Nebel im August (2016) von Kai Wessel – Die Geschichte von Ernst Lossa

Im Rahmen des Filmstöberns entdeckt und somit wenig Ideen gehabt, was dort auf mich zukommt. Nebel im August ist ein berührendes Drama, dass mit starken Schauspielern aufwartet und den Blick auf einen Teil der deutschen Geschichte lenkt, der zwar bekannt, aber nicht so häufig bebildert ist.

 

5. Mai 1944

Ernst Lossa (Ivo Pietzcker) ist 13 Jahre alt und rebellisch. Er gehört zu den Jenischen und sein Vater kann sich, mangels festem Wohnsitz, gerade nicht um ihn kümmern. Deshalb kommt Ernst in die Heil- und Pflegeanstalt Sargau, die vom freundlichen Anstaltsleiter Dr. Walter Veithausen (Sebastian Koch) geführt wird. Bereits zu Beginn zeigt sich Ernst nicht sonderlich angetan von seiner Unterbringung, die auch körperlich wie geistig beeinträchtige Kinder beherbergt, zu denen er sich nicht zählt. Auch der strenge Pfleger Paul Hechtle (Thomas Schubert) ist ihm zuwider. Mit der Zeit übernimmt er jedoch Verantwortung in der Anstalt und darf Hausmeister Max Witt (Branko Samarovski) zur Hand gehen, der unter anderem für die dort stattfindenden Obduktionen („Aufschneider“) verantwortlich ist. Oberschwester Sophia (Fritzi Haberlandt) bietet er ebenfalls seine Hilfe an, der zu diesem Zeitpunkt eine neue Fachkraft zugeteilt wird – Edith Kiefer (Henriette Confurius) – und auch Freundschaften, wie die zu Mitpatientin Nandl (Jule Hermann) entwickeln sich. Doch die Atmosphäre trügt, denn auf Seiten des Anstaltspersonal erfährt man, dass Dr. Walter Veithausen voller Überzeugung und aus dem Motiv heraus, Leiden zu verringern, das Euthanasieprogramm nicht nur durchführt, sondern auch neue Ansätze, wie die E-Kost entwickelt, um es weiter voranzutreiben und Kosten einzusparen. Ernst muss sich überlegen, wie er vorgeht.

by STUDIOCANAL Germany

Der arische Volkskörper

Dazu muss es bestimmt schon hundert Filme geben, dachte ich mir. Doch, soweit ich feststellen konnte, handelt es sich hier um den einzigen, der dieses Thema in seiner Breite aufgreift. Kai Wessel (Hilde, Zeit der Helden, Spreewaldkrimi – Mörderische Hitze) verknüpft das Einzelschicksal der realen Person Ernst Lossas mit der Rhetorik des Euthanasie-Programms. Ohne viel Drama, ohne abzuweichen und in starken Bildern. Dabei ist es nicht zuletzt dem Jungdarsteller Ivo Pietzcker zu verdanken, dass man als Zuschauer mit unschuldigen, verwirrten Augen beginnt und mit einem klaren, verhärteten Blick endet. „Jawoll, es muss wieder mehr gestorben werden“, tönt es aus einer Runde von Ärzten und Verantwortlichen. Sie hatten gerade die Entzugskost probiert, eine mehrfach abgekochte Gemüsesuppe, die keine Nährstoffe mehr enthält und die Empfänger der Kost verhungern oder an Infektionskrankheiten sterben lässt. Das sind die Momente, die auf unangenehme Weise beeindrucken und die Wessel für sich sprechen lässt. Überhaupt versteht er es, über weite Strecken Bilder und Dialoge für sich sprechen zu lassen, ohne in falsche Dramatik oder Erklärungen abzugleiten, aber dennoch zu unterhalten.

Die Geschichte des Jungen, die zuerst als Buch erschien (Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa von Robert Domes, 2008), hätte inhaltlich noch einiges mehr hergegeben, wo der Regisseur jedoch angenehme Zurückhaltung übt. Statt das Böse gegen das Gute aufzustellen, wird als Mittelsmann die diverse Figur des Anstaltsleiters gewählt. Sebastian Koch möchte man nach dem Film aus dem Gedächtnis streichen oder nur noch in Komödien sehen. Gut ist Dr. Veithausen zu den Kindern, Schläge gibt es hier nicht. Lediglich Erlösung sollen sie finden. Dass die Grenze zunehmend verschwimmt, wer krank genug ist, um getötet zu werden, das wird im Film mehr als deutlich und wenn man denkt, dass man ganz gut durch selbigen gekommen ist, folgt der Abspann. Nur einige wenige Wahrheiten, die einem Tränen der Ungläubigkeit in die Augen treiben – über etwas, was längst nicht mehr wiedergutzumachen ist. 

Nie wieder Himbeersaft. Nebel im August ist aktuell auf Amazon Prime verfügbar.

REGIE: Kai Wessel DREHBUCH: Holger Karsten Schmidt, nach dem Buch: Nebel im August. Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa von Robert Domes (2008) KAMERA: Hagen Bogdanski SCHNITT: Tina Freitag PRODUKTIONSDESIGN: Christoph Kanter KOSTÜME: Esther Amuser MUSIK: Martin Todsharow DARSTELLER: Ivo Pietzcker, Sebastian Koch, Thomas Schubert, Fritzi Haberlandt, Branko Samarovski, David Bennent, Jule Hermann, Niklas Post, Karl Markovics FSK: AB 12 JAHRE LAUFZEIT: 126 Minuten BILDFORMAT: 2.35 : 1 PRODUKTIONSLAND: Deutschland

Advertisements

4 Gedanken zu “Nebel im August (2016) von Kai Wessel – Die Geschichte von Ernst Lossa

  1. Als ich zu der Hamburg Premiere eingeladen wurde, hatte ich die Möglichkeit einige intensive Worte mit Kai Wessel zu wechseln.
    Im Kino selbst herrschte lange nach dem Film eine gedrückte Stimmung, die erst durch einige Gläser Wein wieder etwas aufgelockert wurde.
    Ich hatte den Eindruck, den er mir später bestätigte, dass es ihm eine Herzensangelegenheit gewesen ist, diesen Film zu machen. Ich habe ihn mir inzwischen auch auf DVD gekauft, weil ich der Meinung bin, dass das Werk gut, unterhaltsam und dramatisch ist. Außerdem ist dieser Streifen sehenswert, über aller Maßen.

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.