Happiness (2016) von SABU – Der Antrieb unserer Erinnerungen

Vörred: SABU-Filme wurden mir im Vorfeld als sehenswert angekündigt, weshalb ich auch beide, auf dem Nippon-Festival vertretende Filme mitgenommen habe. So ist der Regisseur mit Mr. Long und Happiness gleich zweimal repräsentiert gewesen. 

Döntjes: Happiness für mich -> Ich habe endlich einen zweiten Film für meine Kategorie zweckentfremdet gefunden!

—Milde Spoiler sind enthalten—

© rapid eye movies

Erinnerungen

In einer japanischen Kleinstadt taucht ein mysteriöser Mann mit einem großen Koffer auf. Er geht in einen Laden, um sich etwas zu trinken zu kaufen, doch die Verkäuferin blickt nur teilnahmslos ins Leere. Als Kanzaki (Masatoshi Nagase) daraufhin seinen Koffer öffnet und einen merkwürdig aussehenden Helm auf den Kopf der Frau setzt, wird diese von einer glücklichen Erinnerung erfüllt und ihre Stimmung hebt sich binnen kurzem. Schnell bekommen auch andere, darunter der Bürgermeister, etwas von seiner Erfindung mit und bitten ihn zu bleiben, um die Bewohner der kleinen Stadt aufzumuntern. Doch warum sieht Kanzaki selbst so leer aus? Er folgt der Einladung des Bürgermeisters und verweilt in dem Ort, verfolgt aber noch ein anderes Ziel. Er ist nicht nur zufällig hier und auf der Suche nach jemanden, der wesentlich mit dem Schicksal seiner Familie verknüpft ist.

Lasst euch im Trailer nicht von den fehlenden Untertiteln abschrecken, er ist auch ohne aussagekräftig und zeigt Ausschnitte zu Beginn des Films.

by Busanfilmfestival

SABU

SABU (Hiroyuki Tanaka) – geboren am 18. November 1964 in Wakayama, Japan – hat sich seinen Künstlernamen nach einer Rolle in Yoshimitsu Moritas Sorobanzuku (1986) gegeben, mit dem er seine schauspielerische Karriere begann. Sein Regie-Debüt Dangan Runner (1996), indem er in einer Nebenrolle zu sehen ist, erlangte internationale Anerkennung und auch darauffolgenden Filme (Postman Blues, Monday, Blessing Bell) zogen Erfolge nach sich. SABUs Werke zeichnen sich unter anderem durch Absurdität, Melancholie sowie durch Genre-Wechsel aus. Auch Happiness (OT: ハピネス, Hapinesu) vereint diese Attribute und fügt sich damit bestens in die Filmographie des Regisseurs  ein. Was humorvoll und absurd beginnt, entfesselt sich abrupt zu einem Rache-, Gerechtigkeitsdrama, das es in sich hat.

Filmographie als Regisseur:

Dangan Runner (1996), Postman Blues (1997), Unlucky Monkey (1998), Monday (1999), Drive (2002), Blessing Bell (2002), Hard Luck Hero (2003), Hôrudo appu daun (2005), Shisso (2005), Kanikôsen (2009), Usagi Drop (2011), Miss ZOMBIE (2013), Chasuke’s Journey (2015), Happiness (2016), Mr. Long (2017)

SABU © rapid eye movies

Masatoshi Nagase

Masatoshi Nagase in der Hauptrolle ist kein Unbekannter. So spielte der Charakterdarsteller unter anderem in Mystery Train (1989) von Jim Jarmusch und Cold Fever (1995) von Friðrik Þór Friðriksson mit. Zuletzt sah ich ihn hierzulande im Kino, im fantastischen Film Paterson (2016) -ebenfalls von Jarmusch. Dort sitzt er lesend als japanischer Geschäftsmann auf einer Bank vor einem Wasserfall und bescheinigt dem gleichnamigen Paterson Sinn für Poesie und schenkt ihm ein neues Notizbuch für seine Gedichte. Glück lag hier in den kleinen, alltäglichen Dingen. Wirkte er dort sympathisch und aufgeschlossen, ist er in Happiness alles andere als das. Gleichgültig und reserviert bringt er unbewegt neue Hoffnung in ausdruckslose Gesichter, seine letzte unverhüllte Regung aber, sieht man nur in einer Rückblende. Dass Masatoshi Nagase keinen größeren Bekanntheitsgrad angesichts seiner schauspielerischen Leistung hat, verwundert. 

Masatoshi Nagase als Kanzaki © rapid eye movies

 

Glücklich allein ist die Seele, die liebt

Der Titel Happiness darf nach der Sichtung als Provokation aufgefasst werden, denn so richtig happy wird man hier sicherlich nicht und es darf angezweifelt werden, ob es die Hauptfigur tatsächlich werden kann. Glück in Ego-Perspektiven und Instantlösungen zu suchen funktioniert in der Realität zumindest nur bedingt und gleicht dem Sprung aus einem fahrenden Zug. Nun sind wir aber in der Fiktion und SABU kontert entschieden. Seine Hauptfigur hat alles hinter sich gelassen, scheinbar nichts mehr zu verlieren und nur noch ein Ziel: Rache und Gerechtigkeit. Aus der Perspektive Kanzakis wird der Zuschauer auf die Seite des Opfers gezogen, doch statt die emotionale Welt dessen erfahrbar zu machen setzt der Film auf Gewaltexzesse, die nur sehr schwer auszusitzen sind und über die der Zuschauer massiv indoktriniert wird. Trotz dem Hinzufügen eines zweiten – etwas klischeebeladenen – Blickwinkels findet kein Wechsel dieser Wahrnehmung statt und so hängt man an der Seite des rachsüchtigen Charakter fest. Dadurch wird bedauerlicherweise verhindert, sich mit beiden Figuren moralisch auseinanderzusetzen, wobei man sich durchaus am Ende fragen kann, wer bei der Ausführung die größere Wahl hatte. So zeigt sich nur bei einem Reue und auch das Ende birgt keine effektive Befriedigung. 

Ein Seitenhieb auf die japanische Gesellschaft

Eine wesentlich spannendere Lesart eröffnet sich, wenn man sich fragt, warum diese Kleinstadt der Tristesse und Eintönigkeit verfallen ist und Angebote der Erleichterung in Sanktionen münden. Durch diese nüchterne und monotone Szenerie scheinen die Erinnerungen wie Leuchtfeuer und bergen mehr Kraft als die ungerührte Gegenwart der Gemeinde. An den heraufbeschworenen Glücksgefühlen kann man sich nicht sattsehen, gern möchte man für immer in diesen Gesichtern verweilen. Diese Blicke in die Vergangenheit kommen nicht direkt aus den Personen selbst, sondern werden extern herbeigeführt. Sich nicht von schlechten Erinnerungen gefangen nehmen lassen, dem Glück nicht allein nachzujagen, sondern es im Kontakt zu erwecken – vielleicht liegt ja darin die betitelte Happiness.

Einfach mal ein paar Knöpfe drücken. Happiness hatte seine Deutschlandpremiere auf der Nippon Connection 2017.

REGIE: SABU (Hiroyuki Tanaka) DREHBUCH: SABU KAMERA: Koichi Furuya DARSTELLER: Masatoshi Nagase, Hiroki Suzuki, Erika Okuda, Tetsuya Chiba, Arisa Nakajima LAUFZEIT: ca. 90 Minuten PRODUKTIONSLAND: Japan

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6 Gedanken zu “Happiness (2016) von SABU – Der Antrieb unserer Erinnerungen

  1. Oh man … Happiness wollte ich auch unbedingt sehen, aber das hat mit meinen restlichen Urlaubsplänen irgendwie alles nicht gepasst. Das finde ich immer noch extrem schade, weil die Prämisse des Films unheimlich interessant klingt. Aber scheinbar haben wir ja noch dieses die Chance das nachzuholen.
    Gewaltexzesse hätte ich bei dem Thema übrigens gar nicht erwartet … und obwohl ich nicht wirklich dafür bin, bin ich jetzt umso neugieriger in was für eine Richtung das geht und wie das mit der Happiness vereinbar ist. Vermutlich gar nicht…

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  2. Ich hätte Nagase ja noch stundenlang beim Knöpfedrücken zuschauen können. Daran lag etwas beruhigendes. Was ich an Happiness allerdings am beeindruckensten fand, war, wie SABU es schafft, ohne viele Worte allein durch die Blicke des Protagonisten zu erzählen. Das ist bei Mr. Long ähnlich gewesen. Schätze dadurch fand zumindest ich den gedoppelten Gewaltexzess ‚leichter‘ zu ertragen, weil ich ihn eher nachvollziehen konnte.

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    • Ja, das wird bei mir in der Schreibe um Mr. Long stehen. Hier fand es nicht so präsent, aber du hast schon Recht damit. Muss gleich mal in dein Harmonium gucken… Sooo viel zu schreiben! Sitze gerade an The Projects^^

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      • Ah, gut gut!
        Du fandest es hier echt nicht so präsent? Hmm, mich hatte er direkt am Wickel mit der zurückgeschraubten Art.

        Ohja, ich sitze auch schon wieder an A Silent Voice. Wahrscheinlich schreibe ich nur noch zu den Filmen, die noch nicht hinreichend erwähnt wurden. ^^ Sonst kommt man ja gar nicht mehr voran!

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