Moonlight OmU (2017) von Barry Jenkins – Who is you?

VörreedBarry Jenkins bester Twist?

Genau. Gratulation an das Moonlight-Team zum Best Picture-Gewinn! Mehr als verdient.

Döntjes: Vor der Sneak ist jedes Mal eine Quizrunde, in der es dieses Mal um die Lieblingsfilme des Sneak-Moderators ging, die dieser pantomimisch darstellte. Das war spätestens dann zum Brüllen, als mein Sitznachbar „König der Löwen“ nach unten gröhlte und dafür eine Freikarte für Dreistigkeit bekam. Sehr schön. Glas über Bord: Sage und schreibe drei Flaschen hat es auf den Fußboden gezwungen, nebst einem Kaffeegeschirr. Ob das am Film lag? Ich versuche hier immer noch Tendenzen rauszuarbeiten… Vielleicht lege ich mal eine Statistik, subgruppiert nach Genre an. Bonus: Keine der Flaschen schaffte es zu mir, der Kaffeelöffel auch nicht. Leichtmatrosen: T. war für die Sneak zu haben, spätestens nachdem ich noch „Moonlight“ in den Raum warf, und auch er war ziemlich begeistert. Ihm gefielen vor allem die tragende visuelle Umsetzung, dem ich mich anschließen mag.

„My name is Chiron, people call me little“

I Little. Chiron (Alex R. Hibbert), auch Little genannt, ist zehn Jahre alt und lebt mit seiner drogenabhängigen Mutter Paula (Naomie Harris) in einem heruntergekommenen Wohnbezirk in Miami. Von Gleichaltrigen verspottet, gemobbt und gejagt, trifft er eines Tages auf Juan (Mahershala Ali), einen Drogendealer. Der nimmt ihn mit zu sich und seiner Freundin Teresa (Janelle Monáe). Die beiden werden in der Folge zu wichtigen Bezugspersonen. Einen weiteren Freund findet er außerdem in Kevin (Jaden Piner).

II Chiron. Im zweiten Kapitel kommt es zu einschneidenden Erlebnissen. Der nun jugendliche Chiron (Ashton Sanders) setzt sich mit dem stetig schlechter werdenden Zustand seiner Mutter auseinander, in der Schule hat er es nach wie vor nicht leicht und er entdeckt langsam seine Sexualität, die er noch nicht einzuordnen weiß. In diesen Wirren sucht er seinen Platz, was angesichts der brutalen Umgebung keine leichte Aufgabe ist.

III Black. Chiron (Trevante Rhodes) ist erwachsen und nach Atlanta gezogen. Dort verkauft er Drogen, die ihm ein gutes Auskommen verschaffen. Unter seinem Straßennamen Black, scheint er die kindlichen Unsicherheiten abgeschüttelt zu haben, bis ein Anruf aus der Vergangenheit erneut Unruhe in sein Leben bringt.

by A24

Die perfekte Crew

Die Reise, die Moonlight hinter sich hat ist nicht nur erstaunlich, sondern auch erzählenswert, da der Erzählung ein persönlicher Hintergrund zugrundeliegt. Vor Jahren entwickelte Tarrel Alvin McCraney das Skript als Projektarbeit an einer Schauspielschule, es fand dort jedoch keine Verwendung. Er und Regisseur Barry Jenkins wuchsen in Liberty City (ugs. Pork & Beans) – einem Vorort Miamis – auf, der auch im Film eine tragende Rolle spielt. Sie besuchten dieselbe Schule und hatten beide mit der Drogensucht der Mutter zu kämpfen. Jenkins Mutter ist HIV-positiv, McCraneys an AIDS verstorben. Ein Kennenlernen der beiden kam erst Jahre später zustande, als Barry Jenkins das Skript entdeckte. Er erkannte sofort sich selbst in der Geschichte, beschloss es zu verfilmen und erweiterte das Skript um einige Stationen. Brad Pitts Plan B Entertainment nahm sich dessen an und produzierte es für die große Leinwand. Der Independent Film kostete am Ende lediglich 1,5 Millionen US-Dollar. Zum Vergleich: La La Lands Produktions-Budget wird auf 30 Millionen US-Dollar geschätzt

In McCraneys ursprünglicher Geschichte In Moonlight Black Boys Look Blue, sieht man das Aufwachsen Chirons simultan, wohingegen im Film linear erzählt wird. Der Titel wird im Film als Metapher verwendet, wenn Juan sich mit Chiron am Meer unterhält. McCraney wollte mit dieser Geschichte zeigen, welche große Rolle das soziale Umfeld einen Menschen spielt und wie sich Konflikte durch dieses definieren, je nach Persönlichkeit des Menschen. Um dieses Anliegen angemessen zu realisieren, suchte Jenkins nach drei verschiedenen Schauspielern, die Chiron – hier im wahrsten Sinne des Wortes  – verkörpern, da dieser introvertiert und schweigsam ist. So durften sich die Schauspieler auch nicht am Set begegnen, um eine gegenseitige Beeinflussung ihrer Figuren auszuschließen. 

Bereits Barry Jenkins Regiedebüt Medicine for Melancholy (2008) war ein voller Erfolg, wenn auch nicht kommerziell.  Moonlight ist sein, erst zweiter Spielfilm; vorher hatte der Filmstudierte vor allem Kurzfilme gedreht. Wie auch schon in Medicine for Melancholy arbeitete Jenkins mit James Laxton zusammen. Der auf Independent-Filme spezialisierte Kameramann konnte sich für Moonlight ebenfalls über eine Oscar-Nominierung freuen, welcher jedoch an Linus Sandgren für La La Land ging. Aktuell arbeitet Jenkins übrigens mit drei anderen Regisseuren an einer Comic-Verfilmung von A Contract with God, welches aus vier eigenständigen Geschichten besteht. Auf das weitere Schaffen dieses Mannes darf man sicherlich nicht nur hier gespannt sein.

Beziehungsarbeit

Die visuelle Umsetzung ist ein herausstechendes Merkmal in Moonlight, weil sie auf großartige Weise ihre Figuren begleitet. Man ist ständig in Bewegung und lange Einstellungen machen ein Nacherleben möglich. Dort wo man manchmal Schnitte erwarten würde, verweigert sich Laxton und hält einfach permanent – in ruhigen, wie fließenden Bewegungen – drauf. Da kann es schon mal passieren, dass man läuft und läuft und sich im nächsten Moment um die eigene Achse dreht. Gerade in der Diner-Szene bleibt einem fast das Herz stehen, wenn ein Augenblick näherkommt, die Umgebung aber verschwenderisch lange im Moment ausharrt. Der erste Cut lässt einen förmlich absaufen und nach Luft ringen. Was wie eine Action-Szene klingt, ist keine, sondern eine der intensivsten, die man in letzter Zeit im Kino bestaunen durfte. Wer einen kurzen Blick riskieren möchte, kann das hier, hier und hier tun.

Jenkins und Laxton inszenieren die Protagonisten im direkten Kontakt mit dem Zuschauer, ohne ihren Fokus auf die intime Beziehung zu verlieren. Deren Umsetzung wird als Fiebertraum, durch die überhöhte, aber dennoch realistische Geschichte beschrieben, dürfte aber auch die Ausleuchtung meinen. Die Farben (Colorist: Alex Bickel) haben ein verschwenderisches Flair. Sie unterstützen nicht nur die träumerische Atmosphäre in den einzelnen Kapiteln, sondern fügen ihr eine bestechende, realistischere Optik hinzu. Zum Niederknien ist außerdem die musikalische Untermalung. Nicholas Britell (ebenfalls für einen Oscar nominiert) verarbeitet Chirons Suche nach sich selbst als gefühlvolles und ausdrucksstarkes Thema (Chiron’s Theme), das seine Hauptfigur durch den Film begleitet. Die Songs wurden stark verzerrt oder verlangsamt (chopped and screwed) und passen sich Chirons Erlebenswelt an. Vor allem die unnachgiebige Geige oder die sanften Pianoklänge, die eine brutale Schlägerei begleiten, dürften vielen im Ohr und Gedächtnis bleiben. Ich könnte hier ewig so weiter machen, aber um zu einem Ende zu kommen: Die Umsetzung ist schauspielerisch, allen voran Mahershala Ali (House of Cards, Die Tribute von Panem – Mockingjay 1+ 2, Hidden Figures) und Naomi Harris (James Bond 007: Spectre, Verräter wie wir, Verborgene Schönheit ), visuell, wie musikalisch eine wuchtige Einheit, die ihresgleichen sucht.

In moonlight black boys look blue

Es ist nicht schlimm, anders als andere zu sein, wenn man in der richtigen Umgebung aufwächst. Wird die Umwelt zu einem zweiten Feind, kämpft man an zwei Fronten. So auch Chiron, der die Hürden des Heranwachsens nehmen und sich gleichzeitig gegenüber anderen behaupten muss. Aufwachsen gleicht einem Stellungskrieg – Schwächen werden ausgelotet und Fehler hart bestraft, Verwirrung und Angst suchen einen Anker. Doch dann gibt es immer wieder Stationen im Leben, die weiterweisen und jemanden zu dem machen, was er oder sie ist. 

Nachts sind alle Katzen grau? Der Purkinje-Effekt beschreibt das unterschiedliche Sehen bei Tag und bei Nacht. Sind es am Tage, die in der Netzhaut enthaltenen Zapfen, die für die Farbwahrnehmung aktiv sind, kommen in der Nacht mehr die Stäbchen für die Helligkeitswahrnehmung zum Zuge. Stäbchen reagieren dabei besonders auf blaugrünes Licht, welches diese Farbwahrnehmung bei einsetzender Dämmerung erhöht. Das nächtliche Mondlicht ist völlig weiß. Die Nacht erscheint uns nur blau, weil sich unsere Wahrnehmung verschiebt.

Moonlight bringt eine Geschichte auf den Weg, die zeigt, wie sich das Äußere eines Menschen verhärten kann, wie kindliche Unsicherheiten nicht mehr nach außen dringen und Einblicke nur noch auserwählten Menschen vorbehalten bleiben. Wie die eigene Identität verdeckt bleibt, aber aber nicht verleugnet werden kann. Dass dabei eine Brücke zum Zuschauer entsteht und dieser sich mit einer, für ihn fremden Realität identifizieren kann, ist der gezügelten, aber dennoch aufgeweckten Umsetzung zu verdanken. Man geht den Weg Chirons ausschnittsweise mit und weiß um das Privileg, diesen jungen Menschen aufwachsen zu sehen und in seine Erlebenswelt einzutauchen. Das filmische Drama offenbart sich dabei in tiefen Blicken und scheuer, wie leidenschaftlicher Unruhe, holt adoleszente Unsicherheiten hervor und entkommt zudem noch einem hektischen Fazit. Statt Unterschiede aufzuzeigen, vereint uns Moonlight auf eine Weise, die schöner nicht sein könnte. Ehe man es sich versieht, ist man voller Respekt und Liebe für einen Film, der fühlt, dass wir im Kern alle empfindsame Wesen sind, unabhängig davon, wie wir aufgewachsen sind, welche Hautfarbe wir aufweisen, von welchem Geschlecht wir sind oder wen wir in unser Herz lassen. 

Ein Film, den man längst wahrnimmt, bevor man ihn sieht. Moonlight ist ab heute, dem 09.03.2017 im Kino zu sehen.

In diesem Sinne:

by arlingtonandy

REGIE: BARRY JENKINS DREHBUCH: BARRY JENKINS (NACH „IN MOONLIGHT BLACK BOYS LOOK BLUE“ VON TARELL ALVIN MCCRANEY) KAMERA: JAMES LAXTON SCHNITT: JOI MCMILLON, NAT SANDERS AUSSTATTUNG: HANNAH BEACHLER KOSTÜM: CAROLINE ESELIN MUSIK: NICHOLAS BRITELL DARSTELLER: MAHERSHALA ALI, SHARIFF EARP, DUAN SANDERSON, ALEX R. HIBBERT, JANELLE MONÁE, NAOMI HARRIS, JADEN PINER, ASHTON SANDERS; EDSON JEAN, PATRICK DECILE, JHARREL JEROME, TREVANTE RHODES, STEPHON BRON, ANDRÉ HOLLAND, DON SEWARD FSK: AB 12 JAHRE LAUFZEIT: 111 MINUTEN BILDFORMAT: 2.35:1 PRODUKTIONSLAND: USA

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4 Gedanken zu “Moonlight OmU (2017) von Barry Jenkins – Who is you?

  1. Ha! Du hast auch den Song verlinkt 😀 sehr cool. Ich weiß genau was du meinst wegen der Dinner-Szene. Mein Innenleben war auch eine Achterbahnfahrt, weil ich mir lange nicht sicher war, was daraus wird. Ich habe viele Filme über das Erwachsenwerden gesehen, aber ich glaube die allerwenigsten haben mich so berührt. Und das liegt wahrscheinlich auch an dem Geständnis gegen Ende des Films, das ich so nicht unbedingt erwartet hätte. Und was für eine Verzweiflung und innere Suche das impliziert. Toller Film.

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