Mommy (2014) von Xavier Dolan – Ungehörig!

Vörred: Jetzt muss ich mangels Verfügbarkeit von meiner chronologischen Reihenfolge abweichen, macht aber nichts. Mit Mommy greift Dolan wieder die Mutter-Sohn-Beziehung auf. Klare Sehempfehlung.

© Weltkino Filmverleih

Du gewinnst solange, bist du verlierst

Der verhaltensauffällige 15-jährige Steve (Antoine-Olivier Pilon) lebt in einem Heim für schwer erziehbare Kinder. Als er dort mit anderen Jugendlichen ein Feuer legt, sieht sich die Anstaltsleitung gezwungen, seine Mutter Diane „Die“ Després (Anne Dorval) zu kontaktieren und ihn abholen zu lassen. Diane bleibt nur die Wahl ihren hyperaktiven Sohn der Sicherheitsverwahrung zu überlassen oder ihn mit nach Hause zu nehmen, obwohl dieser zu Gewaltausbrüchen neigt und schwer zu bändigen ist. Weil sie ihren Sohn liebt und nicht weggeschlossen sehen will, nimmt sie ihn wieder bei sich auf. Nachdem Steve einer seiner Wutausbrüche hat und sich dabei verletzt, machen sie Bekanntschaft mit der Nachbarin Kyla (Suzanne Clément). Die schüchterne Frau bringt kaum ein flüssiges Wort heraus, zeigt aber Interesse an dem extrovertierten Paar und unterrichtet Steve auf Bitten seiner Mutter. Zwischen den Dreien entwickelt sich eine bejahende Zweckgemeinschaft, die Steve Raum zur Entfaltung bietet, Kyla Selbstvertrauen zurückgibt und der resoluten Die genügend Luft für den Alltag lässt. Das Glück scheint perfekt.

by Weltkino Filmverleih

I said maybe, you’re gonna be the one that saves me

Die Mutter-Sohn-Beziehung noch einmal aufgreifen, das wollte Xavier Dolan (I Killed My Mother, Herzensbrecher, Laurence Anyways) mit Mommy, auch wenn beide Filme auf den zweiten Blick wenig miteinander gemein haben. So liegt der Schwerpunkt im Erstlingswerk auf der Abhängigkeit und Gegensätzlichkeit einer Beziehung, die in der Pubertät Abgrenzung sucht und zwischen Hass und Liebe schwankt. In Mommy ist die emotionale Beziehung zwischen Mutter und Sohn definierter, der Konflikt entsteht nicht nur durch die Verbindung selbst. 

Das Handikap der Eigenwilligkeiten

Anne Dorval verkörpert in beiden Filmen die Mutter. Den geblümten Zweiteiler und die Lampenschirme im Zebra-Look tauscht sie hier mit runtergerockter Verjüngungs-Kluft, billigen Strähnen und Fluppe im Mund – das Raumspray griffbereit – schrill, exzentrisch, mit uneingeschränkter Liebe zu ihrem Sohn, der ihr Leben ungehörig durcheinander bringt. Wer sich hinter diesem Aufzug verbirgt, scheint auch sie vergessen zu haben, lernt man jedoch ihren Sohn Steve – gespielt von Antoine Olivier Pilon – kennen, bietet sich eine vergegenwärtigte Version ihrer selbst. Steve hat sich noch nicht zurückgezogen, lebt ungezügelt Neigungen aus und schert sich nicht um Regeln. Mit der Perspektive eines jugendlichen Straftäters, entspricht er seinem steten Schatten. Maßregelungen werden mit Drohgebärden, Hasstiraden und Gewalt beantwortet. Antoine Olivier Pilon lässt die eigentliche Absicht der Übersprungshandlungen durchscheinen, sodass es schwerfällt den impulsiven Steve von vornherein abzuschreiben, die grellen Dialoge machen zudem deutlich, dass es um die alltäglichen Bedürfnisse in einer Beziehung geht. 

Als sozialer Kit tritt dann schließlich die Lehrerin Kyla auf den Plan. Suzanne Clements zögerliche und vor sich hin stotternde Figur scheint völlig deplatziert in dieser Geschichte, zu zart, zu zerbrechlich, um vor den beiden zu bestehen. Dieser Gegenpart, selbst vermutlich Opfer von ihren Schülern, ist gewollt – manchmal zu sehr. Nichtsdestotrotz kann man in ihrer Figur verschnaufen und durch deren Augen Mutter und Sohn viel Positives abgewinnen.

Während sich Kyla im Verlauf langsam aus ihrer Zwangsjacke  rausschält, stecken Dolan und sein Kameramann André Turpin den Zuschauer in ein 1:1 Bildformat. Der Kanadier Turpin zeichnet sich für die warme, aber auch dynamische Gestaltung verantwortlich und bereicherte bereits Denis Villeneuves‘ Maelström (2000) sowie Incendies (2010).  So wird man in das Schicksal der Gemeinschaft nicht nur eingebunden, sondern hineingepresst, der Fokus verharrt auf den Figuren. Visuell ist die Umsetzung so pointierter, als man es aus I Killed My Mother oder Herzensbrecher vielleicht kennt.

© Shayne Lavardière

Erwachsenwerden, Erwachsensein

Unruhe, Aggression, Frust, Hoffnung und Liebe. Mommy ist ein unbequemes Aussitzen, das zwischen diesen Themen hin- und herrutscht, bis einem der Stuhl weggezogen wird. So gellend und entfernt einem die Figuren am Anfang erscheinen, so leise wachsen sie einem mehr und mehr ans Herz. Auch dieser Entwurf – wie schon bei Herzensbrecher – ist dem Betrachter näher, als man anfänglich vielleicht annimmt. Der enge Rahmen, indem sich Mutter und Sohn bewegen, überträgt sich nicht durch das Bildformat auf den Zuschauer. Es ist vor allem Steve, der sich nicht seinen Gefühlen gemäß verhalten kann, auch Diane und Kyla sind gesellschaftliche und familiäre Beschränkungen auferlegt, mit denen sie einen Umgang finden müssen. Über allem schwebt die Frage, was (Mutter-)Liebe leisten kann und was sie muss. Wenn Oasis‘ Wonderwall einen Bogen im Film spannt, dann sind  für einen Moment alle ihrer immanenten Zustände beraubt und es kann durchgeatmet werden, ist das Unbewegliche für einen Moment enthemmt und Mommy als freiheitsliebender Film enttarnt – kraftvoll, ungestüm und mitreißend.

„Ihr Skeptiker werdet schon sehen!“ Mommy ist als DVD und Blu-ray erhältlich.

Diese DVD wurde mir freundlicherweise von Weltkino bereitgestellt.

RegieXavier Dolan Drehbuch: Xavier Dolan Schnitt: Xavier Dolan Kamera: André Turpin Musik: Noia Kostüme: Xavier Dolan SchauspielerInnen: Anne Dorval, Antoine Olivier Pilon, Suzanne Clément, Alexandre Goyette, Patrick Huard, Michèle Lituac, Viviane Pascal, Natalie Hamel-Roy, Isabelle Nélisse Produktion: Nancy Grant und Xavier Dolan Künstlerische Leitung: Colombe Raby Produktionsland: Kanada Laufzeit: 139 Min. Format: 1:1 FSK: Ab 12 Jahren Webseite: www.mommy.weltkino.de Verleih: Weltkino Filmverleih

Zur Playlist hinzugefügt:

  • Childhood – Craig Armstrong
  • Counting Crows – Colourblind
  • Beck – Phase
  • Ludovico Einaudi – Experience (In A Time Lapse)

 

 

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5 Gedanken zu “Mommy (2014) von Xavier Dolan – Ungehörig!

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