Nippon Connection – Tag 1 (La Terre abandonnée | GOOD/BYE)

Ich muss mich in Anbetracht meiner erstellten Blogparade zumindest bei Frankfurt entschuldigen. Mit 27°C empfangen zu werden hat was. Was es sonst noch zu erzählen gibt, erfahrt ihr hier.

Anreise

Da ich es am Montag irgendwie gemanaged habe, mich auf dem Rückweg meines Vorstellungsgespräches in den falschen Zug zu setzen, hatte sich mein von vorn bis hinten durchgestylter Plan so ziemlich erledigt. Völlig fertig sollte ich dann aber gegen 21.00 Uhr zu Hause sein und sich meine Idee, erst abends zu packen, als schlecht durchdacht herausstellen. Mit ordentlich Schlafmangel im Gepäck ging es dann 06.25 Uhr mit dem Fernbus von Bremen nach Frankfurt. Ich habe ja zugegebenermaßen eine Schwäche für Reisen mit dem Fernbus. Man kann die Landschaft beobachten, hat meistens zwei Plätze für sich allein, Klimaanalage, USB-Anschluss und W-Lan zum schmalen Preis. Bis wir in Dortmund ankamen lief auch alles wie geplant, bis der Bus ein Terminal an einem Parkplatz mitnahm und sich von seinem Rücklicht verabschiedete. Long story short: Mit 1 Stunde Verspätung landeten wir am Frankfurter Hauptbahnhof. Viel Zeit blieb also nicht, um einzuchecken und den Weg zum Festival anzutreten, was sich ewas später als ungünstig herausstellen sollte. Eine halbe Stunde nach der Eröffnung der Ticketschalter kam ich schließlich doch noch an meinem Ziel an, zu spät, um noch Karten für die Eröffnungsveranstaltung zu ergattern. Aber man soll ja immer das Beste aus allem machen und so entschied ich mich kurzerhand den ersten NIPPON VISION-Film zu besuchen, der traditionell ein Dokumentarfilm ist  – La Terre abandonnée.

Eröffnung

Frankfurt – Weltstadt, Messezentrum, Stadt der Finanzen und Wolkenkratzer. Mit 5,5 Millionen Einwohnern (Nachtrag: Hier ist natürlich das gesamte Rhein-Main-Gebiet gemeint – das kommt davon, wenn man Nachts Blogbeiträge verfasst) wird man von der Schnelllebigkeit und Masse schnell verschluckt und an verschiedenen Orten wieder ausgespuckt. Da kann man schon mal den Überblick verlieren. Wenn ihr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs seid und Orientierung nicht eure Superpower ist (und hier muss sie es sein), dann stehen euch tapfere Großstädter zur Seite. Die sind nämlich ausnehmend hilfsbereit. Man darf nur nicht den Fehler machen, mehrere Personen nach dem gleichen Weg zu fragen, denn dann bekommt man auch jedes Mal eine andere richtige Antwort. So findet man sich nicht nur im Großstadtdschungel schnell zurecht, sondern lernt auch gleich nette Leute kennen. Biegt man dann in die Waldschmidtstraße ein, verschwindet das hektische Gefühl ganz schnell. Der Beat nimmt ab, das Ankommen zu. Abseits eröffnet sich dann langsam eine pinke Oase, die vorfreudige Gesichter und eine ausgelassene Stimmung zeigt. Gemütlich sitzt man hier bei einem Kaffe in der Lounge oder einem Bierchen im Freien, deckt sich mit Merchandise-Artikeln ein oder trifft Bekannte aus den Vorjahren. Und richtig angekommen ist man dann, wenn im Saal das Licht ausgeht und man sich im Kinosessel nach hinten lehnen kann. Film ab!

La Terre Abandonée (2016) von Gilles Laurent – Fukushimas Nachlass

Am 11. März 2011 um 14:46 Uhr erbebte vor der Ostküste Honshūs die Erde. Die sich daran anschließenden Tsunami-Wellen überfluteten die Reaktorblöcke des Kernkraftwerks in Fukushima und ließen den Notstrom ausfallen. Dies führte zur Überhitzung in zwei Reaktoren sowie zur Wasserstofffreisetzung und Kernschmelze. In den darauffolgenden Tagen folgten Explosionen sowie der Austritt von stark kontaminierten Wasser. Die Strahlenblastung nahm zu, Einwohner wurden evakuiert und die betroffenen Gebiete abgesperrt. Die Aufräumarbeiten dauern an, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Doch wie sieht es 5 Jahre nach der Katastrophe von Fukushima aus? Das zeigt Gilles Laurent – ehemaliger Tontechniker, der 2016 bei den Anschlägen in Brüssel ums Leben kam, bevor er seinen ersten, diesen Film komplett fertigstellen konnte. Sein Debutfilm La Terre Abandonée portraitiert die Einwohner des kleinen Orts Tomioka, das immer noch zum Sperrgebiet gehört und von dem eine unangenehm postapokalyptische Atmosphäre ausgeht. Selbst die Natur scheint still zu stehen, Geräusche sind rar. Eine Handvoll Menschen sind jedoch geblieben oder zurückgekehrt. Da ist zum Beispiel Naoto Matsumura, der sich weigerte wegzuziehen oder ein Ehepaar, das mit einem Strahlenmessgerät vor dem Grab seiner Verwandten steht und selbst angebautes Gemüse verzehrt, ohne mit der Wimper zu zucken. An den verlassenen Straßen reihen sich Abfallsäcke mit verstrahltem Gut – Tepco räumt auf. Die Dagebliebenen, sie essen, lachen und singen, doch die Bitterkeit scheint durch das gesellige Beisammensein, sodass man sich unweigerlich fragt, warum das Ganze. Die Antwort ist spürbar, wenn zurückgelassene Tiere vor ihrem Hungertod gerettet werden, Bienen – die keinen Honig mehr produzieren – abgefertigte Pollen bekommen, ausgesät, aber kaum geerntet wird – die Liebe zur Heimat ist einfach größer als die Angst vor einer unsichtbaren Gefahr. Ob Zeit auch hier die Wunden heilt, lässt dieser unruhige Film unbeantwortet.

IDFA 2016 | Trailer | Abandoned Land from idfa on Vimeo.

  • 残されし大地
    Nokosareshi daichi
  • Belgien 2016, Blu-ray, 73 Min., OmeU
  • Regie: Gilles Laurent
  • Kamera: Laurent Fénart
  • Produktion & Weltvertrieb: Centre Vidéo de Bruxelles
  • Deutschlandpremiere
  • Wettbewerb Nippon Visions Jury Award und Nippon Visions Audience Award
  • Vorfilm: What Happens Before War?
  • von NOddIN, Japan 2015, 8 Min., OmeU

GOOD/BYE (2016) von Izumi Matsuno – Trennung mit Hindernissen

Wann heiratet ihr? Und wann kommt das erste Kind? Schon geplant? Fragen, denen sich wohl jedes Paar einmal stellen muss, wenn sie länger zusammen sind. So ist es auch im Fall von Tamaki und Kaori, die seit drei Jahren voneinander gerennt sind, aber immer noch zusammen leben. Das geht natürlich nicht, findet auch die Tante von Kaori und will etwas unternehmen. Von Freunden und Bekannten mit Nebensätzen bedacht, finden sich beide in einer kurzsichtigen Situation wieder, gefangen zwischen der Sehnsucht nach Berührung und der Angst vor Verantwortung und Verlust. Den Gegensätzen wird man bereits in der Wohnung gewahr. Diese ist durch Klebeband aufgeteilt – Grenzen, die von beiden strikt eingehalten werden. Als Vermittler zwischen beiden fungiert ein Regal, auf dem die beiden Bücher austauschen oder sich Nachrichten in ein Notizbuch schreiben, sonst herrscht wenig Kontakt. Als beide jeweils jemanden kennenlernen, müssen sie sich der Vorstellung einer möglichen Trennung stellen. Izumi Matsuno spickt seinen Film mit liebevollen Details und einer Prise Humor. Die schrullige Tante und der ausschweifende Onkel nehmen den Film damit ein wenig die Trägheit, die hin und wieder aufkommt.

Aber was heißt es eigentlich, sich voneinander zu lösen? Dass der erste Schritt die Annahme dieser Vorstellung ist und das diese sich nach keiner vorgegebenen Zeit richtet, das zeigt Good/Bye

by OAFF Press

  • さよならも出来ない
    Sayonara mo dekinai
  • Japan 2016, Blu-ray, 76 Min., OmeU
  • Regie: Izumi MATSUNO
  • Drehbuch: Cinema College Kyoto Work Shop
  • Produktion & Weltvertrieb: Shima Films
  • Kamera: Moriro MIYAMOTO
  • Darsteller: Yoshimune NOZATO, Rieko DOTE, Takako HINAGA, Toshimitsu NAGAO, Yoshiha TATSUMI
  • Internationale Premiere
  • Wettbewerb Nippon Visions Jury Award und Nippon Visions Audience Award
Advertisements

4 Gedanken zu “Nippon Connection – Tag 1 (La Terre abandonnée | GOOD/BYE)

  1. Voll gut! Ich hatte auch echt Lust auf das Festival, aber habe leider weder Zeit noch Geld aktuell. Vor allem die Retrospektive interessiert mich.
    Aber gutti, dann folge ich stattdessen doch einfach deinem Blog!

    Gefällt 1 Person

  2. Wichtig ist nicht wie es losgeht, sondern wie es aufhört 😉
    Ich wünsche dir viel Spaß und dass ab jetzt alles nach Plan läuft. Frankfurt liegt nur eine Stunde von hier. Wenn es dein bis zum Anschlag gefüllter Festivalkalender zulässt, schau vorbei. Ich brauche noch Begleitung für Alien… 😉

    Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.