I Killed My Mother (2009) von Xavier Dolan – Hass, Liebe, Hass, Liebe,…

Vörred: Xavier Dolan hatte offenbar das, was man eine schwierige Kindheit nennt, nimmt man seinen Regie-Erstling als einzige Referenz. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn einige Zuschauer finden sich sicherlich an der ein oder anderen Stelle wieder.

© Kool

Gefühle auf und ab

Der 16-jährige Hubert (Xavier Dolan) verachtet seine Mutter (Anne Dorval als Chantale Lemming), alles an ihr. Wie sich kleidet, wie sie isst, wie sie manipuliert und wie sie vergisst. Seine Eltern haben sich getrennt, als er drei Jahre alt war und so muss seine Mutter sich alleine mit dem überheblichen Sohn auseinandersetzen. In der Schule läuft es mies und die Gefühle sind auf Hochspannung. Seit zwei Monaten ist Hubert mit seinem Klassenkameraden Antonin (François Arnaud) zusammen, wovon aber nur dessen Mutter (Patricia Tulasne) weiß. Auch seine Homosexualität verschweigt er gegenüber der Mutter. Mit der Videokamera zeichnet Hubert seine Gefühle auf, während die Auseinandersetzungen zu Hause immer schlimmer werden.

by King OfKings

Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…

Dass ein Regisseur mit seinem Erstlingswerk als Wunderkind gefeiert wird und diese Begeisterungsstürme bis heute anhalten, kann wohl nicht jeder von sich behaupten. Mit gerade mal 17 Jahren begann Xavier Dolan das Drehbuch zu I Killed My Mother und bewies damit ein frühes Gespür für die Feinheiten familiärer Beziehungen. Der Film ist halb autobiografisch, halb Fiktion und nahm seinen Anfang in einer Kurzgeschichte, die Dolan für das Gymnasium angefertigt hatte, das er mit 17 Jahren abbrach. Für das fertige Produkt gab es Standing Ovations auf dem Cannes-Festival und gleich mehrere Preise. 

„Für die meisten Menschen ist es eine Sünde, ihre Mutter zu hassen. Das sind für mich Heuchler. Sie haben ihre Mutter bestimmt auch mal gehasst. Vielleicht eine Sekunde, vielleicht ein Jahr. Vielleicht länger, vielleicht haben sie’s vergessen, ist mir egal. Aber sie haben sie gehasst!“

Hubert Minel in I Killed My Mother (2009) von Xavier Dolan

Was den Film auszeichnet ist Dolans frischer und unbestimmter Blick auf seine eigene Geschichte, die sich dadurch als übertragbar herausstellt. Sowohl Eltern, als auch Kinder dürften sich in einigen Situationen wiederfinden und obwohl keine offensichtliche Komik vorherrscht, muss man an der ein oder anderen Stelle schmunzeln, weil man sich der Absurdität plötzlicher Ausbrüche bewusst wird. Die Konflikte wirken völlig überzeichnet und ziehen dadurch eine direkte Verbindung zu den eigenen Gefühlen, mit denen man sich einzuordnen oder abzugrenzen versucht. Genug Leerstellen finden sich dafür allemal, denn hier wird man direkt in den Konflikt gezogen und erfährt nicht, wie sich dieser entwickelt hat. Die filmischen Mittel halten die ein oder andere Referenz bereit und sind zudem beachtlich bewusst gewählt. Als Beispiel sei das Zuhause Huberts genannt, welches in Kitsch und gedämmten Licht als exponierte Vorwarnung dient, schnellstmöglich die Flucht anzutreten, bevor man dieses Konzept annimmt, es akzeptiert hat. Vorstellungen, die man hegt, aber dennoch nicht verwirklicht, weil man aneingebunden ist. Doch findet keine Abrechnung statt, vielmehr ein Deuten in verschiedene Richtungen.

Die Musik ist übrigens auch hervorragend gewählt:

by Lars van der Kooij

Die diffuse Gefühlswelt der Adoleszenz, die es sich nicht einfach macht, muss zwangsläufig in einem Kampf mit den Eltern münden, die festgelegter und zufriedener erscheinen, jedoch fern der eigenen Vorstellungen leben. Davon erzählt I Killed My Mother. Aber auch davon, dass Hass und Liebe eng beieinander liegen und nicht so einfach voneinander zu trennen sind.

Mutti mal wieder umarmen. I Killed My Mother ist auf DVD/ Blu-Ray und in VoD erhältlich.

REGIE: Xavier Dolan DREHBUCH: Xavier Dolan KAMERA: Stéphanie Anne Weber Biron SCHNITT: Hélène Girard SETDESIGN: Anette Belley KOSTÜME: Xavier Dolan, Nicole Pelletier MUSIK: Nicholas Savard-L’Herbier DARSTELLER: Anne Dorval, Xavier Dolan, François Arnaud, Suzanne Clément, Patricia Tulasne, Niels Schneider, Monique Spaziani, Pierre Chagnon, Justin Caron, Benoît Gouin, Johanne-Marie Tremblay FSK: AB 16 JAHRE LAUFZEIT: 96 Minuten BILDFORMAT: 1.85 : 1 PRODUKTIONSLAND: Kanada

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7 Gedanken zu “I Killed My Mother (2009) von Xavier Dolan – Hass, Liebe, Hass, Liebe,…

  1. Ich kenne von Dolan nur „Laurence Anyways“ (den ich liebe!!!) und „Mommy“ (den ich auch super finde). „I Killed My Mother“ steht schon ewig auf meiner Watchlist, das werde ich jetzt mal in Angriff nehmen 🙂

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  2. Ich kenne von Xavier Dolan nur Teile von „Tom at the Farm“. Den Film fand ich so langweilig (und ihn als Hauptdarsteller zu selbstverliebt und nervtötend), dass ich ihn tatsächlich ausmachen musste. Vielleicht hätte ich mit seinem Erstlingswerk anfangen sollen. 🙂 Ich werde ihm aber noch mal eine Chance geben. Die Begeisterungsstürme sind aber mit seinem letzten Film etwas abgerissen, da konnten viele Kritiker es gar nicht fassen, dass er für den Film gewonnen. hat.

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  3. Ein weiterer Film auf meiner Must-Watch-Liste. Von Dolan kenne ich bislang nur den aktuellen Film, der mir nicht sonderlich gut gefallen hat (habe den auch rezensiert), aber der Regisseur an sich ist sicherlich einen zweiten oder dritten Blick wert.

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