The Projects (2016) von Junji Sakamoto – Aufruhr im Sozialbau

Vörred: The Projects ist zu einem meiner Lieblinge beim Nippon Festival geworden. Herrlich absurd und positiv verrückt. Solltet ihr die Gelegenheit bekommen: Unbedingt ansehen!

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Kino Films Co., Ltd © 2016 „The Projects“ Film Partners Japan

Kräutermedizin und vorgetäuschter Tod

Hinako (Naomi Fujiyama) und ihr Ehemann Seiji (Ittoku Kishibe) sind nach dem Unfall-Tod ihres Sohnes vor sechs Monaten in eine Sozialbau-Siedlung – sogenannte Danji – gezogen und haben ihr Geschäft für traditionelle Kräutermedizin fast gänzlich aufgegeben. In einer Bodeneinlassung ihres Drei-Zimmer-Appartement beherbergen sie allerdings noch einige ihrer Waren, die von verhaltensauffälligen, wiederkehrenden Besuchern abgenommen wird. Um sie herum interessiert sich ansonsten kaum jemand für das Ehepaar, was sich schnell ändert, als der leicht depressive Seiji unverhofft zur Wahl des Vorsitzenden der Bewohnervereinigung aufgestellt wird, diese aber verliert. In seiner Gram versteckt er sich in der Wohnung, was für Spekulationen über dessen Verbleib sorgt. So sieht sich Hinako plötzlich mit Gerüchten, sie habe ihren Ehemann um die Ecke gebracht und die Körperteile in der Wohnung versteckt, konfrontiert. Dem will und muss natürlich auf den Grund gegangen werden. Und zu allem Überfluss bekommen die beiden auch noch ein verlockendes Angebot.

by JapanSocietyNYC

Im Schnelldurchlauf

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Kino Films Co., Ltd © 2016 „The Projects“ Film Partners Japan

Der Film ist gespickt mit japanischen Größen, darunter auch Regisseur Junji Sakamoto (My House, Children of the Dark, Human Trust), der als Regieassistent unter anderem von Sogo Ishii (Electric Dragon 80.000 V, Dead End Run, Isn’t Anyone Alive?) seine Karriere begann und auch das Drehbuch für The Projects (OT: Danji, 団地) schrieb, es sogar nur in etwa einer Woche fertigstellte. Nach 16 Jahren (Face) trifft dieser wieder auf Naomi Fujiyama (Kigeki meoto zenzai, Kao, Get Up!), die ihrer Hinako diverse Ebenen hinzuzufügen weiß, dafür aber auch ausreichend Raum bekommt. So trauert diese über den Verlust des Sohnes, schlägt sich mit ihrem verstimmten Ehemann herum, hält Nachbarschaft und Besucher in Schach und sorgt in einem ausbeuterischem Job für ein wenig Einkommen. Dabei strahlt die Schauspielerin so viel Energie und Kraft aus, dass man sich selbst mal kurz anlehnen möchte. Naomi Fujiyama hatte zwei Wochen Zeit für diesen Film und so wurde in dieser kurzen Zeit auch gedreht. Mit der zusätzlichen Bürde eines nur geringem Budget schafft es das Team dennoch vollends zu begeistern. Einen lakonischen Kontrapunkt setzt dabei ihr filmischer Ehemann Seiji, gespielt von Ittoku Kishibe (The Sting of Death, Face, Human Trust), der rastlos im Wald spazieren geht und dessen Allüren seine Frau und die Nachbarschaft umtreiben. Aber auch der restliche Cast ist hervorragend, vor allem die Mitgliederversammlungen der Bewohnervereinigung verströmen ein belebendes Hochgefühl. Auf meiner Watchlist wird der Film Face nun einen zwingenden Platz einnehmen.

Filmographie des Regisseur:

Dotsuitarunen (1989), Tekken (1990), Ōte (1991), Tokarefu (1994), Boxer Joe (1995), Biriken (1996), Scarred Angels (1997), The Goofball (1998), Face (2000), New Battles Without Honor and Humanity (2000), KT (2002), My House (2003), Out of This World (2004), Aegis (2005), Awakening (2007), Children of the Dark (2008), Chameleon (2008), Zatoichi: The Last (2010), Strangers in the City (2010), Someday (2011), A Chorus of Angels (2012), Human Trust (2013)

Meine teuflischen Nachbarn

Was eröffnen sich in diesem Feld nicht für wundervolle Möglichkeiten. Ob Polanskis Le Locataire (1976), die feierwütige Holly Golightly in Breakfast At Tiffany’s (1961), Hitchcocks Rear Window (1954) oder auch aktueller Le hérisson (2009) von Mona Achache und der anarchistische Happen High Rise (2015) von Ben Wheatley. Außerdem zu erwähnen ist: das Meisterwerk Dogville (2003) von Lars von Trier. Wenn sich die Identität im Guss der Umgebung auflöst und diese Rollen  nach Belieben besetzt werden können, dann ist man Nachbar – so auch in The Projects. Der Mikrokosmos der Danji birgt frei florierende Bedingungen für Geschwätz, Gerüchte und die unterschiedlichsten Konstellationen, je nachdem wen man eben gerade so trifft. Fluch und Segen zugleich.

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Kino Films Co., Ltd © 2016 „The Projects“ Film Partners Japan

Um Identität geht es auch hier. Hinako und ihr Ehemann Seiji sind nach dem Tod ihres Sohnes in einem Zustand mangelnder Selbstgestaltung, ihre Passion haben sie ein Stück weit aufgegeben, die Rolle der Eltern wurde ihnen genommen. Während Hinako noch versucht, sich einzufügen, verwehrt sich Seiji weitestgehend. So muss die Ablehnung zum Vorstand auch zwangsläufig in einer Katastrophe münden. Doch was dann im Verlauf passiert, ist nicht nur einfach herrlich köstlich, sondern ebenso genial. Durch das phantastische Aufbrechen dieser Komödie werden die Figuren wieder zu ihrem Ursprung geführt. Und das macht – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Mordsspaß! In anderen Filmen hätte das vielleicht zu Übersprungshandlungen und fluchtartigen Szenen aus dem Kino geführt. Hier ist man einfach nur begeistert und herrlich losgelöst. Der Humor des Films ist zugegeben ein spezieller, aber wenn man sich darauf einlässt, bekommt man ein wahres Kleinod serviert, dass man so schnell nicht vergessen wird. 

Regie: Junji Sakamoto Drehbuch: Junji Sakamoto Executive Producer: Naoya Kinoshita Producer: Yumiko Takebe, Wakana Kanno Musik: Goro Yasukawa Kamera: Ryo Otsuka Gaffer: Takashi Sugimoto Sound: Satoshi Ozaki Schnitt: Shinichi Fushima Produktionsdesign: Mitsuo Harada Darsteller/innen: Naomi Fujiyama, Ittoku Kishibe, Michiyo Okuso, Renji Ishibashi, Takumi Saito, Takayuki Takuma, Akaji Maro Produktionsfirma: Kino Films Co., Ltd © 2016 „The Projects“ Film Partners Japan Laufzeit: 103 Minuten Produktionsland: Japan

Nicht nur Globuli. The Projects hatte seine Deutschlandpremiere auf der Nippon Connection.

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2 Gedanken zu “The Projects (2016) von Junji Sakamoto – Aufruhr im Sozialbau

  1. Ich ärgere mich nur ganz dezent, ihn doch ausgelassen zu haben. Aber das fantastische Element… hmpf. Nun, man kann leider nicht alles sehen. Aber vllt wird er zumindest noch nachgeholt.

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