Berlin Syndrom OmU (2017) von Cate Shortland – Eingemauerte Liebe

Vörred: Zur Abwechslung mal wieder in der Sneak gewesen, die erschreckend leer war. Am 01. Mai aber auch nicht weiter verwunderlich. Von Berlin Syndrom hatte ich vorher rein gar nichts gehört, ein wenig Werbung kann ich nach der Sichtung aber machen.

Döntjes: Eines sollte man nach diesem Film nicht tun… Ich hatte danach noch furchtbar viel Zeit bis die nächste Bahn kam und entschied mich, zu laufen. Man darf sich das ungefähr wie einem Comic vorstellen, in dem man von Laterne zu Laterne springt und diese fest umklammert, nur um nicht an einer dunklen Ecke auf einen Erdbeerverkäufer zu stoßen… Leichtmatrosen: J. und Z. waren mit dabei und beide fanden den Film spannend und packend.

In der Fremde

Die Australierin Clare (Teresa Palmer) ist nach Berlin gereist, um Urlaub zu machen. Außerdem interessiert sie sich für die DDR-Architektur, die sie auf ihrer Kamera festhält. An einer Ampel lernt sie den Englischlehrer Andi (Max Riemelt) kennen, der sie in ein Gespräch verwickelt und feststellt, dass sie allein unterwegs ist. Die beiden verbringen etwas Zeit miteinander, trennen sich jedoch am Abend wieder. Claire ist enttäuscht, als sie jedoch ihre Fotos sichtet, sieht sie Andi auf einem und tags darauf die Stadt erkundend, besucht sie ein Antiquariat und trifft auf selbigen. Andi blättert in einem Bildband, für den sich Claire interessiert und scheint gar nicht überrascht davon zu sein, als diese von hinten mit ihm redet. Die beiden verbringen die darauffolgende Nacht miteinander und das Glück scheint perfekt, bis Claire feststellen muss, dass sie nicht mehr aus seiner Wohnung kommt. Ein Albtraum beginnt.

by New Trailer Buzz

Buchverfilmung

Berlin Syndrom basiert auf dem gleichnamigen Buch Melanie Jostens. Cate Shortland (Somersault-Wie Parfum in der Luft, The Silence, Lore) präsentierte ihren Film in der World Cinema Dramatic Competition des Sundance Film Festivals, wo dieser auch uraufgeführt wurde. Bekannt geworden ist die Regisseurin vor allem durch ihren Film Lore (2012), der fünf Kinder porträtiert, die – von ihren Eltern zurückgelassen – nach der Befreiung Nazideutschlands eine lange Reise vor sich haben. Hier widmet sie sich dem Thriller mit Elementen des Psychodramas. Die Schauspieler wählte sie dafür sorgsam. Die Australierin Teresa Palmer (Lights Out, Message from the King, Hacksaw Ridge-Die Entscheidung), keine Unbekannte, spielt die verunsicherte Fremde mit Bravour und lässt sich viel Zeit für ihre Figur. Sie hat ihre größte Szene, als Andi nach Hause kommt, nachdem sie festgestellt hat, dass sie die Wohnung nicht mehr verlassen kann. Max Riemelt (Storno-Todsicher versichert, Amnesia, Lichtgestalten) hatte nicht nur die Aufgabe Einblicke in sein gestörtes Verhalten zu gewähren, sondern dieses auch als ganz natürlich und vor allem authentisch zu präsentieren. Er gefiel mir im Verlauf immer besser. 

Interessant wäre hier übrigens auch der Vergleich zwischen Original und deutscher Fassung. Im Original kann man dem Deutschen nicht so recht abnehmen, dass er Englischlehrer ist, im deutschen Trailer scheint man sich erst an den Akzent der Touristin gewöhnen zu müssen.

Warum machst du nichts?

Richtig problematisch wird es inhaltlich. Viele werden sich an so manchen Logik-Löchern stören, die nicht weiter schlimm gewesen wären, hätte sich Cate Shortland nur etwas mehr auf die Figur der Claire festgelegt. Dass diese traumatisiert ist (und am Stockholm-Syndrom zu leiden scheint) und deshalb womöglich so handelt, wie sie handelt, muss man sich als Zuschauer umständlich herleiten. Das Gewicht liegt vielmehr auf dem gestörten Englischlehrer, dessen Psychologie erklärbar gemacht werden soll. So kommt es im Verlauf zu Abschweifungen, die gar nicht nötig sind oder kurz: Es wäre besser gewesen, hätte man sich auf den Thriller konzentriert. Dadurch entsteht ein Missverhältnis zwischen den beiden Protagonisten, er überpsychologisiert, sie in ihrer Nachvollziehbarkeit vernachlässigt. Man sagt so häufig: „Das ist schade.“ Hier ist es das aber tatsächlich, denn als Thriller funktioniert Berlin Syndrom wirklich sehr gut, vor allem an den Stellen wo die Grenze zwischen Zuneigung und Besitzansprüchen verschwimmt. Eine weitere Ebene die aufgemacht wird ist die der DDR und dem Eingesperrtsein von Claire, welche aber nicht weiter verfolgt wird und man sich unweigerlich fragt, warum diese überhaupt mit aufgenommen wurde. Da man es einfach so stehen lässt, geht dieser Zug leider nicht auf. Im Kino schienen jedenfalls alle bis zur letzten Minute angespannt und man hatte das Gefühl, einige hätten das Atmen erst danach wieder aufgenommen. Wer etwas Nervenkitzel sucht, ist hier richtig.

 Kein Obst von Fremden annehmen! Berlin Syndrom ist ab dem 25.05.2017 im Kino zu sehen

REGIE: Cate Shortland DREHBUCH: Shaun Grant, Cate Shortland; basierend auf dem Buch Berlin Syndrom (2012) von Melanie Joosten KAMERA: Germain McMicking SCHNITT: Jack Hutchings PRODUKTIONSDESIGN: Melinda Doring KOSTÜME: Maria Pattison MUSIK: Bryony Marks DARSTELLER: Teresa Palmer, Max Riemelt, Lucie Aron, Matthias Habich, Cem Tuncay, Emma Bading, Maia Absberg FSK: AB 16 JAHRE LAUFZEIT: 116 Minuten BILDFORMAT: 2.39:1 PRODUKTIONSLAND: Australien

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4 Gedanken zu “Berlin Syndrom OmU (2017) von Cate Shortland – Eingemauerte Liebe

  1. Ich habe den Film auch in einer Sneak gesehen und ganz ähnlich darüber gedacht. Handwerklich fand ich den Film stimmungsvoll, besonders weil er Berlin als Stadt gut eingefangen hat. Aber manchmal reichen Stimmungen nicht, um einen runden Film zu produzieren.

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