Her Love Boils Bathwater (2016) von Ryōta Nakano – Mit der Suppenkelle nach vorn und immer weiter

Vörred: Wie ich bereits schrieb, habe ich es am Dienstag der Nippon Connection nicht mehr in den Eröffnungsfilm geschafft, da ich aber am Wochenende noch eine Pause hatte, habe ich mir Her Love Boils Bathwater im Vorführraum angesehen. Gut so. Diese fehlende Sichtung hätte ich tatsächlich bereut – für mich der schönste und auch traurigste Film der Woche.

© Her Love Boils Bathwater Film Partners

Nicht mehr viel Zeit

Das Badehaus der Familie Kono um Mutter Futaba (Rie Miyazawa) ist seit einem Jahr geschlossen. In diesem Jahr verließ ihr Ehemann Kazuhiro (Joe Odagiri) sie und ihre Tochter Azumi (Hana Sugisaki) und verschwand. So schlägt sich die alleinerziehende Mutter seitdem mit einem Teilzeitjob durchs Leben. Als sie während der Arbeit zusammenbricht und sich daraufhin im Krankenhaus wiederfindet, bekommt die kämpferische Futaba die Nachricht, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Doch Zeit für Selbstmitleid bleibt ihr nicht: Ihre Tochter ist zu unselbstständig, das Familienunternehmen läuft nicht mehr und der Ehemann muss wieder her. Das ist noch lange nicht alles und so bietet der Verlauf der Geschichte noch einige Herausforderungen für die Familie.

by Japanese Video Subtitles

Liebevoll

Wenn Her Love Boils Bathwater (OT: Yu wo wakasuhodo no atsui ai; 湯を沸かすほどの熱い愛) eines ist, dann ein Film mit sehr starken Frauenfiguren, was sich nicht nur auf die Rolle Miyazawas, der Mutter beschränkt, die für ihre Rolle der Futaba mehrere Preise abräumte. Gemäß dem Kern der Geschichte, fügt sich die Handlung zwar weitestgehend ihrer Krankheitsentwicklung, findet aber dankenswerte Abzweigungen, die dem Verlauf nicht nur ein Vielfaches an Aufmerksamkeit bescheren, sondern ihren Figuren auch zu mehr Größe verhelfen. Ein bisschen geschüttelt, kann man sich so auf der Oberfläche treiben lassen, während es darunter sanft brodelt – vielmehr blubbert. Auffallend profiliert sind dabei die beiden jüngeren Darstellerinnen Hana Sugisaki und Ayuko Katase, die das Geschehen nicht passiv begehen, sondern den beiden Töchtern eine vehemente Entwicklung zuteil werden lassen. Der zurückhaltende und ein Stück weit ohnmächtige Vater, gespielt von Joe Odagiri, der orientierungslose Tramper Tori Matsuzaka (Takumi Mukai) und all die anderen Nebenfiguren, sie sind so einnehmend ausgearbeitet und voller Sein, dass man hier selbiges feiern kann. 

Regisseur Ryōta Nakano wurde am 27. Juli 1973 in Kyoto geboren und einem größeren Publikum durch Capturing Dad (2012) bekannt, in der zwei Töchter zu ihrem Vater reisen, der an Krebs erkrankt ist und die Familie vor 14 Jahren verlassen hat. 

© Her Love Boils Bathwater Film Partners

Was zu klären bleibt 

Wenn man einem sterbenden Menschen sagt, dass er seine Angelegenheiten regeln soll, meint man damit sicherlich oft finanzielle, organisatorische Anliegen, das ein oder andere Unausgesprochene, das Zwingende, vor allem aber Aktion. Der Mittelpunkt jedoch verschiebt sich und die heraufbeschworene dumpfe Blase schirmt vom Rest der Welt ab, macht handlungsunfähig. Zwei schwer zu verbindende Zustände, die zu einem unbestimmten Ziel hinführen. Wer weiß, wie Futabas Weg ausgesehen hätte, wäre ihre Tochter nicht in ihrem Leben. Als diese telefonisch anmeldet, dass sie Hunger und damit Bedürfnisse hat und ihre Mutter nach Hause kommen soll, ist jedenfalls eine Entscheidung gefallen. 

Statt das Sterben der Mutter direkt nachzuzeichnen, wird die knappe, zur Verfügung stehende Zeit und Dringlichkeit durch ihre Aktionen selbst vermittelt. Mit einer guten Portion Humor und viel Hinwendung zur Familie, die erst noch zusammenwachsen will, wird hier passioniert aufgeräumt. Jeder ist in Bewegung, orientiert sich zwangsläufig neu und entwickelt sich weiter. Ein Gefühl, dass auch nach Ende des Films nicht abreißt. Dabei schafft es Ryōta Nakano vor allem das Auf und Ab dieses Prozesses zu vermitteln und nicht allzusehr zu beschönigen, was zum Ende hin jedoch etwas nachlässt. Dennoch trägt man diesen Kraftakt und irgendwann, es muss ganz früh gewesen sein, gibt man auf, seine Tränen zu verorten. Freude, Erleichterung, Trauer? Egal. Man geht gern mit. 

Und ich merke gerade, dass ich nicht mehr zerreden, sondern nur noch empfehlen möchte.

© Her Love Boils Bathwater Film Partners

Her Love Boils Bathwater lief auf der Nippon Connection 2017 und ist als DVD/ Blu-Ray sowie in einer Deluxe Edition erhältlich.

RegieRyōta Nakano DrehbuchRyōta Nakano Executive ProducerMakoto Fujimoto ProducerKazumi Fukase, Yusuke Wakabayashi Musik: Theme-Song by Kinokoteikoku –  きのこ帝国 – 愛のゆくえ Darsteller/innenRie Miyazawa, Hana Sugisaki, Tarô Suruga, Aoi Itô, Tôri Matsuzaka, Joe Odagiri, Yukiko Shinohara Laufzeit: 125 Minuten Produktionsland: Japan

Zur Playlist hinzugefügt:

by UNIVERSAL MUSIC JAPAN

http://kinokoteikoku.com

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3 Gedanken zu “Her Love Boils Bathwater (2016) von Ryōta Nakano – Mit der Suppenkelle nach vorn und immer weiter

  1. Aaaaach – noch einer, den ich sehr gern gesehen hätte, jetzt noch mehr nach deiner lobenden Review 🙂 Von Ryōta Nakano habe ich außerdem noch nichts gesehen. Und der verlinkte Song ist ja wunderbar elfenhaft und melancholisch. Hat dich die Nippon Connection jetzt an die japanische Musikszene herangeführt? 😀

    Gefällt 1 Person

    • Nicht nur das. Ich fühle mich regelrecht beflügelt und jage gerade alles aus den östlichen Gefilden. Weiß auch nicht, was mich vorher abgehalten hat. Aktuell habe ich (weil Laufzeit von 2 1/2 Stunden) Udta Punjab bei Netflix angefangen, der auch vielversprechend angefangen hat. Also: deutliches Ja!

      Das Lied hat auch einen bedeutenden Auftritt im Film. Wenn du rankommst, der gefällt dir bestimmt.

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