gar nicht. Emma Stone jedenfalls nicht. Die ist für mein Empfinden mehr badass

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        • Na gut, ein Kommentar geht noch:
          Was soll man dagegen groß sagen, er sieht halt so aus, wie er aussieht. Und dabei würde er bei jedem Schönheitsscan durch sein asymetrisches Gesicht eher negativ auffallen. Was auch für ihn spricht, dass er das durch Ausstrahlung wieder wett macht.
          Hier kann man zumindest die zweite Häfte von Blue Valentine und Lars und die Frauen einwerfen. Ausstrahlung ist schwerer zu kaschieren, als die Wandlungsfähigkeit und schauspiekerisches Talent in verschiedenen Richtungen.
          VIelleicht beglückt er uns ja mal mit einem Autrifft in einem Film a la Funny Games, in dem er den zunächst charmanten Bösewicht spielt.

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