Elle OmU (2017) von Paul Verhoeven – „Not bad, huh?“

Vörreed: In Elle war ich am selben Tag, wie in The Salesman von Asghar Farhadi. Eigentlich würde es einen ganzen Blogeintrag rechtfertigen, die beiden Werke zu vergleichen, da sie einen ähnlichen Bezugsrahmen haben. Ein Fazit wäre sicherlich, dass Paul Verhoeven den Zuschauer sprachloser und verstörter zurücklässt. Selten habe ich so viele Ausrufe in einem Film erlebt.

Döntjes: Also das zweite Mal ins Kino und in die französische OmU. Das Kino begeisterte mit extrem leckerem Buffet und unschlagbarem Kakao (Kaffeepause). Jeder Bissen blieb einem dann aber spätestens nach zwei Minuten Film im Hals stecken.

Glas über Bord: Es war knapp! Eine Flasche Bier rollte höchstens einen halben Meter an meinem Fuß vorbei, deshalb leider kein Bonus, aber die Versicherung, dass es nicht unmöglich ist. Ansonsten blieb auch alles heil. Bonus: /

Leichtmatrosen: S. hatte mich auf diesen Abend aufmerksam gemacht. Allerdings kann ich schwer einordnen, ob sich das nach dieser Sichtung wiederholen wird… Ihr stand vor allem Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Wie es manchmal so ist: Just in diesem Moment schreibt S., dass sie wieder in die französische OmU möchte. Höchst nachvollziehbar. Häppchen, wir kommen!

Abgeklärt

Paris: Es dauert wenige Minuten, dann liegt Michèle Leblanc (Isabelle Huppert) überwältigt, vergewaltigt und verletzt inmitten ihres zerbrochenen Kaffeegeschirrs. Sie steht auf, entsorgt ihre Sachen und geht baden. Auf die Idee, die Polizei zu rufen, kommt sie nicht. Das ändert sich auch in den folgenden Tagen nicht, lediglich ihre Freunde Richard (Charles Berling), Anna (Anne Consigny) und Robert (Christian Berkel) werden von ihr informiert. Auch als ihr Sohn Vincent (Jonas Bloquet) zu Besuch kommt und ihre Verletzung bemerkt, lügt Michèle. Ihr Vater, ein verurteilter Massenmörder, der 27 Menschen tötete, rückte sie als Kind ins Rampenlicht und noch heute sind sie und ihre Mutter Irène (Judith Magre) das Ziel kleinerer Angriffe. Es ist ein Foto, welches um die Welt ging und Michèle Leblanc als kleines Kind vor verbrannten Sachen stehend zeigt. Die dadurch entfachten Gerüchte, dass sie womöglich Mittäterin gewesen sei, hielten sich über die Jahre. Trotzdem schaffte sie es, sich ein erfolgreiches Leben aufzubauen. Mit ihrer Freundin Anna leitet sie ein viel versprechendes Unternehmen, welches Videospiele entwickelt und vertreibt. Sie weiß sich ihren, größtenteils männlichen, Angestellten gegenüber zu behaupten und lässt sich auch sonst in keinster Weise dirigieren. Ihr Angreifer aber lässt nicht nach und sendet ihr weitere Botschaften. Michèle ist zum Handeln gezwungen und macht sich auf die Suche nach dem Täter.

by MFA+Filmdistribution

Und die Moral von der Geschicht…

Elle fußt auf dem Roman  Oh… von Philippe Djian, dessen Bücher bereits mehrfach verfilmt wurden und premierte auf dem Cannes Festival 2016. Da gab es zwar nichts zu holen, aber eines dürfte klar sein. Mit diesem Film hat sich der fast 80-jährige Paul Verhoeven (Total Recall, Robocop, Basic Instinct) ein Denkmal gesetzt. Von der Reichweite des Skandals, dürfte Elle durchaus vergleichbar mit Basic Instinct sein. Die ikonische Szene Sharon Stones, in der sie die Beine übereinanderschlägt, hält die gleiche Essenz bereit, die Michèle den blutdurchzogenen Badeschaum über ihrer Scham beiseite wischen lässt. So verwundert es auch überhaupt nicht, dass hieraus kein Oscar-Kandidat geworden ist. Verhoeven hatte bereits Probleme, eine amerikanische Besetzung für seine, moralisch völlig freie, Hauptfigur zu finden und drehte deshalb in Frankreich. Die Oscars dürften für diese Thematik dann doch eine Spur zu puffy fluffy sein. Mir kam zwischendurch sogar der Gedanke, Verhoeven, hätte sich inoffiziell den früheren amerikanischen Hays Code vorgenommen und ins Gegenteil verkehrt… Dass Isabelle Huppert (8 Femmes, Amour, Louder Than Bombs) als beste Schauspielerin ausgezeichnet werden könnte, ist demnach umso erstaunlicher und sie zu ignorieren, wäre hier der eigentliche Skandal gewesen, zumal: Starke Frauen braucht das Land… 

…gibt es nicht!

Dass die Wahl schlussendlich auf Huppert fiel kann man nur mit heftigem Nicken bedenken. Es fällt es schwer, sich eine andere Schauspielerin in dieser Rolle vorzustellen. Statt ihre Figur in Emotionen zu tunken, begibt sich Huppert in eine formlose Position, die nur in wenigen Momenten Einsichten gewährt, jedoch viele Möglichkeiten offen lässt. So entsteht ein eindringlicher Moment, wenn ihre Mundwinkel für nicht mal eine Sekunde ein Lächeln andeuten. Durch diese Weigerung, mehr von sich preiszugeben, provoziert Elle aufs Bitterste. Michèles Dominanz und Kontrolle fordern den Zuschauer heraus und ich kann nur empfehlen, diese Herausforderung anzunehmen und sich auf die Provokation einzulassen. Kann man das nicht, dürfte Elle schwer bis gar nicht zu konsumieren sein.

„Scham ist als Gefühl nicht stark genug, um uns davon abzuhalten, etwas zu tun”

Isabelle Huppert als Michèle Leblancs (Drehbuch: David Birke)

So ist der Betrachter immer nah am Geschehen, welches ihn zum willkommenen Voyeur macht (Kamera: Stéphane Fontaine). Eine Position, in der man sich immer im Kino befindet, doch hier unterstreicht es die dunkle Seite des Zuschauers, den Rausch und die Faszination an einer von uns distanzierten Gewalt. Die Weigerung Michèles, zur Polizei zu gehen, lässt diesen gewaltoffenen Raum erst entstehen. Verhoeven und Huppert bringen den Zuschauer näher an dieses Geschehen und holen sie damit aus ihrer Bequemlichkeit. Die Metapher des schrecklichen Unfalls, bei dem man nicht wegsehen kann, liegt da nah. 

Alles Drama?

Es gibt so einige Lesarten im Film, welcher auch klassische Elemente des Dramas enthält. Michèle widerfährt etwas Schlimmes und sie macht Veränderungen durch, auch ändert sich daraufhin etwas für sie. Nichtsdestotrotz veräußert sich Elle als Drama, das keines ist, zumindest nicht im klassischen Sinne, da sich die Figur jeglicher Dramatik verweigert. Verhoeven spielt damit und lässt alles im Unzuverlässigen, unterscheidet manchmal nicht mal zwischen Vergehen und Fetisch. Michèle Leblanc wird von ihm nicht als willenloses Opfer porträtiert. Dem Rape-and-Revenge Thriller kommt das schon näher, wenn auch dies zu kurz gegriffen ist. Denn hier ist seine Femme fatale eine Frau, die die Hölle bereits kennt, in geringem Abstand dazu lebt und diese auch noch vermarktet. „Die gefährlichste von allen, Michèle, bleibst du“, sagt ihr Ex-Ehemann und der muss es schließlich am besten wissen. Ein eigenwilliger, wie kraftvoller Film, der Gewalt und Macht ins Zentrum rückt, sich aber einer moralischen Replik verwehrt. 

Zündstoff! ELLE ist seit dem 16.02.2017 im Kino zu sehen.

REGIE: PAUL VERHOEVEN DREHBUCH: DAVID BIRKE KAMERA: STÉPHANE FONTAINE SCHNITT: JOB TER BURG AUSSTATTUNG: LAURENT OTT KOSTÜM: NATHALIE RAOUL MUSIK: ANNE DUDLEY DARSTELLER: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, ANNE CONSIGNY, CHARLES BERLING, VIRGINIE EFIRA, CHRISTIAN BERKEL, JUDITH MAGRE, JONAS BLOQUET, ALICE ISAAZ, VIMALA PONS FSK: AB 16 JAHRE LAUFZEIT: 126 MINUTEN BILDFORMAT: 2.35:1 PRODUKTIONSLAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN

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12 Gedanken zu “Elle OmU (2017) von Paul Verhoeven – „Not bad, huh?“

  1. Hatte den Film gesehen, als er in Frankreich rauskam und er hat mich erstmal sehr ratlos zurückgelassen und es fällt mir immer noch schwer ein Urteil über ihn zu fällen. Die Rezension dazu finde ich hier aber gelungen 🙂

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