Apocalypto (2006) von Mel Gibson – Ein bisschen Hirn bitte

Ich habe für ein paar Jahre genug Blut gesehen. Spätestens nach 30 Minuten Laufzeit weiß man, dass Mel Gibson für diesen Film verantwortlich ist.

© Constantin Film

Die Hochkultur der Maya

Pranke des Jaguars lebt mit seinem Sohn Schnelle Schildkröte und seiner Frau Sieben im Regenwald. Als eines Tages ihr Dorf von den nahegelegenen Stadtbewohnern überfallen wird, kann Pranke des Jaguars Frau und Kind in einer Grube verstecken, er selbst wird jedoch gefangengenommen und soll durch die Hohepriester rituell geopfert werden. Es gelingt ihm zu fliehen und fortan eine Flucht auf Leben um Tod zu bestreiten. Dabei treibt ihn vor allem der Gedanke an seine Familie an, aber auch immer mehr der Glaube an sich selbst.

„Eine überragende Kultur kann nicht von außen her erobert werden, so lange sie sich nicht von innen her selbst zerstört hat.“

William James Durant (1885-1981)

 

Familiensinn vs. Barbarentum

Ich habe drei Anläufe gebraucht, um Apocalypto zu Ende zu sehen. Blut, Eingeweide, Hirn und mehr von allem. Das ist das bestimmende Bild in den 138 Minuten Laufzeit des Films. Mel Gibson (Braveheart, Die Passion Christi, Hacksaw Ridge) zeigt in eindrucksvollen und starken Bildern (Kamera: Dean Semler) den beginnenden Untergang einer der faszinierendsten und ältesten Hochkulturen. Der Film kommt mit Untertiteln aus, denn gesprochen wird durchgehend, das heute vorherrschende Yucatec. Dabei konzentriert sich der frühere Mad Max auf die Geschichte eines Mannes, der um seine Familie kämpft. Diese Rahmenhandlung wurde vermutlich unentbehrlich, um die gewalttätige Konsequenz im Ansatz zu rechtfertigen oder das Geschehen mit einer Wertvorstellung anzuschubsen. Das erinnert stellenweise an The Revenant, der auch wenig narrative Legitimation für seinen Verlauf aufweist und durch Ex­pli­zi­tät auffällt. Was beiden Filmen fehlt, ist ein tiefergehendes Interesse für ihre Figuren und deren Umgebung und damit dem Menschen selbst.

Es spricht nichts dagegen, einen kulturellen Untergang zu visualisieren oder einen Trapper von A nach B zu schicken und den reinen Konflikt zu verfilmen, doch wie das Zitat von Durant zu Beginn des Films andeutet, soll hier eine Vorstellung vermittelt werden. Apocalypto aber ist lediglich nett anzusehen, inhaltlich lauwarm und an manchen Stellen zudem fragwürdig – wie auch Gibson selbst. Wer hofft, hier eine Idee der Maya zu bekommen  – es muss keine Geschichtseinheit werden – oder der kulturellen Verhältnisse, in denen sie lebten, sollte gar nicht erst einschalten. Was letztlich bleibt, ist der Naturgewalt einfach beizuwohnen, in schwarz/weiß und ohne ethische Abstufungen. Dass die Maya mitsamt ihrer Kultur am Ende überwältigt werden mussten, davon will Apocalypto erzählen. Wovon dieser Film tatsächlich erzählt, ist mir nicht ganz klar geworden, denn hier wird schlussgefolgert, ohne Initiative für einen streitbaren Verlauf zu zeigen. Nein, danke.

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19 Gedanken zu “Apocalypto (2006) von Mel Gibson – Ein bisschen Hirn bitte

  1. Ich glaube, ich muss mir doch noch einmal die Mel G. Filme mal ausleihen. Damit dann sagen kann, ach über das redet ihr. Braveheart habe ich gesehen und auch behalten im Kopf, denn er war super. an den Rest kann ich mich leider nicht mehr genau erinnern. Nun ich schaue auch meist nur die Filme und interessiere mich weniger, wer sie gemacht hat. Solange er gut ist, schaue ich ihn mir auch öfters an. Egal, auch wenn der Film hier wieder nicht gut ausgefallen ist und nicht nur bei dir, werde ich versuchen mir den mal an zu schauen. Aber nicht im Kino, denn ich bin ein Kino Verweigerer solange die Filme so teuer sind. Also danke erst einmal.

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  2. Ich habe den Glaube ich zuletzt vor 8 Jahren oder so gesehen und er ist mir als sehr guter Film im Gedächtnis geblieben… jetzt muss ich die lang geplante Nachsichtung wohl doch noch schneller einfädeln, damit ich genau sagen kann, ob ich deiner Meinung zustimmen kann oder nicht 😉

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  3. „Apocalypto“ mochte ich… ist allerdings auch schon eine Weile her, das ich den Film gesehen habe. Damals hat er mir ganz gut gefallen. Zum Thema „Hacksaw Ridge“ kann ich nur sagen, dass der tatsächlich ziemlich gut war – in meinen Augen.

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      • Ja, aber es ist ein Kriegsfilm. Die Kriegsszenen in „Hacksaw Ridge“ sind auch nicht heftiger als die Szenen in „Saving Private Ryan“. „Hacksaw Ridge“ war wirklich erstaunlich gut… ich hatte die gleichen Ängste wie du, war aber durchaus sehr überrascht von der Art und Weise, wie die Geschichte erzählt wird.

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        • Saving Private Ryan mochte ich tatsächlich, schon rein inhaltlich. Vielleicht gebe ich dem einen Versuch. Ich glaube, ich kann wenig mit extremen (!) Gewaltdarstellungen anfangen, die nur zum Ansehen da sind und nichts weiter verdeutlichen, es sei denn die Gewalt selbst wird zur Form, wie bei Tarantino. In Apocalypto habe ich dafür wenig Rechtfertigung gefunden, jedenfalls nicht in dem Ausmaß der Darstellung.

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          • In HACKSAW zeigt es schon auch die absolute Brutalität des Krieges. Es ist jetzt nicht nur, damit man „coole“ Gewalt zeigen kann. Und es gibt letztendlich nur eine richtig üble Szene (ähnlich wie bei Private Ryan).

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  4. Mein zehn Jahre jüngeres Ich möchte Dir vehement widersprechen. Allerdings kenne ich mein zehn Jahre jüngeres Ich recht gut und bin daher nicht sicher wieviel ich auf sein Urteilsvermögen geben soll…
    Ich habe den Film als toll inszeniertes, hochkinetisches Erlebnis, das wenig Zeit für Fragen lässt in Erinnerung. Eben genau die Aspekte die Gibson gut beherrscht. Im Gegensatz zu Passion, wo ich mir 90 Minuten (oder so, den hab ich abgeschaltet) eine Heilandsfigur in Marinara-Soße anschauen muss. Allzuviel Tiefe brachte er nicht mit. Ich hatte aber in den letzten 10 jahren auch kein großes Bedürfnis ihn nochmal zu sehen.
    Für Gibson scheint ja nun mit Hacksaw Ridge alles vergeben und vergessen zu sein, ich kann aber nicht anders als recht skeptisch auf den Film zu schauen. Ich kaufe Herrn Gibson ja Vieles ab, aber Pazifismus? Da scheint mir sein Vorgängerfilm, dessen Titel, Blood Father, den Film wahrscheinlich schon vollumfänglich beschreibt ehrlicher.

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    • Jedes deiner „Ichs“ darf hier widersprechen^^ Gerade „hochkinetisch“ würde ich sogar unterschreiben. Ich mochte auch die Verfolgungsszenen und dieses energiegeladene Vorantreiben. Hab beim Schreiben mehrfach überlegt, ob man das losgelöst von M. Gibson sehen kann, weil es seine Person so gut unterstreicht. Ich denke aber schon. Bei jedem anderen Regisseur wäre die Reaktion vielleicht mit mehr Fragezeichen ausgefallen

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  5. Jau, nicht nur historisch völlig unsinnig, sondern auch höchst bedenklich – aber das ist man von Mel Gibson ja gewohnt. Wobei ich sagen muss, was die Scores zu seinen Filmen angeht, hat er ein ziemlich gutes Händchen, egal ob James Horner („Apocalypto“ und „Braveheart“), John Williams („Der Patriot“) oder John Debney („Die Passion Christi“) komponiert, das Ergebnis kann sich jedes Mal sehen (bzw. hören) lassen. Eigentlich hätte die Musik sogar jeweils weitaus bessere Filme verdient.

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