The Salesman (2017) von Asghar Farhadi – Wie man die bessere Welt begräbt

Vörreed: Mittags ins Kino. Normalerweise ist das nicht meine aktivste Zeit des Tages. Aber was tut man nicht alles für einen Asghar Farhadi-Film.

Döntjes: Ich hatte mich auf dem Hinweg schon ein bisschen gefreut, gleich einen ganzen Kinosaal für mich allein zu haben. Als ich aber ankam, musste ich feststellen, dass es viele Leute zu dieser Zeit ins Kino zog. So war ein Drittel des Saals voll und ich beglückt über die kinointeressierte Gesellschaft. Die restliche Meute war übrigens da, um Karten für La La Land vorzubestellen. Verrückte Welt.

Glas über Bord: Nun ja. Zu dieser Zeit Alkohol im Kino zu konsumieren ist wohl eher unwahrscheinlich und den Kaffee hat dann auch keiner mit reingenommen. Dieses mal also keine Ausbeute. Bonus: Nada.

Leichtmatrosen: Nur ich an Bord.

© Prokino
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Eine tragische Verwechslung

Emad Etesami  (Shahab Hosseini) und Rana Etesami  (Taraneh Alidoosti), ein Ehepaar aus Teheran, müssen eines Tages fluchtartig ihre Wohnung verlassen, da das Gebäude durch anliegende Bauarbeiten droht einzustürzen. Die erneute Wohnungssuche in dichtbesiedelten Metropole fällt schwer. Da bietet sich Freund und Schauspielkollege Babak (Babak Karimi) an, den beiden auszuhelfen. Die Schauspielgruppe bereitet sich gerade auf die Aufführung von Tod eines Handlungsreisenden vor. Babak zeigt den beiden eine Wohnung, aus der die frühere Mieterin, eine Frau mit zweifelhaftem Ruf, gerade ausgezogen ist. Die Wohnung ist nicht perfekt, zumal die Vormieterin ihr Hab und Gut noch darin untergebracht hat, aber Emad und Rana arrangieren sich mit der neuen Bleibe. Eines Tages erhält Rana Besuch von einem Bekannten (Farid Sajjadihosseini) dieser Frau. Ein Wendepunkt in der Beziehung. Die Beiden müssen von nun an mit den Konsequenzen dieses Besuchs umgehen.

by Cohen Media Group

Vorhang auf!

Farhadi drehte bereits als Jugendlicher Filme, hat Theater studiert, welches sich auch in The Salesman niederschlägt. Denn, das kann man schon mal vorwegnehmen: Die große Stärke dieses Films ist sein Drehbuch. Der internationale Regie-Liebling legt nach Nader und Simin – Eine Trennung (Goldener Bär, Oscar – Bester fremdsprachiger Film) und Le Passe – Das Vergangene (Golden Globe Nominierung – Bester fremdsprachiger Film) nun sein drittes Ehedrama vor: The Salesman (OT: Forushande). Der gesellschaftskritische Film fand vor allem bei der iranischen Bevölkerung großen Anklang und brach dort Zuschauerrekorde am Eröffnungswochenende. Zusätzlich konnte er außerdem den Preis für das beste Drehbuch bei den 69. Internationalen Filmfestspielen in Cannes einheimsen. Die darauffolgende Oscar-Nominierung fügt sich da natürlich auch gut ein, genau wie seine guten Chancen auf den Gewinn. Diesen wird er allerdings nicht selbst entgegennehmen, denn aufgrund von Protest gegen das von Trump hervorgebrachte Dekret bleibt er der Veranstaltung lieber fern. Verständlich. Aktuelle Pläne sind auch bereits bekannt: Farhadis nächstes Projekt wird ein Film mit Pedro Almodóvar als Koproduzent. Das hört sich so gut an, wie es hoffentlich auch sein wird.

Shahab Hosseini, der bereits Hojjat in Nader und Simin spielte, zeigt sich in The Salesman als gerechtigkeitssuchende, aber durchaus auch konservative Instanz. Hosseini weiß den Konflikt Emads, der die Integrität seiner Frau und den Eingriff in seine Privatssphäre  wiederherstellen beziehungsweise wieder ausgleichen möchte, meisterlich zu verkörpern und wurde dafür in Cannes mit einem Darstellerpreis belohnt. Rana, die von Taraneh Alidoosti gespielt wird, ist hingegen darum bemüht, alles schnell wieder zu vergessen, welches häufiger zu Streit mit ihrem Ehemann führt. Sie gibt erschreckende Einblicke in ihre Versehrtheit, was angesichts des weder gezeigten, noch näher thematisierten Vorfalls für unschöne Auslegungen sorgt. Den beiden Darstellern gelingt es, eine intime, wie angespannte Atmosphäre um den Konflikt zu kreieren. Hossein Jafarian wird diesem Spiel gerecht, indem er und sein Kamera-Team nah bei den Schauspielern bleibt. Das erweckt einen weitaus realistischeren Eindruck, als einem manchmal lieb ist. Besonders Einstellungen, die das moderne und gleichberechtigte Ehepaar mit der maroden Umgebung verbinden, verbleiben im Gedächtnis.

Theaterstück und Film

Das im Inhalt minimalistisch wirkende Drama erinnert nicht nur im Titel an Death of A Salesman (dt. Tod eines Handlungsreisenden), dem Theaterstück Arthur Millers. Wer Zeit und Lust hat und es noch nicht kennt, sollte dies vor dem Film unbedingt nachholen. Hier sei jedem die originalgetreue Verfilmung Volker Schlöndorfs nahegelegt, nicht um seinetwillen, sondern um dessen Hauptdarsteller. Willy Loman wird darin vom grandiosen Dustin Hofman verkörpert und sein Sohn Biff von keinem Geringeren als John Malkovich. Es lohnt sich also. 

by WatchMojo.com

Willy Lohman hält darin am amerikanischen Traum fest, auch wenn er diesen längst nicht mehr lebt. Er flüchtet sich in Träumereien von der Vergangenheit und verliert daran allmählich seinen Verstand. Vordergründig ist der Vater-Sohn-Konflikt, denn Willy verlangt auch von seinen beiden Söhnen Großes. Was Millers Stück aber tatsächlich auszeichnet, ist die Frustration, die sich überträgt und zum Zeugnis einer illusionierten Nachkriegsgesellschaft wird, die zu verbohrt ist, sich selbst zu reflektieren. Arthur Miller (1915-2005) brachte das Stück am 10. Februar 1949 auf die Broadway-Bühne und wurde mit nur 33 Jahren mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

[…] for a salesman, there’s no rock bottom to the life. He don’t put a bolt to a nut, he don’t tell you the law or give you medicine. He’s a man way out there in the blue riding on a smile and a shoeshine. And when they start not smiling back—that’s an earthquake. And then you get yourself a couple spots on your hat and your finished. Nobody dast blame this man. A salesman is got to dream boy, it comes with the territory.

Arthur Miller (1915-2005)

The Salesman versetzt das New York der 1940er Jahre ins heutige Teheran, eine Stadt, die sich massiv im Umbruch befindet, stetig wächst, wirtschaftlich boomt und deren konservative Werte immer mehr aufweichen. Farhadis Film bietet ein Bild des Zwischenstands. Der sozio-ökonomische Aufstieg der urbanen Mittelschicht steckt fest. Man fährt westliche Autos und bestimmt das Bild einer Stadt, deren Mieten man sich nicht leisten kann. Viele kommen nicht hinterher, sehen sich von dieser Welt bedroht und halten an sozialen sowie religiösen Werten fest. Es herrscht Unsicherheit, die der Hilflosigkeit Platz macht oder sich in Protest und Wut entlädt.

Emad: „I like to bring a loader and ruin all of this city.“
Babak: „They ruined this city once ,they built it again and now this is it.“

Asghar Farhadi (The Salesman)

Der Untergang des iranischen Traums

Hier hat man weniger das Gefühl, ein hochtrabendes Drama zu verfolgen, als vielmehr einen sich zuspitzenden Thriller. An einem Wendepunkt ändert sich alles. Vertraute Strukturen stehen auf dem Kopf und eine neue Ordnung wird gesucht. Genau dort kreuzen sich beide Werke. The Salesman fügt Deutungsebenen hinzu, zieht seinen Figuren den Boden unter den Füßen weg und wirft sie in ein moralisches Dilemma, ohne in starre Antworten abzudriften. Genau genommen konfrontiert er den Betrachter mit der Illusion, nachdem er sie gnadenlos entblößt hat. Am Zuschauer ist es, darüber zu urteilen. Das ist nicht nur zeitgemäß, sondern ein Denkmal für jede zivilisierte Gesellschaft, die da sagt: „The only thing you got in this world is what you can sell.“

A little boat looking for a harbor. The Salesman ist seit dem 02.02.2017 im Kino zu sehen.

The Salesman_Forushande

 

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10 Gedanken zu “The Salesman (2017) von Asghar Farhadi – Wie man die bessere Welt begräbt

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