Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

Vörred: Manchmal trifft auf jemanden und eine Vorstellung dieser Person schraubt sich traumschlossartig in unbestimmte Höhen, bestimmt das Denken und, zum Leidwesen des Verzückten, auch manchmal das Handeln. Meine Dolan-Reise geht weiter und es bleibt dabei, er ist ein ausgezeichneter Beobachter und schafft es zudem, ausgezeichnete Bilder seiner Eindrücke zu vermitteln. 

© Kool

Er liebt mich, er liebt mich nicht, er…

Als Marie (Monia Chokri) und Francis (Xavier Dolan) – beide im gleichen Alter und befreundet – den gutaussehenden Nicolas (Niels Schneider) auf einer Party sehen, ist es um sie geschehen. Nico, sich seiner Wirkung vollends bewusst, freundet sich mit den beiden sogleich an und genießt deren Aufmerksamkeit, die alsbald in Rivalität umschlägt. Während der eher zurückhaltende Francis seinem Schwarm kleine Aufmerksamkeiten entgegenbringt, versucht die kühle Marie mit ihrem Äußeren und aufgesetztem Charme zu punkten. Beide sind damit beschäftigt, den jeweils anderen zu überbieten oder schlechtzureden. Nico freut sich, lässt aber nicht durchblicken, wen er von den beiden mag. Eine komplizierte Ménage à Trois nimmt ihren Lauf und fordert eine Entscheidung. 

by koolfilm

„Wenn man keinen Ozean mehr überqueren muss, um den anderen zu sehen, sondern nur noch den Flur…“

Nach I Killed My Mother (OT: J’ai tué ma mère) folgte mit Herzensbrecher (OT: Les amours imaginaires) der zweite Langfilm des Regie-Talents, in dem der Originaltitel Wesentliches über den Inhalt preisgibt. Doch Xavier Dolan zeichnet sich hier nicht nur für die Regie aus, sondern auch für Produktion, Drehbuch, Schnitt und Kostüme. Als sein nächstes Projekt unerwartet abgesagt wurde und er fürchtete in ein künstlerisches Loch zu fallen, schrieb er das Skript für Herzensbrecher auf einer Zugfahrt. Das dieses realisiert werden konnte, stimmt den Regisseur zufrieden, der Herzensbrecher für den einzig möglichen zweiten Film in seinem Schaffen bezeichnet.

Xavier Dolan © Kool

Visuell (Kamera: Stéphanie Anne Weber Biron) schlägt Herzensbrecher einen anderen Weg ein, als sein Vorgänger. Während Stilmittel dort vielmehr verwendet wurden, um den Inhalt zu unterstreichen, wird hier der Stil bewusst über selbigen erhoben. Man kann sich in diesen Bildern verlieren, sie jedoch kaum mögen, ebenso wie es bei den Figuren der Fall ist. Ab und an fühlte ich mich dabei an The Neon Demon von Nicolas Winding Refn erinnert, der ebenfalls überstilisierte Bilder verwendete, um den Blick des Zuschauers für die Modewelt zu schärfen. Ging es bei ihm um das Ideal der Schönheit, sind es hier die Eitelkeiten der Figuren, die visuell erhöht werden. So sind die Figuren kaum sympathisch, jeder ist auf sich bedacht und handelt nur im eigenen Interesse. Für die Gefühle seiner Protagonisten interessiert sich der Autor und Regisseur vielmehr indirekt. Umrahmt wird die Erzählung von pseudodokumentarischen Interview-Ausschnitten verschiedener Menschen, die vom Begehren oder Beziehungen erzählen. Dadurch wird zum einen Kontrast sowie Ergänzung zum eigentlichen Inhalt geschaffen, zum anderen generiert es auch einen thematischen Rahmen, der Querverweise zur Auseinandersetzung bietet. 

Liebe sucht nicht

Man könnte die überstilisierte Machart hier kritisieren, würde sie nicht das Verhalten ihrer Figuren widerspiegeln. Die imaginierte Schwärmerei reflektiert die Oberflächlichkeit von Marie und Francis, die sich ihrem Objekt lediglich zuwenden, um sich selbst zu erhöhen. Besitz, Obsession, Spiel. Würden sie lieben, müssten sie ein Stück von sich selbst aufgeben, sich öffnen und ihre Kontrolle aufweichen. Darin liegt die Tragik dieser Figuren, welche Xavier Dolan durchgehend klug einfängt. Besonders deutlich wird das, wenn Francis sich an Nicos Kleidung Lust verschafft, ihn objektifiziert, um sich selbst zu befriedigen. Dieser Akt verkommt vielmehr zu einem verbissenen Abbau von Frust, als dass er Sehnsucht und Zuneigung ausdrücken würde.

„Nichts ist wahrer als die Unvernunft der Liebe.“

Alfred de Musset

Der Film verbleibt mit der übergeordneten Frage nach der Grenze zwischen Hingabe und Selbstaufgabe und beantwortet diese zufriedenstellenderweise nicht. Vielmehr wird eine Lesart dieser Anforderung gezeigt, die Raum für Diskussionen lässt, dieser aber auch viel hinzuzufügen weiß. Grandios. Unbedingt ansehen.

Liebe ist. Herzensbrecher ist auf DVD erhältlich

REGIE: Xavier Dolan DREHBUCH: Xavier Dolan KAMERA: Stéphanie Anne Weber Biron SCHNITT: Xavier Dolan AUSSTATTUNG: Delphine Gélinas KOSTÜM: Xavier Dolan VISUAL EFFECTS: Guylaine Dutil DARSTELLER: Monia Chokri, Niels Schneider, Xavier Dolan, Anne Dorval FSK: AB 12 JAHRE LAUFZEIT: 101 MINUTEN BILDFORMAT: 1.85 : 1 PRODUKTIONSLAND: Kanada

Zur Playlist hinzugefügt:

(Im Zuge dessen übrigens das hier entdeckt. What the hell? Ich zwinker da mal Dergestalt rüber, der solche Sonderheiten auf seinem Blog sammelt)

Isabelle Pierre – Le temps est bon

Dalida – Bang Bang

Johann Sebastian Bach – Cello suite No.1 Prelude in G – Major

Renée Martel – Viens changer ma vie

Vive la fete- Exactement

The Knife – Pass This On

Fever Ray – Keep The Streets Empty For Me

France Gall – Cet air-là

Comet Gain – Love Without Lies

 
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5 Gedanken zu “Herzensbrecher (2010) von Xavier Dolan – Dieses obskure Objekt der Vorstellungskraft

    • Schwierig zu beantworten. Es macht Sinn I Killed My Mother vor Mommy zu sehen. Der beste (bisher, kenn noch nicht alle) scheint übereinstimmend Laurence Anyways zu sein. Tatsächlich würde ich Herzensbrecher als ersten Film empfehlen, dann den Mutter-Komplex, dann Laurence Anyways. Versuche bis Ende des Monats noch die anderen zu rezensieren, dann kann ich da mehr zu sagen. Weltkino bietet gerade Rezensionsexemplare von Mommy und Einfach das Ende der Welt an, falls du da Interesse hast. Weiß nicht, wie die Zugangsberechtigungen sind, aber vielleicht bist du dort ja auch schon angemeldet.

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