Ghost in the Shell (2017) von Rupert Sanders – Ein faules Ei

Vörreed: Double Feature. Nach Aki Kaurismäkis Die andere Seite der Hoffnung gab es gleich hinterher Ghost in the Shell. Was für ein Kulturschock…

Döntjes: Ich hätte die flüsternen Feuer um uns rum mal aufnehmen sollen. Nein. Scarlett Johansson ist nicht nackt. Deal with it. Da wünschten sich wohl eine wenige bereits Under the Skin zurück. Glas über Bord: Ob es am Bodysuit lag? Nichts erregte das Publikum, Geschirr auf den Boden fallen zu lassen. Bonus: / Leichtmatrosen: S. fand, man hat nichts verpasst, wenn man es nicht ins Kino schafft. Ich muss ihr Recht geben.

Sektion 9

Längst ist der Fortschritt soweit einzelne Körperteile mit Cyberware auszustatten. Major Mira Killian (Scarlett Johansson) – kurz Major – ist die erste ihrer Art, die einen vollständigen gynoiden Körper (Shell) besitzt.  Durch einen terroristischen Akt verlor sie ihren kompletten Körper; nur noch ihr Gehirn (Ghost) war vollständig funktionstüchtig. Das Unternehmen Hanka Robotics, um das Team der Wissenschaftlerin Dr. Ouélet (Juliette Binoche), ersetzte ihren Körper, welches Major jedoch die Erinnerungen vor der Transplantation nahm. Durch ihre Einzigartigkeit und Stärke wird sie für die Sektion 9 rekrutiert, eine Abteilung, die sich speziell gegen Cyberterrorismus richtet. Schnell tritt im Zuge ihrer aktuellen Ermittlungen der Puppet-Master Kuze (Michael Pitt) auf den Plan, dessen erklärtes Ziel Hanka selbst ist. Gemeinsam mit ihrem Partner Batou (Pilou Asbæk) und dem Leiter der Sektion 9 Daisuke Aramaki (Takeshi Kitano) stellt sich Major Kuze entgegen.

by Paramount Pictures

Reichhaltige Vorlage

1995 kam mit Mamoru Oshiis gleichnamigen Kult-Anime ein Film auf den Markt, der nicht nur nachkommende Filmschaffende wie die Wachowski-Geschwister inspirierte, sondern auch philosophische Fragen über unsere Existenz, verbunden mit der stetig wachsenden Vernetzung und Optimierung ins Feld warf, während er gleichzeitig mit Design und Atmosphäre bestach. Es folgten die ebenfalls animierte Fortsetzung Ghost in the Shell II – Innocence (2004) und Filmadaption des Klassikers von 1995 Ghost in the Shell 2.0 (2008). Schließlich gibt es noch die Serie Ghost in the Shell: Stand Alone Complex. Als Vorlage zur hiesigen Filmadaption reichen die beiden Erstgenannten, man kommt aber auch ganz gut ohne aus. Nachdem Spielberg und Dreamworks die Rechte für das Remake bereits vor 9 Jahren erworben hatten, bekam Rupert Sanders (Snow White and the Huntsman) schließlich den Zuschlag und mit Jonathan Herman, Ehren Kruger und Jamie Moss fanden sich gleich drei Drehbuchautoren, die sich der Manga-Vorlage Shirow Masamunes annahmen. 

Rupert Sanders fiel bereits in Snow White and the Huntsman audiovisuell auf (Musik: James Newton Howard), wenn auch die Handlung nicht ganz mithalten konnte. Dass die Wahl letztendlich auf ihn fiel, ist somit nachvollziehbar. Er verpackt das Geschehen in ein ansehnliches Gehäuse, die vor allem mit der Eröffnungssequenz zu begeistern weiß. Aufmerksamkeit ist danach garantiert. Die ersten Töne des Leitthemas Lorne Balfes und Clint Mansells ertönen und man freut sich bereits auf ein neues dystopisches Monument. Das gelingt in den ersten 20 Minuten ganz gut, danach folgte für mich pure Tristesse und Kopfschütteln.

„You are not defined by your past, but for your actions…“

…wäre vielleicht der passendere Titel für den Film gewesen. Dass die Drehbuchautoren im Laufe des Entstehungsprozesses mehrfach wechselten, verbleibt symptomatisch. Das ausgewählte Trio hangelt sich an einigen Eckpunkten des Animes entlang, übernimmt ikonische Szenen und fokussiert sich ganz auf die Figur des Majors mit ihrer Entstehungsgeschichte. Das kann man am Remake kritisieren, muss man aber nicht, denn dieses will ja auch eigenständig sein. Dennoch ist es schade, dass hier fast gänzlich auf philosophische und existenzielle Diskurse verzichtet wird, die das Original von 1995 zwar auch nur lose aus dem Ärmel schüttelt, aber immerhin anspricht. Als Autor sollte man sich fragen, was unsere Gesellschaft bzw. den Zuschauer an einer zukünftigen Version dieser interessiert. Scarlett Johanssons Brüste sind es nicht, so viel schon mal dazu. Stattdessen folgt Plattitüde um Plattitüde, auf dass man auch den letzten Funken Seele aus dem Original reißt. Selbst, wenn man dieses nicht kennt, kommt Ghost in the Shell nicht über ein völlig belangloses Action-Geplänkel hinaus. Visual Porn ja, aber ohne Vorspiel. 

Scarlett Johansson ( The First Avenger: Civil War, Hail, Caesar!, The Jungle Book) hat mir fast Tränen in die Augen getrieben, sowohl als auch. Wie ein halbgarer Hotdog im zu großen Brötchen (mit Special Effects) stampft sie da regungslos durch die Gegend, dass diese schauspielerische Größe zur reinen Lauffigur verkommt, die die Handlung immer mal wieder anstupsen darf. Eine Frau, die nur mit ihrer Stimme einen ganzen Film (Her, The Jungle Book) für sich einnehmen kann, wird hier als gynoid genabelte Buckelschnecke verwurstet, die sich nicht aus ihrer Shell traut. Die Körpersprache ist sicherlich der Figur geschuldet, aber inhaltlich hätte man ihr mehr Gewicht geben müssen. Pilou Asbæk (Ben Hur, 9. April – Angriff auf Dänemark, A War) als Batou fängt das sonderbare Gefüge solide ab, die weinerliche Juliette Binoche (Die feine Gesellschaft, L’attesa Anna, Nobody Wants the Night) als Dr. Ouélet glänzt hoffentlich bald wieder außerhalb von Hollywood und Kuze bzw. Michael Pitt (Das Jerico Projekt – Im Kopf des Killers, Macadam Stories, Criminal Activities) bekommt genau so viel Screentime, dass er die simplifizierte Charakterzeichnung nicht völlig sprengt. Takeshi Kitano funktioniert immerhin ganz gut als Aushängeschild, aber auch über ihn erfährt man nicht viel. Diesem visuellen Bombast erliegen dann auch Lorne Balfe und Clint Mansell ganz schnell, die hier und da mal vorlugen, der Atmosphäre aber überhaupt nichts mehr hinzuzufügen wissen oder wie es Dirk Gieselmann von der Zeit treffend formulierte: „[…] als würde eine fette Katze über ein Keyboard tapsen.“ Ich möchte hinzufügen: Eine fette Katze, die offensichtlich etwas gegen Depeche Mode hat.

Cyber, ja – Punk, nein

Wohin führt die fortschreitende Technologisierung? Wie kommt der Ghost mit dem Fortschritt mit? Welche politischen Auswirkungen hat diese Entwicklung? Was bedeutet es, komplett miteinander vernetzt zu sein. Wie definiert sich dadurch das Individuum? Wie definiert sich Kultur? Was unterscheidet Major von den anderen, außerhalb ihrer Kraft? Was ist Sektion 9? Wie entstand sie? Das und mehr sind die Fragen, die ich mir stellte, als ich in die dystopische Zukunftsversion von Ghost in the Shell eintauchte und von denen ich mir gewünscht hätte, dass auch der Film sie stellt. Ich rechne es Rupert Sanders jedoch an, dass er ein paar davon kurz aufkeimen lässt. Von Punk kann hier aber wenig Rede sein. Dieser gestaltet sich unter anderem dadurch, dass das Individuum (hier durch den Fortschritt) entwurzelt und dessen Integrität zerstört wird, sprich die individuelle Welt aus den Fugen geraten ist und der Umgang damit. Sicherlich ist der Rahmen dafür gegeben, den Figuren merkt man aber wenig davon an. Mit Hochglanzbildern und schickem CGI erfüllt man diese Prämisse meiner Ansicht nach nicht. Immerhin, die Action sitzt. Man vergleiche dies z.B. mit der Endzeit-Sause Mad Max: Fury Road, wo jegliche Konventionen aufgehoben wurden, Ressourcen knapp bemessen waren und der Grat zum Wahnsinn mehr als schmal bzw. überschritten wurde. Ganz am Ende einer anderen Realität, ist diese Vorstellung für mich weitaus glaubwürdiger, als es hier der Fall ist. Visuell ist Ghost in the Shell jedoch sehr stark und auch die choreografierten Kampfszenen, mit Ausnahme der x-ten Slow Motion, sind sehr ansehnlich. Mehr als Spektakel ist aber nicht in der Shell.

Wer will, kann noch. Ghost in the Shell ist aktuell im Kino zu sehen.

REGIE: Rupert Sanders DREHBUCH: Shirow Masamune (basierend auf dem Manga „The Ghost in the Shell“), Jonathan Herman, Ehren Kruger, Jamie Moss KAMERA: Jess Hall SCHNITT: Billy Rich,
Neil Smith PRODUKTIONSDESIGN: Jan Roelfs KOSTÜM: Kurt and Bart MUSIK: Byung-woo Lee
DARSTELLER: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt, Chin Han, Danusia Samal, Lasarus Ratuere, Yutaka Izumihara, Tawanda Manyimo, Peter Ferdinando, Anamaria Marinca, Daniel Henshall FSK: AB 16 JAHRE LAUFZEIT: 107 Minuten BILDFORMAT: 1.85 : 1 PRODUKTIONSLÄNDER: USA, Indien, China, Japan, Hong Kong, Großbritannien, Neuseeland, Kanada, Australien

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20 Gedanken zu “Ghost in the Shell (2017) von Rupert Sanders – Ein faules Ei

  1. Ich fand den jetzt nicht ganz so schlimm… ich hatte mir vorher sogar noch einmal das Original angeguckt, was nach wie vor sehr toll ist… das Original ist ein Film, der gekonnt aus wenig sehr viel macht. Wenn da fünf Minuten lang nur Bilder der Stadt gezeigt werden, ist das trotzdem irgendwie noch wichtig.

    Trotzdem fand ich das Remake jetzt nicht so verkehrt. Ja, ich mochte die Story auch nicht wirklich, weil sie mehr RoboCop als Ghost in the Shell war und ja, Scarlett war wirklich ein bisschen verschenkt, aber irgendwie hat mich der Film trotzdem gut genug unterhalten, dass ich ihn nicht als komplette Katastrophe abtue.

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    • Wäre ich in letzter Zeit nicht so gefrustet vom (speziell amerikanischen) Kino, wäre das sicherlich etwas milder ausgefallen. Es zeichnet sich immer mehr ab, dass Zuschauer für große Produktionsfirmen eben als dumm gelten und ihnen außer hübschen Bildern nichts mehr zugetraut wird. Warum auch? Dann müsste man sich ja auch eingehender damit beschäftigen. So kann man das eben gleich abhaken und zum nächsten Kracher gehen. Das ist (für mich) kein Kino mehr, wie ich es mir vorstelle, sondern pure, vergängliche Attraktion. Und wenn man sagt, das Remake ist visuell beeindruckend (was ich ja auch tue), müsste man eigentlich differenzieren. Er sieht gut aus, aber wird da rein handwerklich wirklich etwas auf die Beine gestellt, außer das xte Mal auf die Skyline zu halten? Die Kämpfe… Die fand ich sehr gut inszeniert.

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      • Ja, aber das Problem hat Hollywood ja schon seit längerem. Das intelligente Kino kommt eher von den kleinern Produktionsfirmen mit kleinerem Budget. Und ja, das ist echt schade, dass gerade die großen Blockbuster gefühlt immer dümmer und dümmer werden. Aber das passiert wohl leider, wenn mehr und mehr das Geld im Vordergrund steht und nicht mehr die „Kunst“.

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  2. Hui, das ist ja eine ganz schöne Abrechnung mit dem Film. 😉 Mir gefiel die Orientierung, der man dem Film gegeben hat, auch nicht ansatzweise so gut wie beim Original. Insbesondere fehlt mir eine Wertung bzgl. der Handlungsweise des Majors.
    Manche Stellen z.B. durch das Vertauschen der initialen Action-Szene und des Erschaffungsprozesses hat man das allerdings wie ich finde sehr geschickt gemacht. Sicherlich ist die Mentalität des Majors im Film plump, gibt wenig Möglichkeit zur Identifikation und ist an sich nicht sehenswert.

    Positiv gesehen könnte man sagen: Der Film erzeugt einen starken Kontrast zum Original und ergänzt es damit zumindest. 😉

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  3. Ich wünsche mir dauernd Under The Skin zurück! Vor allem weil das ein verdammt guter Film ist. GitS werde ich wohl, bei aller Liebe für Johansson und Beat Takeshi auslassen. Da schaue ich lieber den Anime mal wieder. Den finde ich zwar auch nicht ganz so großartig wie seinen Ruf aber besser als dieses Remake ist er wohl allemal.

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    • Geht mir genauso. Hatte den vorher gesehen und war erstaunt, wie gut der heute noch funktioniert. Inhaltlich fand ich den auch nicht so stark, weil er immer mal Schnipsel in den Raum wirft, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der 1995 funktioniert haben muss. Kennst du die anderen Teile auch? Wollte die evtl. auch noch mal nachholen.

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  4. Du beschreibst in etwa genau die Gründe, warum mich der Film so überhaupt nicht interessiert hat. Und Scarlett Johansson ist aus meiner Sicht keine große Schauspielerin, sondern halt eine der austauschbaren Blockbuster-Bienen, deren Mitwirken in einem Film ein paar (bisweilen) ausgewachsene „Höhlenmenschen“ mehr ins Kino locken soll.

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    • Es gibt durchaus auch Meinungen, die sie für gut befinden. Wie ich Bullion schon schrieb, ich bin wohl einfach gesättigt von Hollywood und kann die ewig gleiche Masche nicht mehr sehen, fürchte ich.

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  5. Ohje, der hat bei dir wohl gar nicht funktioniert. Schade. Ich habe es ja nicht so streng gesehen und fand Scarlett Johansson durchaus passend. Inhaltlich wird weniger gerissen als möglich gewesen wäre, das stimmt wohl. Dennoch kann ich den Hass nicht so ganz nachvollziehen, der dem Film teils entgegenschlägt (meine jetzt nicht deine Kritik).

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    • Irgendwie nicht. Ich habe es wirklich versucht, aber irgendwie bin ich momentan von dieser Machart auch so gesättigt. Dr. Strange war z.B. ähnlich und auf Guardians of the Galaxy II habe ich nicht mal Lust. Irgendwie ist der Ofen mit Hollywood bei mir gerade aus. Wie siehst du das?

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      • Ach, so viele aktuelle Filme schaue ich ja gar nicht. Da mag ich es auch ganz gern wenn ich alle paar Wochen oder Monate mal was Bombastisches, Neues auf dem Fernseher habe. Ob es die Zeit dann überdauert, ist natürlich die nächste Frage…

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