Wonder Woman (2017) von Patty Jenkins – Episch, schwungvoll strauchelnd

Vörred: Am Montag ganz beschwingt in die Sneak und siehe da… Die Ankündigung gab das Genre Fantasy vor, vorausgehend: überschwengliche Bewertungen – da blieb nicht mehr viel zur Auswahl (eher gar nichts) – und so gab es zu Beginn des Films dann auch keine große Überraschung. Die folgenden Sätze lassen ein gewisses Frustrationsniveau meinerseits erkennen unter dessen Einfluss die Sichtung ein wenig gelitten hat.

Döntjes: Offenbar muss man mit allerlei Dingen rechnen, wenn man einen Blockbuster in die Sneak des Programmkinos holt:

  1. Menschen verlassen bereits nach ein paar Minuten das Kino – schade!
  2. Ein Blockbuster ist ein Freifahrtsschein, das Rudelverhalten dem des Publikums von Multiplexen anzupassen – unerträglich, mag aber auch ein wenig der langen Laufzeit geschuldet gewesen sein (und ich möchte hier nur die redseligen, laut vor sich hin mampfenden und rascheligen Zuschauer gemeint wissen).
  3. Der Alkoholkonsum steigt, wenn man Nachos, Popcorn und Cola nicht zur Hand hat, was dann Punkt 2 verstärkt – fast soweit: für ein Alkoholverbot im Kino!

Besatzung: T. und Z. waren dabei. Dem Film ging (bedauerlicherweise) zunehmend die Luft aus, fand T. Auch, dass er seiner weiblichen Hauptfigur zu wenig vertraut, wurde bemängelt. Der starke Anfang und die No Man’s Land-Szene habe allerdings einiges aufgefangen, vor allem ihr Theme wurde gelobt. Für Z. hätte der Film eine feministischere Linie vertragen können. Sie sah sich außerdem zwischendurch gezwungen, lautstark nach hinten zu maßregeln. Das halbe Kino war ihr dankbar dafür. Ich auch. 

Vom Paradies in die Hölle

Auf den begrünten Klippen der Insel Themyscira lebt das Volk der unsterblichen Amazonen unter der Regentschaft Königin Hippolytas (Connie Nielsen) und ihrer Schwester Antiope (Robin Wright). Die kämpferischen Frauen leben in Frieden, abgeschirmt von der Außenwelt, um eines Tages ihrer Aufgabe gewahr zu werden, die Menschheit vor dem Kriegsgott Ares zu beschützen. Doch nicht jede glaubt noch an diesen Kampf, zulange hat man in Frieden und Abgeschiedenheit gelebt. Hippolytas Tochter Diana (Gal Gadot) – von ihrer Mutter aus Ton geformt und das einzige Kind auf der Insel – brennt hingegen für diese Aufgabe. So verschafft sie sich zunehmend ihren Willen, die Kampfkunst zu beherrschen, um eines Tages den „Gotttöter“, das Schwert, das den Kriegsgott vernichten kann, gegen ihn zu richten. Diana wächst zur einer willensstarken und couragierten Amazone heran, deren Fähigkeiten noch keine Grenzen erfahren haben.

Unterdessen spioniert der US-Amerikaner Steve Trevor bei den Deutschen im ersten Weltkrieg und entwendet dort das Notizbuch der Giftmischerin Isabel – Dr. Poison – Maru (Elena Anaya), die gemeinsam mit General Erich Ludendorff (Danny Huston) eine zerstörerische Waffe schaffen will. Trevor wird erwischt und auf der Flucht mit seinem Flugzeug abgeschossen. Im Mittelmeer ertrinkend, rettet ihn Diana und nachdem diese von den Geschehnissen außerhalb Themysciras erfährt, nimmt sie sie den Gotttöter, das Lasso der Wahrheit und die Amazonenrüstung mit den unzerstörbaren Armschienen an sich. Gemeinsam brechen die beiden nach London auf, von wo aus Prinzessin Diana, nun als Diane Prince getarnt, den Kriegsgott Ares finden und töten will.

by Warner Bros. UK

Spannende Inszenierung, sparsamer Inhalt

Kontrastreich und stimmungsvoll verfrachtet Patty Jenkins (Monster) die Zuschauer von der paradiesischen Insel ins industrielle und stickige London und damit mitten ins Kriegsgeschehen. Das kommt erfreulicherweise nicht arg verharmlost daher, so dass der Ton inhaltsgetreu konsequent ist – lebhaft und farbenfroh bis düster und dreckig. Die Kampfszenen, allen voran die vielbeachtete No Man’s Land-Szene sind nicht nur Hingucker (Kamera: Matthew Jensen), sondern so kernig und athletisch inszeniert, dass man der Superheldin – Gal Gadot – in den Kampf gegen das Böse überall hin folgt. Gadot, die viel Raum erhält, überzeugt so auf ganzer Linie als Kriegsprinzessin und auch die anfangs zurückhaltenden, aber entschlossenen Züge stehen ihr gut. Die ausladende Screentime hat jedoch auch Nachteile. Ihr Sidekick Steve Trevor, gespielt von Chris Pine, kommt dabei noch ganz gut weg, auch wenn auf manche humoristische Entgleisungen in diesem Doppel hätte verzichtet werden können (Uhr-Penis-Vergleich-gähn).

Über andere Figuren können dann nur noch wenig Worte verloren werden. Es ist das ewige Drama mit Superheldenverfilmungen, dass auf glaubwürdige und mehrschichtige Figuren einfach verzichtet wird, obwohl hier ausreichend Zeit zur Verfügung gestanden hätte. Die Nebenfiguren lockern auf, aber darauf und nur darauf beschränkt sich deren Funktion. Dass Wonder Woman sich in diesem Punkt der Qualität Marvels anpasst, ist kein Kompliment: 

  • Diana/ Wonder Woman – dickköpfig, naiv, mutig, kämpferisch, empathisch, entschlossen, liebend, idealistisch
  • Steve Trevor – von sich selbst überzeugt, höflich, idealistisch, desillusioniert
  • General Erich Ludendorff – böse, hinterhältig, machtgierig
  • Dr. Poison – kaltblütig, böse, hinterhältig
  • Etta Candy – humorvoll, loyal
  • Charlie – traumatisiert, musikalisch
  • Sameer – charmant, eloquent
  • The Chief – native
  • Ares – böse

„I’m both frightened and aroused“

—milde Spoiler—

Diese schmalen Attribute legen dann auch an manchen Stellen spürbare Fragezeichen frei. Die empathische Diana sieht zum ersten Mal Krieg und dessen Auswirkungen, bleibt davon aber nahezu unbeeindruckt und wird mit viel, viel Pathos nach vorn gepusht, anstatt ihr etwas Zeit zu gönnen und daraus ihre Kraft und Stärke zu entwickeln. Nur, weil sie von vornherein die Heldinnenrolle inne hat und diese nicht erst entdecken muss, kann man ihr die ein oder andere Schwäche – abseits der Kugel Eis – zugestehen. So häufig, wie Dianas Schönheit, anstelle ihrer anderen Eigenschaften herausgestellt wird, musste man außerdem die Befürchtung haben, dass einem dieser Fakt entgeht. Und so gab es einige Szenen, die bei aller Frauenpower wieder in althergebrachte Muster verfallen. Die unnötig reingegärtnerte Lovestory, die zudem den bisexuellen Hintergrund Wonder Womans völlig ignoriert. Hätte man das nicht mindestens andeuten, wenn nicht sogar umsetzen können? Es wäre eine Bereicherung für den Film gewesen und eine Entschärfung meines Würgereflexes wäre vermutlich die unmittelbare Folge davon. Auch mit dem Hintergrund ihrer Naivität und dem Auftreten Trevors als Mentor und Mansplainer, kann dieses (sexuelle) Konzept zumindest in Frage gestellt werden. 

—Spoiler Ende—

Man darf vielleicht nicht vergessen, dass Wonder Woman – geschaffen vom Psychologen William Moulton Marston, dem Vorbereiter des Lügendetektors (Lasso der Wahrheit) – bereits 1941 entstand und zu dieser Zeit als feministisch galt. Dass eine Heldin eine wichtige Ergänzung zum männlich dominierten Superheldenuniversum ist, ist auch keine Frage. Doch nur, weil eine Frau ins Zentrum gerückt wird, findet noch lange keine Gleichberechtigung statt. So dürften sich hier auch die männlichen Nebenfiguren, Ares eingeschlossen, fragen, was sie in diesem Film zu suchen und zu finden hatten. In einem zweiten Film wird hoffentlich auf mehr Ausgewogenheit gesetzt, anstatt mit bloßer weiblicher Präsenz glänzen zu wollen. 

The Lasso of Truth

Die Story lässt sich in drei Teile gliedern – mit einem großartigen Anfang auf Themyscira, einem durchwachsenen zweiten Teil (einschließlich wunderbarer Sequenz im No Man’s Land) und dem gnadenlos gescheiterten Finale, indem sich wieder Umliegendes und One-liner an den Kopf geworfen werden, Sachen explodieren und tragische Helden geboren werden. Über Bösewicht Ares müssen keine großen Worte gemacht werden. Er wäre sogar entbehrlich für die Geschichte gewesen. Was man positiv anmerken muss, die Bemängelungen fallen nicht stark auf. Der Unterhaltungsfaktor ist äußerst hoch und auch die Atmosphäre ist mehr als gelungen. Wonder Womans Theme (Wonder Woman’s Wrath) ist einprägsam und lodert in den richtigen Momenten episch auf, überhaupt ist das Tempo fast durchgängig angenehm. Je nach Messlatte (DC, Marvel), kommt Patty Jenkins Abenteuer doch noch ganz gut davon und ist insgesamt eine angenehme Überraschung innerhalb des Genres. 

„May we get what we want. Get what we need. And never get what we deserve.“ Wonder Woman ist seit dem 15.06.2017 im Kino zu sehen.

Regie: Patty Jenkins Drehbuch: Allan Heinberg (Drehbuch), Zack Snyder & Jason Fuchs (Story) Schnitt: Martin Walsh Kamera: Matthew Jensen Musik: Rupert Gregson-Williams Kostüme: Lindy Hemming SchauspielerInnen: Gal Gadot, Chris Pine, Connie Nielsen, Robin Wright, Danny Huston, David Thewlis, Saïd Taghmaoui, Ewen Bremner, Eugene Brave Rock, Lucy Davis, Elena Anaya, Lilly Aspell, Lisa Loven Kongsli Produktionsdesign: Aline Bonetto Produktionsländer: USA, China, Hong Kong Laufzeit: 140 Minuten Format: 2.35 : 1 FSK: Ab 12 Jahren Webseitehttp://wonderwomanfilm.com/

Zur Playlist hinzugefügt:

Rupert Gregson-Williams

  • Angels On The Wing
  • No Man’s Land
  • Wonder Woman’s Wrath
  • Action Reaction



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11 Gedanken zu “Wonder Woman (2017) von Patty Jenkins – Episch, schwungvoll strauchelnd

  1. Ach Mann, es ist so gemein, dass die Rezension eines Filmes immer auch von der eigenen Verfassung und den Mitmenschen abhängt. Ärgerlich. Ich kann deine Kritikpunkte alle nachvollziehen. Ich mochte zwar das düstere Setting, dachte aber die ganze Zeit, was denn dann bitte mit dem 2. Weltkrieg ist. Ich fand Dr. Poison ganz ganz toll. Gal und die Sekretärin (die gerne mehr Screentime hätte bekommen können) auch und die Damen der Insel eigentlich auch.
    Und zu Ares. Hmm..Wie immer eine Rolle, die selbst meinem Liebling nicht genügend Platz zum entwickeln hat, aber ich fand es erfrischend, dass einfach mehrere Bösewichte da waren.
    Und wie gesagt, für mich war der Kniff der Enthüllung keine Überraschung, weshalb ich mich einfach beömmelt habe.
    Bezüglich Feminismus: Ich fand die Art, wie Diana mit ihrer Mutter agiert, wie sie ernstgenommen wird, wenn sie sagt, dass sie jetzt da mit muss und das das ihr Weg ist, sie aber auch Fehler machen darf. Das fand ich ganz wichtig. Sie darf kindlich sein. Sie darf auch hilflos oder verwirrt sein. Das fand ich toll. Nicht so toll sind die scheiß Schuhe mit Absatz. lach Und dieser doofe Anfang und das doofe Ende im Hier und Jetzt, damit ja alle mitbekommen, dass bald der Justice-League-Film kommt. Hat mich total gestört.

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  2. Ich bin ja tatsächlich noch nie in meinem Leben in einer Sneak-Preview gewesen. Keine Ahnung, warum das so ist 😀

    Zu „Wonder Woman“: Ich mochte den Film sehr, auch wenn er seine kleinen Fehler hatte. Man hätte vieles besser machen können, aber auch vieles noch viel schlimmer. Ich finde es großartig, dass sie den Charakter so abgesondert von den anderen DC-Justice-League-Helden betrachtet haben. Alles andere wäre einfach nicht gut gewesen. Die Handlung fand ich eigentlich ziemlich gut, es fehlte nur mal wieder, ein guter Bösewicht, der irgendwas taugt. Aber immerhin strahlt Gal Gadot diese Wonder-Woman-Aura perfekt aus. Da kann man das verschmerzen.

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  3. Ich kann mich noch an OV-Vorstellungen und Sneak-Previews erinnern – übrigens ist es eine ungeschriebene Regel, dass egal wie schlecht der Film ist, man nicht den Raum verlässt – in der die Leute selten Popcorn mit rein nahmen und andächtig und still den Film genossen. Aber heute hat man Telefone, geknister und geknatter und Leute, die sich ständig in Zimmerlautstärke unterhalten. Absolut lästig. Sneak Preview kann ich gar nicht mehr gehen, da die letzten paar Mal eine Frau war, die einen ganz besonderen Lacher hat, der sich bis in die nächsten Räume noch hörbar ist. Ich freue mich ja, dass es ihr gefällt und sie Spass hat, nur leider ist das Gekreische etwas lästig und übertönt ab und an auch den Ton. Kein Witz, leider.

    Spoiler

    Zu Wonder Woman, ich fand ihn gut – die Romanze war mir recht wurscht – immerhin hat sie ihr Ding durchgezogen und sich nicht von einem Mann (ver)leiten lassen, dass sie Sex haben werden war klar, wenn er der erste Mann ist, den sie je sieht. Dass er sich natürlich gegen Ende in den Tod stürzt und alle rettet, fand ich auch etwas übertrieben und es wirkte sehr egoistisch (ich, der Mann, der Retter). Aber du hast schon Recht, dass gerade die Liebe zu einem Mann ihre Kraft bestärkt hat – wobei es mMn nicht so stark ins Gewicht fällt, weswegen es mir nicht ganz so negativ auffiel.

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    • Ja, es ist wirklich lästig. Wie ich auch schrieb, kann ich mir vorstellen, dass der Film unter diesem Einfluss stand. Spätestens bei Ares Aufdeckung gab es in den hinteren Reihen kein Halten mehr.
      Zu WW (Spoiler): Ich fand es auch nicht schlimm und habe das erwartet. Mich hat es aber völlig rausgehauen und genau das Ende, das du beschreibst, hat es dann so halb bestätigt. Wäre eine Frau in der Gruppe gewesen und die Szene wäre mit ihr so abgelaufen, dann wäre dieser Film (in seinen Blockbuster-Grenzen) der große Wurf gewesen, für den ihn viele halten. Ärgere mich auch etwas, an diesem Thema jetzt mitrumzudocktern, weil es eigentlich keine Rolle spielen sollte…
      Und zuletzt: Das ist der erste Superheldenfilm, wo eben diese ganzen Dinge nicht groß auffallen. Das kam vielleicht nicht so gut rüber, aber ich hatte wirklich Spaß dabei und würde mir vielleicht sogar einen zweiten Teil ansehen 😉

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  4. Sehr schöne Rezension. Als DC-Fan muss ich noch unbedingt in den Film gehen. Wie hast das mit den Bildern geregelt? Warner hat es nicht so mit Bloggern und verwehrt wohl gerne die Zustimmung deren Bilder einzusetzen. Habe ich zumindest mal vor kurzem gelesen.

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  5. Oh. Die Romanze zwischen Diana und Steve fand ich noch ganz angenehm, gerade auch, weil das Rollenverhältnis in meinen Augen ganz nett aufgegliedert wurde.
    SPOILER: Inzwischen frage ich mich nur, ob deren Ende in dieser Art so nötig gewesen wäre. Irgendwie verdirbt es mir etwas die Begegnung auf Augenhöhe. SPOILER ENDE
    An sich war mir Ares‘ Motiv weitaus nachvollziehbarer, als es bei Ludendorff und seiner Doktorin der Fall war. Aber da wurde alles gegen die Wand gefahren, was nur möglich war. Und die Dialoge befanden sich in der Tat auf unterstem Niveau, was das Ganze noch reizloser gestaltete. Typisch.

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    • Es gab viele Lacher im Vorfeld, weshalb mich das vielleicht auch ein wenig rausgehauen hat. Spoiler: In der Tanzszene fühlte ich mich kurz an Romancing the Stone erinnert. Ankleiden (im Vorfeld), Tanzen, Sex, irgendwie schmalzig. Ich hätts nicht gebraucht. Und jaa, das Ende… Der tragische Held musste wieder ein US-Amerikaner/ Mann sein, von dem sie ihre Kraft bezieht. Ares ist ja auch ein Stereotyp, da er ein Gott ist, aber etwas mehr hätte ich mir schon gewünscht.

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